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Forschung an der Zukunftsmaschine : Die Berechnung der Welt

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Aus der Physik kannte Helbing das Phänomen, dass Stoffsysteme lange stabil bleiben, unter bestimmten Bedingungen ihre Zustände aber plötzlich ändern. In gewisser Weise schien das auch auf Menschengruppen zuzutreffen: So wie Wasser unter null Grad plötzlich gefriert, so können auch scheinbar stabile soziale Ordnungen innerhalb von wenigen Tagen zerbrechen. Die Finanzkrise war für Helbing ein perfektes Beispiel für einen solchen Zusammenbruch. Gerade in der globalisierten Welt könnte die Gefahr von Kettenreaktionen wachsen. Wie in der Physik, fand er, müsste man die zugrunde liegenden Gesetze erkennen, um solche Krisen vorherzusehen und abzuwenden.

Die Psyche als Schwäche

Zuerst hat sich Helbing Fußgänger angeschaut - bei denen funktioniere alles reibungslos: Fußgänger überholen sich, laufen aneinander vorbei oder nebeneinander her, ohne sich gegenseitig zu behindern. Sie bahnen sich ihren Weg, trotz Gegenverkehr, trotz unterschiedlicher Geschwindigkeiten. Auf Konferenzen zeigt Helbing Videoaufnahmen von Fußgängerzonen. „Sehen Sie“, sagt er dabei, „von ganz allein machen Passantenkollektive alles richtig. Da klappt die Selbststeuerung!“

Warum klappt sie aber nicht bei Autofahrern, die Staus verursachen, bei Fans der Loveparade, die sich in einen Tunnel drängten, bei Feueralarm im Kaufhaus oder bei Pilgern in Mekka? „Das Problem ist hierbei immer, dass das Ergebnis der Interaktion etwas ist, das keiner will. Selbstorganisation funktioniert bei diesen Kollektiven nicht.“ Auf dem Gebiet der Komplexitätsforschung wurde Helbing zur Koryphäe vor allem mit den Analysen des Straßenverkehrs und von „crowd desasters“ - das Wort „Massenpanik“ mag er nicht, es würde die Gründe für das Chaos in der Psyche suchen statt in der Physik. In Zusammenarbeit mit Verkehrsplanern und Behörden hat er die Sicherheit der Pilgerrituale in Mekka erhöht. Die Trophäe, die seine Leistung in arabischen Schriftzügen würdigt, steht auf dem Regal neben dem Schreibtisch.

Während er die Interaktion der Pilger von Mekka vorausberechnet hat, will er den Verkehr in Echtzeit programmieren. Auf einer Konferenz in Berlin im August präsentierte er mit einer Computersimulation, wie es zu Stau auf der Autobahn kommt. „Dieses Auto“, er deutete auf einen schnellen roten Sportwagen, „müsste nur ein bisschen langsamer fahren.“ Seine Simulation zeigt: Stau entsteht, weil Autofahrer keinen Überblick haben. „Wird die Interaktion aber leicht geändert, funktioniert alles störungsfrei!“

Seine Ampeln richten sich nach dem Verkehr

Aber wie soll die Interaktion geändert werden? Will Helbing die Autos alle mit einem Supercomputer verbinden, der sie entsprechend seinen Berechnungen fernsteuert? „Nein“, wehrt Helbing ab, „wir wollen keinen Big-Brother-Apparat entwerfen.“ Zusammen mit Volkswagen hat er computergestützte Assistenten für Fahrzeuge entwickelt. Sie kommunizieren miteinander und geben den Fahrern Ratschläge zur Geschwindigkeit. So braucht es keine Zentrale wie den Radiosender und seine Verkehrsmeldungen mehr. „Das ist Bottom-up“, erklärt Helbing.

Auch Ampeln programmiert er so, dass sie je nach Verkehr die Farbe wechseln. Darauf hat er ein Patent. „Verkehrsströme sollen die Ampeln steuern und nicht andersherum, der wohlmeinende Diktator funktioniert nicht. Die Komplexität der Welt kann nur mit mehr Dezentralität bewältigt werden.“

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