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Medienökologin über die Flut : „Wir brauchen weniger apokalyptische Bilder“

Von innen nach außen – die zerstörten Gleise der Ahrtalbahn bei Marienthal, daneben die zerstörte Bundesstraße B 267. Bild: Rainer UNKEL

Schutzmaßnahmen allein reichen nicht – wir brauchen neue Erzählungen, sagt die Medienökologin Birgit Schneider. Im Interview spricht sie über die Darstellung des Klimawandels und die Kluft zwischen Wissen und Handeln.

          8 Min.

          Die Flutkatastrophen in Deutschland schockieren, weil sie so zerstörerisch und lebensvernichtend waren. Hiesige Regionen sind in enormem Ausmaß betroffen. Waren es wirklich die Warnsysteme, die nicht ausgereicht haben, oder fehlte vor allem das Vermögen, sich so ein Ereignis auszumalen?

          Novina Göhlsdorf
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Beides kommt zusammen. Das Unvermögen, sich eine solche Katastrophe vorzustellen, ist sehr menschlich, glaube ich. Man muss so etwas in dieser Stärke erlebt haben, um es sich vorstellen zu können. Dass die eigene, lokale Natur so gewalttätig wird, kannten Menschen in Deutschland vorher nicht. Zugleich hat die Klimaforschung eine Zunahme von Starkregenereignissen vorausgesagt. Daher wird zu Recht danach gefragt, was man hätte tun müssen, um die Leute vor Ort besser darauf vorzubereiten.

          Glauben Sie, diese Erfahrung wird den Blick auf den Klimawandel nachhaltig verändern?

          In der Deutung der Flutkatastrophe zeigt sich, wie verschlungen menschliche Eingriffe und natürliche Ereignisse sind. Haben wir jetzt also eine Flutkatastrophe erlebt oder den Klimawandel zu spüren bekommen? Ja und ja. Dieses Ereignis geht auf globale Ursachen wie die Veränderung des Jetstream zurück. Und zugleich wurden mit der Versiegelung von Flächen ganz lokal Fehler gemacht. In der Entwicklung des Klimawandels hat sich gezeigt, dass die Gesellschaften, die am härtesten davon betroffen sind, sich am ehesten vorstellen können, was es bedeutet, unter dem Klimawandel zu leiden. Bislang haben wir diese Erfahrung vor allem mit Gesellschaften im globalen Süden verbunden. Jetzt kommt sie auch uns nah, an Wohnorte, an denen das unsere Imagination nicht vorgesehen hatte. Eine sinnliche Wahrnehmung des Klimawandels war hier bisher nicht möglich – jetzt ist sie es.

          Die Potsdamer Medienökologin Birgit Schneider
          Die Potsdamer Medienökologin Birgit Schneider : Bild: Iris Janke

          Wenn wir nun also zum Beispiel Bilder der aktuellen Flut in China sehen, erscheint die uns nicht mehr so fern?

          Das wird durch eine globale Ungleichheit auch in der Bildpolitik von Zeitungen und anderen Medien verkompliziert. Die Verwundbarkeit von Menschen wird verschieden dargestellt, je nachdem, wo sie leben. In der deutschen Berichterstattung aus Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz wurden Menschen nach der Flut gezeigt, die verzweifelt vor ihrem verlorenen Hab und Gut stehen. Oder Politiker, die diese Orte abschreiten und Hilfe anbieten. Man sieht Akteure, trotz aller Fassungslosigkeit. An die Bilder von Flutkatastrophen, zum Beispiel aus Bangladesch, sind wir nicht nur gewöhnt, sie stellen die Menschen auch viel stärker als Opfer dar, die etwa bis zur Hüfte im Wasser stehen. Deutsche Mitbürger sieht man so allenfalls auf Privataufnahmen in sozialen Medien. Akteure hier, Opfer dort: Das gehört zur Ikonographie von Katastrophen und zieht Distanzen dort ein, wo Erfahrungen vergleichbar sein könnten.

          Sorgen um die Zukunft des Planeten und ökologische Fragen sind seit den siebziger Jahren ein Thema. Das politische Reden und Handeln hat das lange kaum beeinflusst. Bis heute ist zu wenig getan worden, doch der Diskurs hat sich verändert. Unter fast allen Politikern ist der Hinweis auf Klimaschutz zum rhetorischen Reflex geworden. Auch Horst Seehofer sagte nun, niemand könne bezweifeln, dass die Flut mit dem Klimawandel zusammenhängt.

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