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Flüchtlingsstrom : Wir haben sie kommen sehen

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge aus dem Senegal in Marokko Bild: dpa/dpaweb

Ein visionärer Film, der dem spanischen Fernsehen mit gutem Grund zu realistisch erschien: „Der Marsch“ beschrieb vor fünfzehn Jahren ein Szenario, wie wir es jetzt in den spanischen Exklaven in Marokko erleben.

          Wir können nicht sagen, man habe uns nicht gewarnt. Die dramatischen Bilder der afrikanischen Flüchtlinge, die, aus dem armen Süden kommend, zu Tausenden die spanischen Exklaven in Marokko bestürmen und sich massenhaft gegen die Grenzen der dünn umzäunten Wohlstandsfestung Europa werfen, diese Bilder haben wir schon einmal gesehen.

          Damals, vor fünfzehn Jahren, strahlte die ARD ein von der BBC produziertes Fernsehspiel mit dem Titel „Der Marsch“ aus, das den Aufbruch Zehntausender verzweifelter Menschen aus einem sudanesischen Flüchtlingslager erzählt. Fünf lange Jahre, so die Erfindung, hat es in Äthiopien und Somalia, im Tschad und im Sudan nicht mehr geregnet, und die Hilfsmittel aus Europa und den Vereinigten Staaten sind im Filz der korrupten Regime ihrer afrikanischen Heimatländer verschwunden.

          Bilder des Elends im Wohnzimmer

          Angeführt von dem charismatischen Lehrer Isa El-Mahdi, zieht der Treck in Richtung Europa, um dem sicheren Hungertod zu entkommen. Auf dem Weg zur marokkanischen Küste schwillt das Heer der Hoffnungslosen auf Millionen von Menschen an. Nicht kriegerische Absicht treibt sie gen Norden, sondern Verzweiflung. Die Masse der Ohnmächtigen besitzt keine andere Macht mehr als die, vor unseren Augen zu sterben. Ihre Botschaft ist unmißverständlich: „Wir sind arm, weil ihr reich seid. Jetzt kommen wir zu euch, damit ihr uns sterben seht.“ Seine Wirkung bezieht der Marsch der Hungernden vor allem daraus, daß er - quasi in einem Film im Film - schnell zu einem internationalen Medienereignis wird. Reporterteams schwärmen aus und liefern die Bilder des Elends direkt in die Wohnzimmer der Wohlstandsgesellschaft.

          Was der britische Autor William Nicholson 1990 im Drehbuch zu „Der Marsch“ als düstere, biblisch unterlegte „Was wäre wenn“-Vision beschwor, hat heute, nur fünfzehn Jahre später, beklemmende Aktualität gewonnen (siehe auch: William Nicholson über seinen Film „Der Marsch“). Nach Schätzungen des Innenministeriums in Rabat halten sich in Marokko mittlerweile rund 20.000 Flüchtlinge aus Ländern südlich der Sahara auf, die nach Spanien fliehen wollen. Sie sind bereit, auf der Fahrt über das Mittelmeer ihr Leben zu riskieren, viele finden in ihren seeuntüchtigen Booten den Tod: „Wir haben keine Garnelen, sondern Leichen in den Netzen - das ist die Situation im Mittelmeer vor der libyschen Küste“, berichteten im vorigen Jahr italienische Fischer.

          Dramatische Szenen

          In Melilla sollen die Sperrzäune entlang der zehn Kilometer langen Grenze nun auf sechs Meter erhöht werden. Die marokkanische Regierung hat jüngsten Meldungen zufolge zahlreiche Flüchtlinge, denen der Durchbruch in die spanischen Exklaven nicht gelungen ist, in der Wüste an der Südostgrenze zu Algerien ausgesetzt. Ausländische Journalisten, die Zeugen der „Repatriierung“ wurden, berichten von dramatischen Szenen: „Warum behandelt man uns wie Tiere?“ sollen die Flüchtlinge gerufen haben.

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