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Verkehrte Flüchtlingspolitik : Schaut endlich auf die Christen!

Betende orthodoxe Christin: Muss erst auch Deutschland im jährlichen Weltverfolgungsindex als unsicherer Ort auftauchen, bis sich etwas tut? Bild: dpa

Orientalische Christen werden hierzulande bedroht und verletzt – zum Teil von jenen muslimischen Peinigern, vor denen sie nach Deutschland geflohen sind. Wie viele Übergriffe braucht es noch für ein besseres Krisenmanagment?

          Sie haben Angst, sie werden drangsaliert, bestohlen und misshandelt: Tausende orientalische Christen, die glaubten, als sie Deutschland erreichten, sie wären im ersehnten „sicheren Hafen“ gelandet, erlebten und erleben in Flüchtlingsheimen und -lagern Furchtbares. Es hat nicht an Berichten darüber gefehlt, an Warnungen und Bitten, diese Ungeheuerlichkeiten zu unterbinden. Nur ist wenig geschehen. Es gibt christliche Gemeinden, die helfen, aber es sind zu wenige. Es gibt Pfarrer wie Gottfried Martens aus Berlin-Steglitz, die eigentlich unüberhörbar seit langem verlangen, diese „Integrationsexperimente“ mit geflüchteten Christen zu beenden, sie nicht mehr in Heimen unterzubringen, wo sie in der Minderheit sind.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Immer wieder holt Gottfried Mertens Christen aus ihrer Unterkunft, weil ihr Leben in Gefahr ist, weil sie zusammengebrochen sind wegen andauernder Demütigungen; weil sie, bespuckt und geschlagen, gezwungen wurden, an muslimischen Gebeten teilzunehmen. Aber es gibt auch Bischöfe, die diese Not immer noch herunterspielen und, wie es neudeutsch heißt, darum keinen Handlungsbedarf sehen, zumal die „Beweislage“ schwierig sei. Das kann man auch von Staatsanwälten hören, denen für ihre Ermittlungen mutige Zeugen aus der Zivilgesellschaft fehlen. Warum eigentlich?

          Das Leid, das erspart geblieben wäre

          Die groteske Situation, dass allzu lange jeder, der Kritik am Chaos der Masseneinwanderung übte oder, noch schlimmer, an muslimischen „Helfern“, Gefahr lief, als Radikaler oder Islamophober beschimpft zu werden, trägt offenbar Früchte. Hinter vorgehaltener Hand kann man viel Schlimmes erfahren, einstehen will dafür kaum einer. Erinnert sei daran, wie viele Monate es gedauert hat, bis Frauen und Kinder, denen in Flüchtlingsheimen wiederholt Gewalt angetan wurde, unter besonderen, separaten Schutz gestellt wurden.

          Einen Bundeswehrarzt aus Erfurt hatte man für seinen schockierenden Tatsachenbericht im Frühsommer noch verhöhnt und sogar bestraft und die wohlfeile Ausrede der zuständigen Behörden gern kolportiert, hier handle es sich bloß um Hörensagen, um so etwas wie „stille Post“. Hätte man ihn sofort ernst genommen, wie vielen Frauen, Mädchen, Jungen wäre dadurch ungeheuerliches Leid erspart geblieben? Aber es durfte nicht wahr sein - bis es zu viele betraf.

          Wie viele Übergriffe braucht es noch?

          Behörden, zweifellos allesamt überfordert, machen es sich besonders leicht, betonen die allgegenwärtige Platznot und entschuldigen sich gern damit, dass es in der drangvollen Enge der Unterkünfte ganz unausweichlich zu Konflikten kommen müsse. Es fehlt überall an unabhängigen, vertrauenswürdigen Dolmetschern, die zum Beispiel der Polizei den Hilferuf von Christen und anderen Flüchtlingsminderheiten wahrheitsgetreu übermitteln. Stattdessen ist es schon oft geschehen, dass bewusst falsch übersetzt wurde - um danach die verzweifelten Christen im Heim als Störenfriede zu denunzieren, was neuerliche Schikanen provozierte.

          Auch wenn die Bitten um Hilfe sich in bestimmten Gegenden häufen, wird trotzdem beharrlich darauf verwiesen, es handle sich dabei doch um Einzelfälle. Das erinnert an die abgründigen Diskussionen um sogenannte Ehrenmorde und Zwangsheiraten, die viel zu lange als Ausnahme heruntergespielt wurden - als gäbe es ausgerechnet für Straftaten (und Opfer) eine Obergrenze, die sie erst erreicht haben müssen, bevor man sie ernst nimmt als religiösen oder kulturellen Konflikt, den es künftig mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu verhindern gilt.

          Wie viele Übergriffe, wie viele Verletzte und Verzweifelte braucht es also noch, bis auch hierzulande von allen akzeptiert wird, dass dieser Konflikt zwischen Muslimen und Christen über die unkontrollierten Grenzen zu uns hereingetragen wurde? Ein Konflikt, wohlgemerkt, der viele Flüchtlinge, die keine Muslime sind, in Deutschland genauso bedroht wie in ihrer kriegsverwüsteten Heimat.

          Die Aufzählung ließe sich fortsetzen

          Hilfsorganisationen wie „Open Doors“, der Zentralrat orientalischer Christen (ZOCD), „Kirche in Not“, die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) und andere schlagen jetzt Alarm. Am Montag stellten sie in Berlin die Ergebnisse einer Befragung unter nichtmuslimischen Flüchtlingen vor, die jeden Zweifel ausräumen müsste, dass es sich nur um zufällige Ausnahmen handelt. Es wird von Todesdrohungen berichtet und von Schlägen, von Einweisungen ins Krankenhaus, weil die Drangsalierten unter dem psychischen Druck zusammenbrechen. Besonders betroffen sind Christen aus dem Iran und Konvertiten aus Afghanistan, wo es keine Kirche gibt: Sie, die „Abtrünnigen“, erhalten auch Morddrohungen.

          Ein christliches Ehepaar aus dem Iran bekam vom afghanischen Heimleiter in Berlin nicht einmal ein Bett, es musste lange auf dem Boden schlafen. Erst als diese demütigende Schlafstatt und ihre christlichen Gegenstände wie Bibel und Osterkerzen zerstört wurden, holte man sie dort heraus. Ein junger Konvertit wurde Tag und Nacht mit Korangesängen beschallt. Er versuchte schließlich, sich das Leben zu nehmen, und konnte nur knapp gerettet werden. Nicht nur einmal waren Flüchtlinge in ihrem Heim wieder mit jenen Peinigern konfrontiert, vor denen sie aus Irak oder Syrien geflohen waren. Man zwang einige sogar, sich Enthauptungsvideos anzuschauen und an den muslimischen Gebeten teilzunehmen. Frauen wurden verhöhnt und bedrängt, weil man sie auf dem Sklavenmarkt der IS-Hochburg Rakka gesehen hatte - unter den Vergewaltigten, Versklavten. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

          Ein Klima der Panik und Angst

          Dieser erste Lagebericht endet mit dem Stichtag 15. April; doch gingen seitdem immer mehr ausgefüllte Fragebögen ein, sagte gestern Markus Rode, Vorstand von Open Doors Deutschland. Die erschütternden Berichte aus dieser ersten deutschlandweiten Erhebung unter orientalischen Christen seien nur die Spitze des Eisberges. Denn vielen Schikanierten fehle inzwischen der Mut, sich noch einmal zu öffnen und zu reden. Sie hätten, sagten Vertreter der Hilfsorganisationen, schon zu oft erlebt, dass nichts geschehe, um ihr Leid zu lindern.

          Schlimmer noch: Sobald bekannt werde, sie hätten geredet, würden die Übergriffe noch intensiver, ohne dass Behörden einschritten. Fast alle Befragten gaben an, häufig von muslimischen Flüchtlingen angegriffen zu werden, aber auch muslimische Wachschützer sind beteiligt. Viele schwiegen zudem aus Furcht vor Verrat, aus Sorge um die Familien daheim, die dort untergetaucht sind. „In den Lagern herrscht ein Klima der Panik und der Angst“, sagt Markus Rode.

          „Masterplan Integration“

          „Vergesst die Christen nicht!“ Das schrieb der im Januar verstorbene Lord Weidenfeld in seinem letzten Kommentar für die „Welt“. Der Verleger hatte 2015 gemeinsam mit jüdischen Organisationen und Philantropen ein Netzwerk gegründet, um orientalische Christen zu retten. Es arbeitet inzwischen sehr erfolgreich mit christlichen Menschenrechtsorganisationen zusammen. George Weidenfeld appellierte an die Gesellschaften Europas, sich an dieser Aktion zu beteiligen, weil die Christenverfolgung vor allem im muslimischen Nahen Osten immer grausamer und effizienter werde.

          Wenig später, im April, diskutierten Berliner Verwaltungen und Politiker den „Masterplan Integration“. Es soll einiger nachdrücklicher Stellungnahmen und Interventionen von Menschenrechtsorganisationen bedurft haben, bis die in den vermeintlich „sicheren Hafen“ der deutschen Hauptstadt geflüchteten Christen in die Gruppe der besonders Schutzwürdigen aufgenommen wurden. Die „Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung“ zählt diese bedrängte Minderheit ebenfalls nicht zu jenen Gruppen, die als „besonders vulnerabel und schutzwürdig“ eingestuft werden.

          Schaut endlich hin und nicht weg!

          Inzwischen wagen es viele christliche Flüchtlinge nicht mehr, sich als solche zu erkennen zu geben. Warum, so eine Frage auf der Pressekonferenz am Montag, greift der Staat hier nicht ein? Der Rechtsstaat brauche Beweise, hieß es. Warum aber gibt es außer Volker Kauder kaum einen deutschen Politiker, der zumindest die Gefährlichkeit dieses Konfliktes, auch für unser Gemeinwesen, erkannt hat? Liegt es etwa daran, dass sich die AfD des Themas bemächtigt hat? Eine Journalistin forderte von den Vertretern der Menschenrechtsorganisationen am Montag allen Ernstes, sich dazu zu äußern, also abzugrenzen. Ist eine Vergewaltigung keine mehr, wenn ein AfD-Politiker auf sie aufmerksam gemacht hat?

          Wie kann es sein, dass sich in unserem Land, wo Hunderttausende ihre „Willkommenskultur“ monatelang feierten und jeden angifteten, der auf offensichtliche Probleme hinwies, ein solcher Skandal ohne nennenswerte Gegenwehr entwickelte? Muss erst auch Deutschland im jährlichen Weltverfolgungsindex als unsicherer Ort für orientalische Christen auftauchen, bis sich etwas tut? „Fluchtursachen wirksam bekämpfen - weltpolitische und europäische Perspektiven“: Das ist nur eine von mehreren Einladungen zum Exilland Deutschland, die tagtäglich die Redaktion erreichen. Eine Frage, über die dann zum hundertsten Male diskutiert werden soll, ist die nach einem besseren Krisenmanagement. Ja, möchte man zurückmailen: Schaut endlich hin und nicht weg und fangt im eigenen Hause damit an!

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