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Flüchtlingslager als Attraktion : Das Open Air von Idomeni

  • -Aktualisiert am

Nach heftigen Regenfällen hängt eine Frau im Flüchtlingslager bei Idomeni Sachen zum Trocknen auf. Bild: Reuters

Das Flüchtlingslager in Idomeni ist zur Attraktion für Touristen und Sinnsucher geworden. Die Menschen kommen, helfen oder auch nicht. Und alle haben gute Absichten.

          Der Wunsch, die Bilder der Geschichte nicht nur zu betrachten, sondern zu bewohnen, ist groß. Schon auf der Fahrt nach Idomeni war das klar. Neben mir, auf dem Beifahrersitz, saß eine junge Amerikanerin, die in Oxford Journalismus studiert und aufgeregt von diesem Ort erzählte, den sie aus dem Fernsehen kannte.

          Die Fahrt von Thessaloniki nach Idomeni dauert eine knappe Stunde. Wir waren praktisch die Einzigen, die auf der Autobahn Richtung Norden fuhren, auch in den Dörfern, an denen wir vorbeirauschten, ließ sich kaum jemand blicken. Die Landschaft lag gleichgültig vor den noch schneebedeckten Gebirgsketten. Das Leben, das sich zwischen Thessaloniki und dem Grenzort Idomeni regte, waren aufgeregte Vögel über grünen Wiesen. Eigentlich war alles ganz schön. Nur die Beifahrerin konnte ihren Mund nicht halten. Sie hatte sich auf diese Reise vorbereitet und erklärte ausführlich, wonach sie in Idomeni Ausschau halten werde: Toiletten, wusste sie, waren immer das Problem. Vor allem für Frauen; die meisten Vergewaltigungen würden passieren, weil sie ungeschützt ihre Hose im Wald herunterlassen oder den Rock auf dem Acker hochziehen müssten.

          Die ersten Zelte, die ersten Flüchtlingskinder

          Sie blätterte in ihrem Notizblock und nannte die Leute, mit denen sie sich am Ort treffen werde. Interviews führen, natürlich. „Ich war noch nie in einem Flüchtlingslager“, gestand sie. „Aber die NGO-Leute kennen sich aus mit den Flüchtlingsproblemen.“

          Wir passierten eine Tankstelle, die letzte vor der mazedonischen Grenze, wie das Schild auch auf Deutsch ankündigte. Auf dem Seitenstreifen standen die ersten Zelte, an den Zapfsäulen die ersten Flüchtlingskinder, unter den Schirmen an den Holztischen saßen Frauen und Männer. Es waren Hunderte. Meine Begleitung wurde nervös: „Für mich ist Idomeni das Sinnbild der Flüchtlingskrise“, sagte sie, als wir das Ortsschild erreichten.

          Als passierte man eine unsichtbare Mauer

          Im März 2016 publizierte das „Time“- Magazin Schwarz-Weiß-Fotografien von James Nachtwey. Der berühmte Kriegsfotograf war nach Idomeni gereist und hatte seine Kamera auf das Elend gerichtet, das sich Anfang März unter strömendem Regen und in der Kälte nach der Schließung der Balkanroute ausbreitete: Männer und Kinder in Zelten auf Bahngleisen im Schlamm vor Feuern, Kleidung an Wäscheleinen, die vergeblich über Pfützen zu trocknen versucht, Grenzzäune, Polizei, Fluchtversuche. Die Bildunterschriften datieren die Szenen zwischen dem 12. und 18. März, trotzdem wirken die Schwarz-Weiß-Abzüge schon zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung am 24. März wie historische Aufnahmen. Gleichzeitig war auch der chinesische Künstler Ai Weiwei angereist, um noch mehr Aufmerksamkeit zu generieren. „Diese Bilder müssen weg“, forderte der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn am 19. März im Deutschlandfunk und unterstellte den dramatischen Aufnahmen eine Wirkung, die sie aber in Europa nicht hatten. Politische Folgen jedenfalls haben sie bis heute keine. Die Grenzen sind geschlossen. In Idomeni warten immer noch mehr als 10.000 Menschen auf die Weiterreise.

          Nato-Draht als Wäscheleine: Nach den Regenfällen muss die Kleidung der Flüchtlinge wieder trocken werden.

          Wir parken das Auto am Rand einer asphaltierten Straße, die durch das Dorf Idomeni über die Bahngleise ins Nirgendwo des Ackerlandes führt. Zu ihren Seiten erstreckt sich das Lager, das von Hilfsorganisationen in drei Zonen aufgeteilt wurde. A, B und C. Sobald man querfeldein ein paar Schritte über den Acker gelaufen ist, wird man von einem Gestank eingehüllt, der das Lager vom Rest der Umgebung trennt, als passierte man eine unsichtbare Mauer. Er entsteht vor allem durch das Feuer, das vor jedem der ungezählten Zelte brennt und die Luft so verpestet, dass sich die Atemwege verengen und eine Platzangst aufkommt, die es unter freiem Himmel, auf freiem Feld, vor dieser Naturkulisse eigentlich nicht geben kann.

          Zynismus ist wie eine Krankheit

          „Cultural Center“ steht auf einem großen Zelt. Davor steht Pia. Sie ist umringt von mindestens fünfzig Kindern, die schreien und springen. Eigentlich sollen sie sich anstellen, für den Sprach- und Matheunterricht. Ein Drittel der Flüchtlinge in Idomeni sind Kinder. Pia sagt: „Es ist echt nett hier, wie auf einem Festival, auf dem nur niemand sein will.“

          Etwas entfernt sitzt eine junge Amerikanerin traurig auf einem Stein. Ihr Gesicht ist von der Sonne verbrannt. „Are you okay?“, frage ich.

          „No, I’m not okay“, antwortet sie, „I wanted to teach Yoga classes to the kids but they won’t let me.“

          Heftige Regenfälle haben Zelte unter Wasser gesetzt.

          Am Vorabend hatte Gabriel, ein Freund in Thessaloniki, von Idomeni als touristischem Reiseziel gesprochen. „It’s the first touristic site in Europe“, hatte er gesagt und dabei gelacht. Zynismus ist ja wie eine Krankheit und das Gegenteil von Fieber. Er legt sich übers Herz und lässt jede Gefühlsregung dumm, naiv und kindisch wirken. Gabriel nannte Idomeni also ein touristisches Reiseziel. Und junge Frauen wie Pia und die andere Amerikanerin mit dem Yoga-Plan heißen Voluntourists, eine Kombination aus Volunteer - dem freiwilligen Helfer - und einem Touristen. Ich weiß nicht, wer sich solche Wörter ausdenkt. Ein Zyniker kann es nicht gewesen sein.

          Seit Monaten auf Reisen zu den Hotspots der Flüchtlingskrise

          Schon Ai Weiweis Auftritt in Idomeni hatte weltweit für Empörung gesorgt. Dem chinesischen Künstler wurde nachgesagt, er bereichere sich am Elend der Flüchtlinge und stelle nicht sie, sondern sich selbst in den Mittelpunkt.

          Ai Weiwei in Idomeni

          Seitdem die Grenzen geschlossen wurden, sitzen mehr als 10.000 Menschen in Idomeni fest. Es gibt auf den Feldern rechts und links der asphaltierten Straße verschiedene Zeltarten, kleine und große und mittelgroße in bunten Farben, außerdem große weiße Zelthallen, auf denen die Namen der großen Hilfsorganisationen stehen - in blauen Buchstaben UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen; eingerahmt in ein rot-weißes Strichmännchen-Logo, Ärzte ohne Grenzen; und ein paar Container, Toiletten, Waschräume. Zur Essensausgabe der griechischen NGO Praksis, im Zentrum des Lagers, führt ein vergitterter Gang, der aussieht wie eine Gefängnisschleuse. In der Nähe treffe ich Ivan aus Irland. Seine Kleidung, beiges T-Shirt, Jeans, ist ungewaschen, sein Haar hängt ihm zerzaust um einen langen Bart. Er sitzt beiläufig auf den Bahngleisen, grüßt den einen und plaudert mit dem anderen. Er ist einer von vielen, die seit Monaten zu den Hotspots der Flüchtlingskrise reisen und ihre Zeit an Stränden und in der Nähe von Auffanglagern verbringen. Es sind Gerüchte, in Idomeni kursieren vor allem Gerüchte: Man erzählt von einer Frau aus Großbritannien, die in kurzem Rock und tiefem Ausschnitt auf der Suche nach Sex sei und seit Wochen im Camp herumhängt. Ein paar Deutsche sollen Präservative ausgeteilt haben, auch vor Pädophilen wird gewarnt.

          Mehr als vierhundert Freiwillige

          Ivan hatte sein Studium abgeschlossen und wusste nicht, was er im Anschluss machen sollte. Arbeit gebe es keine in Irland, deshalb sei er losgefahren, um zu helfen, vor gut einem Jahr.

          „Wie sieht denn diese Hilfe aus?“

          „Ich verbringe einfach Zeit mit denen.“ In der vergangenen Nacht schlief er im Zelt einer syrischen Familie. Manchmal, wenn es spät wird, komme er nicht mehr zurück ins „Park Hotel“, dann lasse er sich zum Abendessen einladen. „Von dieser Gastfreundschaft können wir etwas lernen“, erklärt Ivan, sichtlich bewegt.

          Das „Park Hotel“ liegt an der Ausfallstraße des Dorfs Polykastro, knapp fünfzig Kilometer nördlich von Thessaloniki und nur wenige Kilometer entfernt von Idomeni. In der Empfangshalle hängen knapp hundert junge müde Leute aus Italien, Deutschland, den Vereinigten Staaten, Spanien, Australien, Neuseeland herum. Die Halle ähnelt einem Auffanglager für Rucksackreisende: Flatterhosen, zerschnittene T-Shirts, Rastalocken, Flipflops. Die meisten zelten für wenige Euro im Garten und benutzen die Toiletten als Waschraum. Einige schlafen nebenan, hinter zersprungenen Glasfenstern in einem leerstehenden Gebäude. Davor steht eine Tankstelle, die nicht mehr in Betrieb ist. Gegenüber liegen ein Restaurant, ein Puff und eine kleine Lagerhalle. „Playboy“ lautet der Schriftzug, der diese Häuserzeile ziert. Sonst ist es sehr still. Auch der eine oder andere Syrer sitzt auf den Plastikstühlen und wartet neben einer Steckdose auf einen vollen Handyakku. Vorausschauend wurde eine Tafel im Eingang des „Park Hotels“ aufgestellt. Sie informiert über unzählige Aktionen, die bereits in Idomeni laufen: „Intervolve“, „Northern Lights“, „Save the children“, „Chai Team“ lauten einige davon. Außerdem findet einmal in der Woche eine Einführung statt, die den neu Eingetroffenen Orientierung geben soll. Insgesamt halten sich in Idomeni nach Einschätzung von Patrick aus Australien, einem der wenigen ausgebildeten Sozialpädagogen am Ort, mehr als 400 freiwillige Helfer und Touristen auf.

          Der Anstand kann unanständig werden

          „Did you go in today?“ ist die Frage, die man hier, auf der Terrasse im Park Hotel, am häufigsten höre. Die Formulierung verrät, dass sich Idomeni im Laufe der Zeit in eine Zwischenwelt verwandelt hat. Idomeni ist nicht nur das Sinnbild der Flüchtlingskrise, Idomeni ist die gebannte Gefahr, in die sich jeder begeben kann, ohne verletzt zu werden. Im Gegensatz zu anderen Krisengebieten liegt das Dorf im Herzen der westlichen Welt. Es ist vertraut. Und erreichbar. Es lauern keine Gefahren. Es gibt eine Infrastruktur aus Flughäfen, Autobahnen, Fernverkehr und Unterkünften. „In die Türkei“, erzählt mir ein junger Mann aus Hamburg im Garten des „Park Hotels“, „wäre ich nicht gefahren, ich weiß nicht, was mich dort erwartet.“ Auch diese Formulierung verrät etwas über den Aktivismus der Angereisten.

          Das Flüchtlingslager ist zu einem Schlammfeld geworden.

          „Erfahrungsarmut: das muss man nicht so verstehen, als ob die Menschen sich nach neuer Erfahrung sehnten“, schreibt Walter Benjamin 1933 in einem kleinen Text mit der Überschrift „Erfahrung und Armut“: „Nein, sie sehnen sich von Erfahrungen freizukommen, sie sehnen sich nach einer Umwelt, in der sie ihre Armut, die äußere und schließlich auch die innere, so rein und deutlich zur Geltung bringen können, dass etwas Anständiges dabei herauskommt.“ Dass der Anstand unanständig werden kann, auch das sieht man in Idomeni.

          Schauspieler, TV-Moderator und Promi

          An Matthias’ Bein hängt ein Kind. Der junge Mann aus Hamburg, Pickel im Gesicht, ein paar Schweißperlen zwischen Oberlippe und Nase, versucht es abzuschütteln. Aber das Kind lässt sich nicht abschütteln. Es hat sich festgeklammert, der kleine Hintern hängt auf dem Sand, die Arme umschlingen hartnäckig das behaarte Schienbein. Matthias beugt sich hinunter und zerrt an den dünnen Ärmchen. „Es ist ja eigentlich ganz nett hier“, sagt auch er und lacht verlegen über das kleine Geschöpf zu seinen Füßen. „Auch diese Tränengas-Sache war völlig harmlos. Also wenn Sie das mit den Polizeieinsätzen gegen die Antifa vergleichen, die ich so erlebt habe ...“

          Matthias wurde vor einem Lastwagen abgestellt und soll Wache halten. Aufpassen, dass die Flüchtlinge nicht von allen Seiten antraben, sondern in der Reihe stehen bleiben. So viel hat er schon gelernt. Frauen auf die eine, Männer auf die andere Seite, Ordnung muss sein. So steht es auch auf dem Faltblatt, das an Freiwillige wie ihn ausgeteilt wird, eine Art Knigge für Helfer, die keinen blassen Schimmer haben, was sie hier eigentlich tun, die halt helfen wollen, irgendwie. Kaum jemand spricht Arabisch, aber mit Händen und Füßen weist man sein Gegenüber in die Warteschlangen. Ich laufe ein Stück weiter und treffe auf Frauen mittleren Alters aus den Niederlanden. Sie sitzen im Sand auf dem Boden und halten verdreckte Kinder im Arm. Es war ein langer Tag, die Temperaturen liegen am späten Nachmittag immer noch bei fast dreißig Grad. Das Zelt, aus dem heraus sie Kleidung verteilen und Spielsachen, ist nicht mehr geöffnet. Ramona, die Leiterin der Initiative „Live for Lives“, zeigt mir Fotos auf ihrem Mobiltelefon: Neben ihr stehen Kinder, die in die Kamera strahlen und den Daumen nach oben halten. Mit großem Stolz aber erfüllt sie ein Doppelporträt, das sie gemeinsam mit einem „großen Star“ zeigt. „Johnny de Mol, er ist gleich da vorne“, sagt Ramona und zeigt auf ein großes Zelt. Johnny de Mol ist Schauspieler, TV-Moderator und Promi. Seine Eltern besitzen die Firma Endemol, die Formate wie „Traumhochzeit“, „Big Brother“ und „Wer wird Millionär?“ konzipiert hat. Ich frage Ramona, was sie veranlasst habe, die Hilfsorganisation zu gründen und ihre Zeit hier an diesem Ort zu verbringen. Sie zeigt mir ein weiteres Foto. Ein Mädchen treibt tot auf einer Wasseroberfläche. „Alle haben gesagt, das sei eine Fälschung, aber wir wussten gleich, dass es echt ist und wir jetzt helfen müssen.“

          Als handle es sich um ein Ferienlager

          Das Foto des toten Mädchens war im April 2015 für die Niederlande ein ähnlicher Weckruf wie das Foto von Aylan Kurdi für andere europäische Staaten, das Bild des toten dreijährigen Jungen, das die Fotografin Nilüfer Demir am Strand in der Nähe der Stadt Bodrum machte. „Nach Monaten voller Bilder aus Reportagen über den anhaltenden Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer, von sinkenden Booten, ertrunkenen Menschen . . . sah ich plötzlich dieses Bild von einem kleinen Jungen, der bäuchlings auf einem Strand lag, das Gesicht im Sand“, schreibt der Schriftsteller Karl Ove Knausgård im November 2015. „Er war tot, und ich begriff auf einmal, was der Tod bedeutete. Plötzlich wurde mir bewusst, dass die Menschen, die übers Meer kamen, nicht Menschen in Mehrzahl, sondern in Einzahl waren. Ich verstand es, weil ich selbst Kinder habe. In seinem Tod sah ich ihren Tod.“

          Und so machte sich Johnny de Mol mit einem Lastwagen auf und eröffnete in Idomeni eine Säuglingsstation. „Ich möchte“, sagt er kurz vor seiner Weiterreise nach Athen, „schwangeren Frauen eine geschützte Atmosphäre bieten, damit sie in Ruhe ihre Kinder zur Welt bringen können.“ Außerdem habe er „Entertainment for the kids“ mitgebracht, Trampoline, die auf dem Acker stehen, so, als handle es sich um ein Ferienlager. „Gibt es denn viele schwangere Frauen hier?“, frage ich. Er erinnert sich an drei Geburten.

          Die einzige Abwechslung

          Johnny trägt eine Kappe und Ketten und ein breites Grinsen, er ist braungebrannt. Sobald Syrer vor ihm stehen, gibt er Antwort auf die immer gleiche Frage: Wann werden die Grenzen geöffnet?

          „Sie werden nicht geöffnet.“

          Auch ich habe im Lauf der Zeit, die ich in Idomeni verbrachte, irgendwann angefangen, diese Tatsache auszusprechen. Hier leben heißt: warten. Nur niemand weiß, worauf. Das einzige Wort, das immer wiederholt wird, ist Merkel. Merkel. Merkel. Merkel. Merkel. Sie ist das Versprechen, an dem sich viele hier festzuhalten versuchen. „Es gibt sogar ein Kinderlied“, erzählt mir ein junger Mann aus der Schweiz, der in einer der Küchen aushilft. „Deutschland ist das Paradies, singen sie, ist das zu fassen?“ Ein kleines Mädchen aus Syrien zeigt auf ihr T-Shirt, auf dem der Eiffelturm abgedruckt ist. „Paris“, sagt sie. „Paris is beautiful.“

          Ein spanischer Clown tritt vor Kindern im Flüchtlingslager auf.

          Ansonsten hat sich eine Resignation ausgebreitet, die auch die tägliche Lebensmittelverteilung, die Suppen, die Tees, die Bananen, die Brote, die Reisschalen, nicht vertreiben kann. Unterhaltungsprogramme für Hunderte von Kindern, wie sie das „Cultural Center“ anbietet und Johnny de Mol mit seinen Trampolinen - auch eine improvisierte Leinwand, eine Art Freiluftkino, steht hier auf dem Acker -, sind die einzige Abwechslung.

          Erst im Moment seines Todes

          Auf dem Feld in Idomeni werde ich von einem jungen Mann aus Dresden ermahnt, ich solle mich nicht für die Arbeit von freiwilligen Helfern wie ihm interessieren. Gemeinsam mit zwei Freunden steht er im Schatten eines Lastwagens und kämpft gegen die Erschöpfung. Die griechischen Behörden haben angefangen, sie zu schikanieren. Sie sind seit vielen Wochen hier und schenkten Chai Tea aus, bis das Gerücht in Umlauf kam, radikale Linke würden Flugblätter an die Flüchtlinge aushändigen und sie zu gewaltsamen Protesten anstacheln. Seitdem werden sie auf dem Weg zwischen Polykastro und Idomeni kontrolliert.

          2003 schrieb Susan Sontag, der Schrecken habe sich aus Europa zurückgezogen - „zumindest so weit, dass der Eindruck entsteht, der gegenwärtige friedliche Zustand sei selbstverständlich“. Heute lässt sich das nicht mehr schreiben.

          Nach den Bildern, die, wie Karl Ove Knausgård es beschreibt, aus der Masse das schützenswerte Individuum, das unschuldige Kind heraustreten ließen, auf dem Boden liegend, leblos, als verletzbares Einzelwesen, hat sich die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise verändert. Das Kind war der erste Flüchtling, der unter seinem Namen bekannt wurde: Aylan Kurdi. Erst im Moment seines Todes, nachträglich, erhielt es einen Lebenslauf, Personenstatus. Viele wurden sein lebloses Abbild nicht wieder los, auch nicht das Gefühl der eigenen Schuld daran, mit der Politik des Westens die Katastrophe, die zu Vertreibung und Flucht führt, überhaupt erst mit ausgelöst zu haben. Während der rechte Flügel Europas das Opfer in einen Täter verwandelt, wird diese Schuld an Orten wie Idomeni aber auch entsorgt. Idomeni als psychologische Müllhalde des Abendlandes - zu diesem Schluss kommt man spätestens in einer großen Lagerhalle, die wenige hundert Meter entfernt vom „Park Hotel“ in Polykastro steht. Dort stapeln sich Tonnen von Klamotten und Spielsachen und aussortiertem Kram, Abfall, wenn man so will, verpackt in Umzugskartons, die niemand braucht.

          „I don’t want toys“, sagte eine junge Syrerin zu mir, „I just want to pass.“

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