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Flüchtlingslager als Attraktion : Das Open Air von Idomeni

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Auch ich habe im Lauf der Zeit, die ich in Idomeni verbrachte, irgendwann angefangen, diese Tatsache auszusprechen. Hier leben heißt: warten. Nur niemand weiß, worauf. Das einzige Wort, das immer wiederholt wird, ist Merkel. Merkel. Merkel. Merkel. Merkel. Sie ist das Versprechen, an dem sich viele hier festzuhalten versuchen. „Es gibt sogar ein Kinderlied“, erzählt mir ein junger Mann aus der Schweiz, der in einer der Küchen aushilft. „Deutschland ist das Paradies, singen sie, ist das zu fassen?“ Ein kleines Mädchen aus Syrien zeigt auf ihr T-Shirt, auf dem der Eiffelturm abgedruckt ist. „Paris“, sagt sie. „Paris is beautiful.“

Ein spanischer Clown tritt vor Kindern im Flüchtlingslager auf.

Ansonsten hat sich eine Resignation ausgebreitet, die auch die tägliche Lebensmittelverteilung, die Suppen, die Tees, die Bananen, die Brote, die Reisschalen, nicht vertreiben kann. Unterhaltungsprogramme für Hunderte von Kindern, wie sie das „Cultural Center“ anbietet und Johnny de Mol mit seinen Trampolinen - auch eine improvisierte Leinwand, eine Art Freiluftkino, steht hier auf dem Acker -, sind die einzige Abwechslung.

Erst im Moment seines Todes

Auf dem Feld in Idomeni werde ich von einem jungen Mann aus Dresden ermahnt, ich solle mich nicht für die Arbeit von freiwilligen Helfern wie ihm interessieren. Gemeinsam mit zwei Freunden steht er im Schatten eines Lastwagens und kämpft gegen die Erschöpfung. Die griechischen Behörden haben angefangen, sie zu schikanieren. Sie sind seit vielen Wochen hier und schenkten Chai Tea aus, bis das Gerücht in Umlauf kam, radikale Linke würden Flugblätter an die Flüchtlinge aushändigen und sie zu gewaltsamen Protesten anstacheln. Seitdem werden sie auf dem Weg zwischen Polykastro und Idomeni kontrolliert.

2003 schrieb Susan Sontag, der Schrecken habe sich aus Europa zurückgezogen - „zumindest so weit, dass der Eindruck entsteht, der gegenwärtige friedliche Zustand sei selbstverständlich“. Heute lässt sich das nicht mehr schreiben.

Nach den Bildern, die, wie Karl Ove Knausgård es beschreibt, aus der Masse das schützenswerte Individuum, das unschuldige Kind heraustreten ließen, auf dem Boden liegend, leblos, als verletzbares Einzelwesen, hat sich die Berichterstattung über die Flüchtlingskrise verändert. Das Kind war der erste Flüchtling, der unter seinem Namen bekannt wurde: Aylan Kurdi. Erst im Moment seines Todes, nachträglich, erhielt es einen Lebenslauf, Personenstatus. Viele wurden sein lebloses Abbild nicht wieder los, auch nicht das Gefühl der eigenen Schuld daran, mit der Politik des Westens die Katastrophe, die zu Vertreibung und Flucht führt, überhaupt erst mit ausgelöst zu haben. Während der rechte Flügel Europas das Opfer in einen Täter verwandelt, wird diese Schuld an Orten wie Idomeni aber auch entsorgt. Idomeni als psychologische Müllhalde des Abendlandes - zu diesem Schluss kommt man spätestens in einer großen Lagerhalle, die wenige hundert Meter entfernt vom „Park Hotel“ in Polykastro steht. Dort stapeln sich Tonnen von Klamotten und Spielsachen und aussortiertem Kram, Abfall, wenn man so will, verpackt in Umzugskartons, die niemand braucht.

„I don’t want toys“, sagte eine junge Syrerin zu mir, „I just want to pass.“

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