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Flüchtlingslager als Attraktion : Das Open Air von Idomeni

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Matthias wurde vor einem Lastwagen abgestellt und soll Wache halten. Aufpassen, dass die Flüchtlinge nicht von allen Seiten antraben, sondern in der Reihe stehen bleiben. So viel hat er schon gelernt. Frauen auf die eine, Männer auf die andere Seite, Ordnung muss sein. So steht es auch auf dem Faltblatt, das an Freiwillige wie ihn ausgeteilt wird, eine Art Knigge für Helfer, die keinen blassen Schimmer haben, was sie hier eigentlich tun, die halt helfen wollen, irgendwie. Kaum jemand spricht Arabisch, aber mit Händen und Füßen weist man sein Gegenüber in die Warteschlangen. Ich laufe ein Stück weiter und treffe auf Frauen mittleren Alters aus den Niederlanden. Sie sitzen im Sand auf dem Boden und halten verdreckte Kinder im Arm. Es war ein langer Tag, die Temperaturen liegen am späten Nachmittag immer noch bei fast dreißig Grad. Das Zelt, aus dem heraus sie Kleidung verteilen und Spielsachen, ist nicht mehr geöffnet. Ramona, die Leiterin der Initiative „Live for Lives“, zeigt mir Fotos auf ihrem Mobiltelefon: Neben ihr stehen Kinder, die in die Kamera strahlen und den Daumen nach oben halten. Mit großem Stolz aber erfüllt sie ein Doppelporträt, das sie gemeinsam mit einem „großen Star“ zeigt. „Johnny de Mol, er ist gleich da vorne“, sagt Ramona und zeigt auf ein großes Zelt. Johnny de Mol ist Schauspieler, TV-Moderator und Promi. Seine Eltern besitzen die Firma Endemol, die Formate wie „Traumhochzeit“, „Big Brother“ und „Wer wird Millionär?“ konzipiert hat. Ich frage Ramona, was sie veranlasst habe, die Hilfsorganisation zu gründen und ihre Zeit hier an diesem Ort zu verbringen. Sie zeigt mir ein weiteres Foto. Ein Mädchen treibt tot auf einer Wasseroberfläche. „Alle haben gesagt, das sei eine Fälschung, aber wir wussten gleich, dass es echt ist und wir jetzt helfen müssen.“

Als handle es sich um ein Ferienlager

Das Foto des toten Mädchens war im April 2015 für die Niederlande ein ähnlicher Weckruf wie das Foto von Aylan Kurdi für andere europäische Staaten, das Bild des toten dreijährigen Jungen, das die Fotografin Nilüfer Demir am Strand in der Nähe der Stadt Bodrum machte. „Nach Monaten voller Bilder aus Reportagen über den anhaltenden Flüchtlingsstrom über das Mittelmeer, von sinkenden Booten, ertrunkenen Menschen . . . sah ich plötzlich dieses Bild von einem kleinen Jungen, der bäuchlings auf einem Strand lag, das Gesicht im Sand“, schreibt der Schriftsteller Karl Ove Knausgård im November 2015. „Er war tot, und ich begriff auf einmal, was der Tod bedeutete. Plötzlich wurde mir bewusst, dass die Menschen, die übers Meer kamen, nicht Menschen in Mehrzahl, sondern in Einzahl waren. Ich verstand es, weil ich selbst Kinder habe. In seinem Tod sah ich ihren Tod.“

Und so machte sich Johnny de Mol mit einem Lastwagen auf und eröffnete in Idomeni eine Säuglingsstation. „Ich möchte“, sagt er kurz vor seiner Weiterreise nach Athen, „schwangeren Frauen eine geschützte Atmosphäre bieten, damit sie in Ruhe ihre Kinder zur Welt bringen können.“ Außerdem habe er „Entertainment for the kids“ mitgebracht, Trampoline, die auf dem Acker stehen, so, als handle es sich um ein Ferienlager. „Gibt es denn viele schwangere Frauen hier?“, frage ich. Er erinnert sich an drei Geburten.

Die einzige Abwechslung

Johnny trägt eine Kappe und Ketten und ein breites Grinsen, er ist braungebrannt. Sobald Syrer vor ihm stehen, gibt er Antwort auf die immer gleiche Frage: Wann werden die Grenzen geöffnet?

„Sie werden nicht geöffnet.“

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