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Flüchtlingslager als Attraktion : Das Open Air von Idomeni

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Das „Park Hotel“ liegt an der Ausfallstraße des Dorfs Polykastro, knapp fünfzig Kilometer nördlich von Thessaloniki und nur wenige Kilometer entfernt von Idomeni. In der Empfangshalle hängen knapp hundert junge müde Leute aus Italien, Deutschland, den Vereinigten Staaten, Spanien, Australien, Neuseeland herum. Die Halle ähnelt einem Auffanglager für Rucksackreisende: Flatterhosen, zerschnittene T-Shirts, Rastalocken, Flipflops. Die meisten zelten für wenige Euro im Garten und benutzen die Toiletten als Waschraum. Einige schlafen nebenan, hinter zersprungenen Glasfenstern in einem leerstehenden Gebäude. Davor steht eine Tankstelle, die nicht mehr in Betrieb ist. Gegenüber liegen ein Restaurant, ein Puff und eine kleine Lagerhalle. „Playboy“ lautet der Schriftzug, der diese Häuserzeile ziert. Sonst ist es sehr still. Auch der eine oder andere Syrer sitzt auf den Plastikstühlen und wartet neben einer Steckdose auf einen vollen Handyakku. Vorausschauend wurde eine Tafel im Eingang des „Park Hotels“ aufgestellt. Sie informiert über unzählige Aktionen, die bereits in Idomeni laufen: „Intervolve“, „Northern Lights“, „Save the children“, „Chai Team“ lauten einige davon. Außerdem findet einmal in der Woche eine Einführung statt, die den neu Eingetroffenen Orientierung geben soll. Insgesamt halten sich in Idomeni nach Einschätzung von Patrick aus Australien, einem der wenigen ausgebildeten Sozialpädagogen am Ort, mehr als 400 freiwillige Helfer und Touristen auf.

Der Anstand kann unanständig werden

„Did you go in today?“ ist die Frage, die man hier, auf der Terrasse im Park Hotel, am häufigsten höre. Die Formulierung verrät, dass sich Idomeni im Laufe der Zeit in eine Zwischenwelt verwandelt hat. Idomeni ist nicht nur das Sinnbild der Flüchtlingskrise, Idomeni ist die gebannte Gefahr, in die sich jeder begeben kann, ohne verletzt zu werden. Im Gegensatz zu anderen Krisengebieten liegt das Dorf im Herzen der westlichen Welt. Es ist vertraut. Und erreichbar. Es lauern keine Gefahren. Es gibt eine Infrastruktur aus Flughäfen, Autobahnen, Fernverkehr und Unterkünften. „In die Türkei“, erzählt mir ein junger Mann aus Hamburg im Garten des „Park Hotels“, „wäre ich nicht gefahren, ich weiß nicht, was mich dort erwartet.“ Auch diese Formulierung verrät etwas über den Aktivismus der Angereisten.

Das Flüchtlingslager ist zu einem Schlammfeld geworden.

„Erfahrungsarmut: das muss man nicht so verstehen, als ob die Menschen sich nach neuer Erfahrung sehnten“, schreibt Walter Benjamin 1933 in einem kleinen Text mit der Überschrift „Erfahrung und Armut“: „Nein, sie sehnen sich von Erfahrungen freizukommen, sie sehnen sich nach einer Umwelt, in der sie ihre Armut, die äußere und schließlich auch die innere, so rein und deutlich zur Geltung bringen können, dass etwas Anständiges dabei herauskommt.“ Dass der Anstand unanständig werden kann, auch das sieht man in Idomeni.

Schauspieler, TV-Moderator und Promi

An Matthias’ Bein hängt ein Kind. Der junge Mann aus Hamburg, Pickel im Gesicht, ein paar Schweißperlen zwischen Oberlippe und Nase, versucht es abzuschütteln. Aber das Kind lässt sich nicht abschütteln. Es hat sich festgeklammert, der kleine Hintern hängt auf dem Sand, die Arme umschlingen hartnäckig das behaarte Schienbein. Matthias beugt sich hinunter und zerrt an den dünnen Ärmchen. „Es ist ja eigentlich ganz nett hier“, sagt auch er und lacht verlegen über das kleine Geschöpf zu seinen Füßen. „Auch diese Tränengas-Sache war völlig harmlos. Also wenn Sie das mit den Polizeieinsätzen gegen die Antifa vergleichen, die ich so erlebt habe ...“

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