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Flüchtlingslager als Attraktion : Das Open Air von Idomeni

  • -Aktualisiert am

Zynismus ist wie eine Krankheit

„Cultural Center“ steht auf einem großen Zelt. Davor steht Pia. Sie ist umringt von mindestens fünfzig Kindern, die schreien und springen. Eigentlich sollen sie sich anstellen, für den Sprach- und Matheunterricht. Ein Drittel der Flüchtlinge in Idomeni sind Kinder. Pia sagt: „Es ist echt nett hier, wie auf einem Festival, auf dem nur niemand sein will.“

Etwas entfernt sitzt eine junge Amerikanerin traurig auf einem Stein. Ihr Gesicht ist von der Sonne verbrannt. „Are you okay?“, frage ich.

„No, I’m not okay“, antwortet sie, „I wanted to teach Yoga classes to the kids but they won’t let me.“

Heftige Regenfälle haben Zelte unter Wasser gesetzt.

Am Vorabend hatte Gabriel, ein Freund in Thessaloniki, von Idomeni als touristischem Reiseziel gesprochen. „It’s the first touristic site in Europe“, hatte er gesagt und dabei gelacht. Zynismus ist ja wie eine Krankheit und das Gegenteil von Fieber. Er legt sich übers Herz und lässt jede Gefühlsregung dumm, naiv und kindisch wirken. Gabriel nannte Idomeni also ein touristisches Reiseziel. Und junge Frauen wie Pia und die andere Amerikanerin mit dem Yoga-Plan heißen Voluntourists, eine Kombination aus Volunteer - dem freiwilligen Helfer - und einem Touristen. Ich weiß nicht, wer sich solche Wörter ausdenkt. Ein Zyniker kann es nicht gewesen sein.

Seit Monaten auf Reisen zu den Hotspots der Flüchtlingskrise

Schon Ai Weiweis Auftritt in Idomeni hatte weltweit für Empörung gesorgt. Dem chinesischen Künstler wurde nachgesagt, er bereichere sich am Elend der Flüchtlinge und stelle nicht sie, sondern sich selbst in den Mittelpunkt.

Ai Weiwei in Idomeni

Seitdem die Grenzen geschlossen wurden, sitzen mehr als 10.000 Menschen in Idomeni fest. Es gibt auf den Feldern rechts und links der asphaltierten Straße verschiedene Zeltarten, kleine und große und mittelgroße in bunten Farben, außerdem große weiße Zelthallen, auf denen die Namen der großen Hilfsorganisationen stehen - in blauen Buchstaben UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen; eingerahmt in ein rot-weißes Strichmännchen-Logo, Ärzte ohne Grenzen; und ein paar Container, Toiletten, Waschräume. Zur Essensausgabe der griechischen NGO Praksis, im Zentrum des Lagers, führt ein vergitterter Gang, der aussieht wie eine Gefängnisschleuse. In der Nähe treffe ich Ivan aus Irland. Seine Kleidung, beiges T-Shirt, Jeans, ist ungewaschen, sein Haar hängt ihm zerzaust um einen langen Bart. Er sitzt beiläufig auf den Bahngleisen, grüßt den einen und plaudert mit dem anderen. Er ist einer von vielen, die seit Monaten zu den Hotspots der Flüchtlingskrise reisen und ihre Zeit an Stränden und in der Nähe von Auffanglagern verbringen. Es sind Gerüchte, in Idomeni kursieren vor allem Gerüchte: Man erzählt von einer Frau aus Großbritannien, die in kurzem Rock und tiefem Ausschnitt auf der Suche nach Sex sei und seit Wochen im Camp herumhängt. Ein paar Deutsche sollen Präservative ausgeteilt haben, auch vor Pädophilen wird gewarnt.

Mehr als vierhundert Freiwillige

Ivan hatte sein Studium abgeschlossen und wusste nicht, was er im Anschluss machen sollte. Arbeit gebe es keine in Irland, deshalb sei er losgefahren, um zu helfen, vor gut einem Jahr.

„Wie sieht denn diese Hilfe aus?“

„Ich verbringe einfach Zeit mit denen.“ In der vergangenen Nacht schlief er im Zelt einer syrischen Familie. Manchmal, wenn es spät wird, komme er nicht mehr zurück ins „Park Hotel“, dann lasse er sich zum Abendessen einladen. „Von dieser Gastfreundschaft können wir etwas lernen“, erklärt Ivan, sichtlich bewegt.

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