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Migrationsforschung : Integration ist machbar, Nachbar

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Diese Heterogenität der deutschen Einwanderungsgeschichte ignorierend, ruft Baberowski nach einem geregelten Zuzug von ökonomisch benötigten Arbeitskräften. Um dem den Charme des Machbaren zu verleihen, greift Baberowski zum Vorbild der klassischen Einwanderungsländer, die nur benötigte Immigranten einluden und unerwünschte abwehrten. Explizit erwähnt er dabei die Vereinigten Staaten. Diese schlossen per Gesetz 1882 und 1924 unter ökonomischen Argumenten - aber mit rassistischen Motiven - ganze Weltregionen von der legalen Einwanderung aus.

Tellerwäscher mögen sie sein, Millionäre werden sie nicht

Undokumentierte Einwanderung verhinderte das nicht, doch versagte das so eingestellte Einwanderungsland vor der größten Flüchtlingskrise seiner Zeit. Die hilfesuchenden, durch NS-Deutschland vertriebenen Juden wies es von seinen Toren ab und schickte sie großenteils zurück. Daran sollten wir uns besser nicht orientieren. Amerika lernte und reformierte die Einwanderungspolitik in den sechziger Jahren, indem es in fein definierten Programmen Hochqualifizierte selektiv ins Land lässt. Dies sollte ein deutsches Einwanderungsgesetz auch Baberowskis und unserer Ansicht nach tun.

Ein solches Gesetz löst aber keineswegs das drängende Problem der illegalen Einwanderung. Auch die Vereinigten Staaten haben eine Südgrenze. Hier dringen jährlich trotz aller Sicherungsmaßnahmen und Gefahren eine geschätzte halbe Million Einwanderer ins Land. Zunehmend werden unbegleitete Minderjährige und sogenannte „Sicherheitsflüchtlinge“ von ihren Eltern oder Dörfern aus den instabilen mittelamerikanischen Staaten in das „Gelobte Land“ geschickt, um die Zurückbleibenden finanziell zu unterstützen. Ohne Asylrecht verdingen sie sich ungeachtet ihrer Qualifikation großteils entrechtet als Landarbeiter, Kindermädchen, Pflegekräfte und in anderen deregulierten Dienstleistungsjobs. Tellerwäscher mögen sie sein, Millionäre werden sie nicht.

Wie soll eine effektive „Abwehr“ aussehen?

Um wenigstens einigen den Einstieg in die Zivilgesellschaft zu öffnen, erkor Obama dieses mittlerweile generationenübergreifende Thema zum Zentrum seiner Einwanderungsreform. Sie scheitert jedoch an den Utopien der Republikaner, diese Grenze endlich abdichten zu können. Angesichts der Ineffizienz eines noch so ausgeklügelten Grenzzauns rief jüngst Donald Trump nach einer „Mauer“ zur Abwehr unerwünschter Immigranten. Ist dies unser Vorbild?

Jörg Baberowski lässt uns im Dunkeln, wie eine effektive „Abwehr“ aussehen solle. Der Hohe Kommissar für Menschenrechte, Zeid Ra’ad, verurteilt den ungarischen Grenzzaun als „Verstoß gegen internationales Recht“. Doch selbst dieser Zaun verschiebt das Problem nur. Mauern, das wissen wir aus der deutschen Geschichte, funktionieren nicht ohne Schießbefehl. Uns bleibt gar nichts anderes übrig, als eine europäische Einwanderungsgesellschaft ohne unrealistischen Kontrollglauben zu gestalten. Nicht nur in der deutschen, sondern auch in der Geschichte anderer EU-Mitgliedstaaten gibt es dafür lehr- und hilfreiche Erfahrungen.

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