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Migrationsforschung : Integration ist machbar, Nachbar

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Auch für die deutsche Nachkriegsgeschichte ist es fraglich, wann dieser gesellschaftliche Zusammenhalt so fundamental gewirkt haben soll. Als unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg die ethnische Homogenität der deutschen Bevölkerung am stärksten ausgeprägt war, galten der autochthonen Bevölkerung der vier Besatzungszonen die deutschen Vertriebenen als „Polacken“, „Russen“, als ungebetene Fremde. Diese stigmatisierende Sicht auf Einwanderer spürten ebenso die Flüchtlinge aus der SBZ/DDR, die Aussiedler aus Polen und der Sowjetunion und die Spätaussiedler nach dem Untergang des Kommunismus. Diese Konfliktebene der deutschen Zeitgeschichte schlicht zu ignorieren zeugt selbst von einem romantisierenden Rückblick.

Asylpolitik : Ausbildung für Flüchtlinge in Deutschland

Kronzeugen gegen heutige Flüchtlinge

Baberowski spricht davon, dass „die Integration von mehreren Millionen Menschen in nur kurzer Zeit den Überlieferungszusammenhang, in dem wir stehen und der einer Gesellschaft Halt gibt und Konsistenz verleiht“, zerstöre. Doch trotz der genannten Fremdheitserfahrung gelang sowohl der Bundesrepublik als auch der DDR die Integration von mehreren Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen in relativ kurzer Zeit. Die Maßnahmen reichten von Ausbildungsförderung über Ansiedlungs- und Wohnungsbauprogramme bis hin zu Darlehen zur Existenzgründung. Das war auch die Grundlage für die erfolgreiche Integration von 4,5 Millionen Aussiedlern und Spätaussiedlern, die ohne jede Auswahl nach Qualifikation von 1950 an aus Osteuropa in die Bundesrepublik kamen. Drei Millionen von ihnen immigrierten allein nach 1987, davon die Hälfte bis 1992 ohne jede numerische Begrenzung. Gerade ihre Integration gilt als gelungen.

Diese Erfahrung steht im Gegensatz zu der von „Millionen Einwanderern, die einst als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind“, die Baberowski als Kronzeugen gegen heutige Flüchtlinge ins Feld führt. Diese blieben entgegen allen Plänen im Lande und galten den Gewerkschaften als unwillkommene Lohndrücker, den Sicherheitsbehörden mal als kommunistische Agitatoren, mal als potentielle Kriminelle, den deutschen Stadtbewohnern als Fremdkörper in „gewachsenen“ Vierteln. Sie etablierten sich daher so langsam, dass die Älteren unter ihnen bis heute kaum eine Einbürgerungschance besitzen, während die Regierungspartei sich darüber streitet, ob denn nur ihre Arbeitskraft oder auch ihre Religion zu Deutschland gehöre.

Die moderne Mittelklasse

An dieser Stelle werden gerne kulturelle Unterschiede ins Feld geführt, die bei den heutigen Flüchtlingen prononcierter seien als bei Aussiedlern und Gastarbeitern von einst. Sozial stammen vor allem syrische Flüchtlinge aus einer weitgehend modernen Mittelklasse. Wollen wir also nicht ethnisieren, müssen wir die zeitabhängige Relativität kultureller Unterschiede in den Blick nehmen. Nach dem Krieg galt ein protestantischer Vertriebener in einer katholischen Gegend (oder umgekehrt) ebenfalls als „fremd“. Später stießen sowjetisch sozialisierte deutsche Zuwanderer auf große kulturelle Hürden. Die Wahrnehmung dieser Unterschiede verwischte sich mit der Zeit und war kein dauerhaftes Integrationshindernis.

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