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Flüchtlingskrise : Die Last der zu großen Frage

Willkommenskultur: Betreuungsstelle für Flüchtlinge in Dortmund Bild: dpa

Seit die vielen Flüchtlinge kommen, gibt es Streit, heftiger als sonst. Es scheint um mehr zu gehen als bloß um Meinungen – und so anstrengend das auch sein mag: Womöglich ist es ja gut so.

          6 Min.

          Seit die Flüchtlinge da sind, streiten wir uns. Das fängt gleich morgens an. Einer läuft raus, holt die Zeitungen rein, legt sie auf den Frühstückstisch, liest den Titel eines Kommentars vor, eine Meldung oder zitiert aus irgendeinem Artikel, den gerade jemand auf Facebook geteilt hat - und sofort sind wir wieder auf hundertachtzig. Einen normalen Austausch von Argumenten gibt es kaum noch. Es ist immer dasselbe. Eigentlich wollen wir nur frühstücken, nutzen dann aber die nächstbeste Gelegenheit, um uns Dinge zu unterstellen, von denen wir sehr gut wissen, dass der andere sie nicht wirklich meinen kann. Nebenan schreien die Kinder wegen irgendwas, eigentlich ist es schon spät, wir müssen längst los, aber nicht, bevor einer dem anderen auch an diesem Morgen wieder gesagt hat, dass er dann ja bitte schön gleich der CSU beitreten könne (was beiden als maximal mögliche Beleidigung gilt), und man sich umgekehrt anhören muss, man sei in einer so ideologischen Weise idealistisch, dass Argumente offenbar gar nicht mehr erwünscht seien. Dann muss alles sehr schnell gehen. Jacke an, Tür zu, mit dem Fahrstuhl runter, wo im Erdgeschoss einem alles schon wieder leid tut. Warum machen wir das bloß? Also Handy raus, kurze SMS: „War nicht so gemeint! Deine dich liebende Antifa.“ Super Start in den Tag.

          Julia Encke

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und wir sind nicht allein. Ein Freund erzählt, dass er, wenn er mit seiner Freundin die Straße entlanglaufe, das Flüchtlingsthema inzwischen vermeide und versuche, über andere Sachen zu reden, weil er sonst riskiere, in voller Lautstärke mit dem seine ganze Person in Frage stellenden Grundsatzvorwurf konfrontiert zu werden, was nur aus ihm geworden sei. Ein international tätiger Wirtschaftsanwalt, den wir kennen, ist zu Hause neuerdings als verträumter Sozialromantiker verschrien, wohingegen er seiner im Literaturbetrieb arbeitenden Frau unterstellt, immer konservativere Positionen zu beziehen. Sie alle sind Menschen zwischen dreißig und fünfzig, die in der Großstadt leben und für sich in Anspruch nehmen würden, liberal oder links zu sein. Paare, für die es nichts Besonderes ist, über Merkel, Snowden und die NSA zu diskutieren, über Auslandseinsätze der Bundeswehr oder die Finanzkrise, durchaus mit abweichenden Meinungen. Nur fliegen dann eben nicht sofort die Fetzen. Das ist erst jetzt so. In der Flüchtlingsfrage scheint für jeden Einzelnen mit einem Mal alles auf dem Spiel zu stehen. Immer wird es sofort emotional. Warum eigentlich?

          Die irreführende Rede von der Naturgewalt

          Auf der Buchmessenparty des Suhrkamp-Verlags sagte neulich jemand einen dieser typischen, etwas zu großspurigen Buchmessenpartysätze, die „Flüchtlingsangelegenheit“ breche, wie er das nannte, wie eine „Naturgewalt“ über uns herein. Wolfgang Schäuble, wäre er da gewesen, hätte dieser Satz wahrscheinlich gefallen, wo ihm die Flüchtlingsbewegungen nach Deutschland doch auch wie „Lawinen“ vorkommen: „Ob wir schon in dem Stadium sind, wo die Lawine im Tal unten angekommen ist, oder ob wir in dem Stadium im oberen Ende des Hanges sind, weiß ich nicht“, hat der Finanzminister vor ein paar Tagen gesagt, nicht ohne dem eine maliziöse Spitze in Richtung Bundeskanzlerin hinzuzufügen. Jedenfalls konnte man das so verstehen. Er sagte: Lawinen könne man auslösen, wenn „irgendein etwas unvorsichtiger Skifahrer“ an den Hang gehe und ein bisschen Schnee bewege.

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