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Flucht aus Somalia : Niemand wusste, ob wir ankommen würden

  • -Aktualisiert am

Aus Somalia nach Giesing: Inzwischen ist Moha 19 Jahre alt Bild: Andreas Müller

Durch die Wüste, übers Mittelmeer, ins Gefängnis, in die Schule: Moha kam als 15 Jahre alter Flüchtling von Somalia nach München. Deutschland braucht Menschen wie ihn.

          „Beim Freitagsgebet in der Moschee musterten die Kämpfer unter den Wollmasken uns Jugendliche. Alle, die stark genug zum Kämpfen schienen, mussten mitkommen. Sogar 14-Jährige wie ich. Zum Glück war ich für mein Alter sehr klein und dünn geraten. Niemand von uns Jugendlichen wollte zum Töten ausziehen. Wir wollten lieber Fußball spielen und Filme schauen, so wie früher, bevor die islamistischen Shabaab-Milizen unsere Stadt besetzten und Kämpfer aus Afghanistan, Arabien und Nordamerika durch die Straßen patrouillierten. Sie verboten uns das Fernsehen und die Musik. Alle Frauen mussten sich verschleiern. Und Fußball spielen durften wir nur noch in langen Hosen.

          Am nächsten Freitag ließ mich meine Mutter nicht mehr zur Moschee gehen. Doch die Milizen durchkämmten alle Häuser: „Seid ihr gläubige Muslime? Dann müsst ihr eure Kinder mit uns gegen die Christen kämpfen lassen!“ Wer nicht folgte, bekam eine Waffe an den Kopf gehalten. Meine Mutter flehte um mein Leben. Ich sei ihr Ältester. Wie solle sie ohne mich und meinen Vater, der als LKW-Fahrer bei einer Minenexplosion ums Leben gekommen war, meine vier Geschwister großziehen? Außerdem hätte ich noch zu schwache Arme, um ein Maschinengewehr zu halten. So handelte sie einen Aufschub heraus. Beim nächsten Mal nutzte ihr Bitten nichts mehr: Die Milizionäre erklärten, dann müsse ich eben mit einer Pistole kämpfen. Sie würden in der Nacht wiederkommen und mich mitnehmen. Meine Mutter sagte mir, ich müsse die Stadt verlassen. In ein anderes Land flüchten. Ohne sie. Da habe ich geweint: 'Mama, mit dir gehe ich überall hin. Aber wie soll ich ganz alleine durch die Fremde kommen?'“

          Sicherheit und deutscher Fußball

          München-Giesing, eine helle, karg möblierte Altbauwohnung. Mohamed öffnet die Tür, reicht höflich und fast etwas schüchtern die Hand und bietet ein Glas Wasser an. „Ich bin gerade am Kochen. Möchten Sie mitessen?“ Ein Lächeln huscht über sein rundes Gesicht. Man merkt dem etwas pummeligen Jungen in Sandalen und kurzer Hose die Genugtuung an, Gastgeber zu sein. Einzuladen. Zu einem Essen, das er sich vom eigenen Geld leistet, in einer Wohnung, die er selbständig in Schuss hält. In der Küche duftet es nach Kreuzkümmel und Curry. Mohamed, den seine Freunde nur Moha nennen, sagt, er habe das Kochen von seiner Mutter gelernt. So wie das Putzen. Die Wohnung wirkt erstaunlich aufgeräumt - zumindest für einen Jugendlichen, dessen Kontrolle sich auf ein, zwei wöchentliche Treffen mit seinem Betreuer beschränkt. Als ob die Ordnung das vergangene Chaos, die Wunden der Flucht, die Gedanken an die Zurückgebliebenen in Schach halten könnte.

          Seit drei Jahren wohnt Mohamed in einer Wohngemeinschaft für Jugendliche. 19 Jahre ist er inzwischen alt, auch wenn er mit seinen Pausbacken und dem unbefangenen Blick oft jünger geschätzt wird. Obergiesing, der Bolzplatz um die Ecke, die sommerlichen Isarauen: Sie sind längst zur Heimat geworden. Als Moha, so wie Tausende anderer somalischer Kinder, auf die Flucht geschickt wurde, hatte er keine Ahnung von Deutschland. Sicherheit sollte es dort geben, eine Chance auf ein besseres Leben. Und ja, natürlich, Fußball: „In Somalia haben wir über Satellitenfernsehen die Spiele der Bundesliga verfolgt. Ich kannte die Spieler von Bayern München. Wir haben das nur anders ausgesprochen: Baia Munk.“ Baia Munk! Moha und sein somalischer Mitbewohner müssen laut lachen. Ansonsten, sagt Moha, würden sie vermeiden, über die Vergangenheit zu sprechen.

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