https://www.faz.net/-gqz-89hez

Krebsrisiko bei Fleischverzehr : Es geht nicht nur um die Wurst

Bild: Greser & Lenz

Wer das Krebsrisiko durch Fleisch nicht ernst nimmt, übersieht leicht, worum es darüber hinaus geht: um die Eindämmung eines besinnungslosen Konsumrausches. 

          Der Fall wird schon wieder heruntergekocht. Gesund ist das bestimmt nicht. Obwohl, wer weiß, vielleicht ist es ja erst mal gesünder, über eine Krebsforschung zu spötteln, die den Planeten mit einem verklausulierten Bannspruch zum Fleisch- und Wurstkonsum überzieht, als sich erschüttert in die Ecke zu verkriechen und von der Angst vor Darm- oder Magenkrebs zerfressen zu lassen. Bleiben wir also tapfer. Positiv Denken stärkt das Immunsystem, und eine gesunde Abwehr schützt vor Krebs. Das ist so wahrscheinlich wie das Amen in der Kirche. Wahrscheinlich? Ja, wahrscheinlich, denn was ist schon sicher? Dass gebratenes, gegrilltes, geräuchertes oder sonst wie verarbeitetes Fleisch Krebs erzeugt? Ist es das, was Sie gehört, gelesen oder jedenfalls so interpretiert haben?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nun erst mal langsam. Wie immer, wenn an den Rändern unseres Wissens Klarheit geschaffen werden soll, müssen wir uns auch in diesem Fall klarmachen, wie verschwommen generell die Informationen - sprich: Wissensinhalte - sind, die uns täglich zum Thema Gesundheit erreichen. Die Debatte um Risiken ist nämlich notwendigerweise von Unschärfen und einer beklemmenden Vorläufigkeit durchsetzt.

          Die Internationale Krebsagentur IARC trägt dafür allerdings die geringste Schuld. Die zwei Dutzend Krebsspezialisten aus Lyon haben im Prinzip nur zusammengetragen und sorgfältig ausgewertet, was vor knapp einem Jahr bereits eine wie auch immer motivierte Onkologengruppe als endgültig für verkündbar gehalten hatte: die gesammelte empirische Evidenz nämlich, die darauf hindeutet, dass ein Zuviel an Fleisch- und Wurstverzehr - und jetzt reden wir nicht über das „weiße“ Fleisch von Geflügel oder gar Fisch, zu dem keinerlei Evidenzen in diese Richtung vorliegen - tatsächlich krebserregend ist. Niemand soll behaupten, davon nichts gewusst zu haben. In vielen Jahrzehnten sind da nicht nur ein paar trostlose Aufklärungssprüche und pädagogisches Tischgebrabbel zusammengekommen, sondern immerhin auch mehr als achthundert brauchbare klinische Studien. Zusammengenommen gelangen sie, und das ist entscheidend, über das übliche Gerüchteniveau hinaus, auf dem viele ungelegte wissenschaftliche Eier mit deren schwammigen Hinweisen über angebliche Gefährlichkeit von Milch, Vitaminzusätzen oder Birnen für Schwangere, um nur die jüngeren zu nennen, für Jahre überdauern.

          Was wissen wir wirklich?

          Um die Unsicherheit beim Thema Fleisch und Wurst zumindest für den Moment auf ein Minimum zu verringern, sei hier also auf das nun verifizierte Wissen verwiesen: Verarbeitetes oder konserviertes „rotes“ Fleisch (also von Rind, Kalb, Schwein, Lamm, Hammel, Ziege und Pferd) gehört in der WHO-Skala der höchsten von fünf möglichen Krebsrisiko-Einstufungen, der Kategorie 1, an. Das heißt: Es ist definitiv krebserregend. In derselben Kategorie finden sich Tabakkonsum, Asbest und Alkohol. Aber hier nun beginnt, „definitiv“ hin oder her, die Unschärfe. Denn man holt sich nicht mit dem ersten Schnitzel den Krebs in den Leib. Die Einstufung bedeutet lediglich: Es existiert eine klare Evidenz, dass diese Lebensmittel Krebs auslösen können. Bei rohem rotem Fleisch ist die Evidenz aus den Studien dagegen „nicht ausreichend“, ergo kommt das als „wahrscheinlich krebserregend“ in Kategorie 2, auf eine Stufe mit zum Beispiel Schichtarbeit.

          Noch wichtiger allerdings ist ein Hinweis, der nach der Veröffentlichung der WHO-Krebsagentur meist geflissentlich übergangen wurde: Evidenz sagt nichts über das tatsächliche Krebsrisiko. Will heißen: Wenn ich weiß, dass verarbeitetes Fleisch sicher Krebs auslösen kann, weiß ich noch lange nicht, wie groß das Risiko - das statistische, geschweige denn das individuelle Risiko - ist, mit meinen besonderen Verzehrgewohnheiten an Fleischesserkrebs zu erkranken. Risiken sind immer unscharf, oft auch unbestimmbar. Die Krebsforscher versuchen es trotzdem: Pro Fünfzig-Gramm-Portion von verdächtigtem behandeltem Fleisch (oder Wurst) erhöhe sich das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, statistisch gesehen, um achtzehn Prozent.

          Neuausrichtung der Konsumgewohnheiten

          Das klingt exakter, als es tatsächlich ist. Unschärfe auch hier. Denn tatsächlich handelt es sich um ein relatives Risiko. Das generelle Darmkrebsrisiko betrifft 56 von tausend Personen, bei exzessiven Fleischessern sind es statistisch zehn mehr: 66 Krebsdiagnosen auf tausend Personen. Absolut gesehen, ist das Krebsrisiko durch Fleisch jedenfalls sehr viel geringer als das etwa von Tabak- oder Alkoholkonsum: Jedes Jahr wird derzeit weltweit mit einer Million Todesopfern durch Rauchen gerechnet, mit 600 000 durch Alkoholgenuss, 200 000 durch Luftverschmutzung, aber höchstens mit 34 000 durch den Verzehr besagter Fleischwaren. Noch mehr Relativierung gefällig? Vier Fünftel der Lungenkrebsfälle werden durch Rauchen verursacht, lediglich ein Fünftel der Darmtumoren werden auf Fleisch und Wurst zurückgeführt.

          Alles hat ein Ende, doch besonders der Wurstkonsum.

          Wie gesagt, an solche makabren Zahlenspiele sollten wir uns längst gewöhnt haben. Sie sind alles andere als neu. Doch wahr ist auch: Wir verdrängen sie sehr zuverlässig, und die meisten wurschteln weiter wie bisher. Deshalb ist das Sinnvollste, was sich aus der Publikation der Krebsagentur herauspressen lässt, die sichere Erkenntnis, dass die Sensibilisierung der Massen in der Zu-viel-von-allem-Kultur zumindest für einen Augenblick gelungen sein dürfte.

          Das bedeutet nicht, dass die Weltgesundheitsorganisation, als sie vor einem Jahr den Entschluss zu einer offiziellen Neubewertung gefasst hat, diese Signalwirkung nicht vielleicht doch sehr gezielt in ihr Kalkül einbezogen hätte. Die Gesundheitsbehörde - aber längst nicht nur sie innerhalb der Vereinten Nationen - hat mit dem Zuwachs an medizinischem oder allgemeiner an wissenschaftlichem Wissen einen Codex zurechtgelegt, der den Begriff „Public Health“ auf einen globalen Punkt bringt. Man kann das als Verschwörungstheorie abtun. Tatsächlich ist die Weltgesundheitsorganisation jedoch immer stärker bemüht, die Evidenzen für eine grundlegende Neuausrichtung unserer Konsumgewohnheiten zu sammeln - und entsprechende Verhaltensänderungen dort zu bewirken, wo sich das Zusammenleben von bald neun oder zehn Milliarden Menschen schädlich auswirken wird.

          Die sinnvolle Agenda der WHO

          Die drohende Verdoppelung der Rauchertoten bis 2030 allein in China war nicht der erste publizistische Vorstoß (jüngst im „Lancet“), der mit apokalyptischem Unterton verbreitet wurde und den globalen Gesundheitszielen der Organisation in die Karten spielte. Es war auch die Weltgesundheitsorganisation, die sich an die Spitze einer zunächst vorwiegend westlichen Gesundheitsbewegung gesetzt hat, die mit Kassandraqualitäten vor der Ausbreitung chronischer Volkskrankheiten wie Diabetes und Fettsucht warnt und dafür sowohl die Zucker- als auch eben die Fleischindustrie ins Visier nimmt. Dass sich daraus in vielen Ländern schon Debatten um kollabierende Gesundheitssysteme, um Zuckersteuer und Kennzeichnungspflichten à la Nikotin entwickelt haben, muss man dem aufklärerischen Ideal der WHO-Gesundheitspolitik zugutehalten.

          Die Frage, ob sie damit ideologische Ziele verfolge oder wenigstens unterstütze, lässt sich mit der vorliegenden Evidenz nicht beantworten. Man mag es ihr aber nicht unterstellen. Denn allein die Zunahme an individueller Lebenszeit und -qualität, die mit einer gewissermaßen leitliniengerechten bewussten Lebensweise einhergeht, ist unbestritten. Der Preis dafür ist allerdings auch klar: weniger Konsumfreiheit, mehr Disziplin. Selbst die Freiheit, sich selbst durch ungesunden Lebensstil zu schaden, lässt sich mit guten medizinischen - nämlich psychiatrischen - Gründen als Irrweg begründen.

          Früher hatten die Empfehlungen und Warnungen der Weltgesundheitsorganisation eher abstrakten und formalen Charakter. Heute kann es ihr nicht konkret genug sein. Die wissenschaftliche Medizin hat sie dafür auf ihrer Seite. Und nicht nur sie. In der Debatte um den Klimawandel steht der weltweit rapide steigende Fleischkonsum heute am selben Pranger wie Regenwaldabholzung und Kohleförderung. Immerhin verursacht die Rinderproduktion schätzungsweise ein Fünftel der weltweiten Treibhausgasemissionen.

          „Weniger Fleisch heißt weniger Hitze.“ Solche Parolen, die auf ein Umdenken zugunsten „klimaneutraler“ Verzehrgewohnheiten zielen, stammen nicht etwa von Veganer-Aktivisten, sondern werden als griffige Formel vom Wissenschaftsbetrieb selbst produziert. Es ist weit mehr als ein pädagogisches Moment, das bei solchen Schlagzeilen greift. Verhaltensänderung ist das Ziel. Die Weltgesundheitsorganisation hat erkannt, dass sie mit der digitalen Vernetzung fast des gesamten Globus einen Zugriff auf die Köpfe hat, wie man sich ihn für eine supranationale Institution mit dem Auftrag zur Weltverbesserung nur wünschen kann. Dass sich dann in diesen politisch korrekten Datenfluss gelegentlich auch halbverdaute oder schwerverdauliche Gesundheitsinformationen mischen, müssen wir wohl oder übel in Kauf nehmen.

          Weitere Themen

          Die Drift nach oben Video-Seite öffnen

          Landkarte des Kunstmarkts : Die Drift nach oben

          Die Preise für Kunst sind absurd? Nein. Sie sind das realistische Abbild des globalen Reichtums. Eine Landkarte des Kunstmarkts, der in Wirklichkeit schrumpft und nur knapp dem Umsatz von Rewe entspricht.

          Topmeldungen

          Abgrenzung von der AfD : Das Ende eines Ausflugs

          Die Union besinnt sich endgültig wieder auf die Erkenntnis, dass sie mit einer Wendung nach rechts weniger Zustimmung zurückgewinnt, als sie in der Mitte verliert.

          „Kleiderpolizei“ im Hochsommer : Liberté, Egalité, Décolleté

          Es ist sehr heiß. Während die einen nur an Abkühlung denken, stören sich die anderen an freizügiger Sommerkleidung. In Frankreich wehren sich viele Frauen auf Twitter gegen diese Verurteilung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.