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Fitnessstudio „Hard Candy“ : Madonna in falscher Gesellschaft

„Harder is better“? Von wegen. Ob Madonna weiß, was in Berlin unter ihrem Namen ablief? Bild: dpa

Die Betreiber der Fitness-Kette „Hard-Candy“ in Berlin sind insolvent. Wer einmal ein Studio besucht hat, weiß warum: Hier ließ sich Madonna in den Dreck ziehen.

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          Kurz bevor Madonna richtig peinlich wurde (sie fing an, in den Kleidern ihrer Tochter herumzulaufen, machte auf roten Teppichen eine leider nur noch würdelose Figur, postete auf Instagram Fotos ihres Sohnes Rocco), eröffnete sie in Berlin die „Hard Candy“-Fitnessstudios. Es gibt ein Foto von dieser Eröffnung, das Madonna im Lederoutfit und mit auffällig aufgeblasenem Gesicht zwischen zwei dicken Männern zeigt: den Unternehmerbrüdern Jürgen und Ralf Jopp, die für einige Studios in Berlin die „Hard Candy“-Lizenz erworben hatten. Es waren luxuriös ausgestattete Studios, in denen die Mitgliedschaft erst sehr teuer sein sollte, mit der Zeit allerdings so günstig wurde, dass auch ich mich dort anmeldete. Eins der Studios lag bei mir direkt um die Ecke und hatte ein schönes Schwimmbad.

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Madonna war mir bei der Anmeldung natürlich egal, sie war aber überall zu sehen: Hinter dem Empfangstresen hing ein riesiger Flatscreen, auf dem in Endlosschleife Videos von Madonna-Konzerten liefen; an den Wänden hingen Madonna-Bilder aus allen Epochen, auch im Treppenhaus zum Spa Zeugnisse ihrer Verwandlung im Andy-Warhol-Style. Komischerweise gab es an den Trainingsgeräten keinen Extra-Kanal mit ihren Liedern, das hätte ich noch verstanden. Es war eine seltsame Welt, in die man eintauchte. Draußen spielte Madonna keine Rolle mehr, drinnen sollte sich („Harder is better“) alles um sie drehen. Dass heute wirklich niemand mehr so sein will wie sie, hatten nicht nur die Sängerin selbst, sondern auch Jürgen und Ralf Jopp offenbar nicht mitbekommen oder nicht mitbekommen wollen.

          Ich sah nur noch den Dreck

          Bald sah ich die Madonna-Bilder nicht mehr. Ich sah nur noch den Dreck. In den Duschräumen lagen leere Shampoo- und Duschgel-Flaschen herum, die von ihren Benutzerinnen (es war ein Frauenstudio) nicht in den Mülleimer gebracht worden waren und auch von Putzkräften nicht weggeräumt wurden. Die Mülleimer quollen trotzdem über. Das Schwimmbadwasser sah merkwürdig trüb aus. Haare klebten in den Umkleiden am Boden. Defekte Trainingsgeräte wurden nicht ausgetauscht. Zugleich wurde es immer voller im Studio, weil Mitglieder zu immer günstigeren Preisen angeworben wurden. Und auch ich wurde wieder angerufen: Ob ich nicht eine Lebenszeitmitgliedschaft für 999 Euro abschließen wolle, ein „Irrsinnspreis“, den man (sehr witzig) allerdings sofort begleichen sollte.

          Als ich am Monatsende meine Kontoauszüge durchsah, hatte „Hard Candy“ ohne jede Berechtigung eine „Umweltpauschale“ im Wert von 69 Euro abgebucht. Ich rief bei der Geschäftsführung an, niemand ging ran. Ich protestierte im Studio und stellte fest, dass sie allen Mitgliedern, deren Kontodaten sie besaßen, 69 Euro abgebucht hatten. So kommt man vorläufig zu Geld, das man nicht hat.

          Madonna mit den Unternehmern Jürgen (links) und Ralf Jopp bei der Eröffnung von „Hard Candy Fitness“ 2013 in Berlin
          Madonna mit den Unternehmern Jürgen (links) und Ralf Jopp bei der Eröffnung von „Hard Candy Fitness“ 2013 in Berlin : Bild: dpa

          Und dann kam das Gesundheitsamt und sperrte das Schwimmbad. Kurz darauf wurde der Strom abgeschaltet. Das war das Ende, was „Hard Candy“ nicht davon abhielt, mein Konto weiter zu belasten.

          Gericht im Kino

          Madonna hätte es wahrscheinlich gefallen, dass das Amtsgericht Charlottenburg am Donnerstag zur ersten Gläubigerversammlung im Insolvenzverfahren der Jopp AG nicht in die Räume des Amtsgerichts Charlottenburg geladen hatte, sondern, aufgrund der 991 Anmeldungen, in Saal 1 des Zoo-Palastes. Das hatte Hollywood-Qualität – zur Freude übrigens auch des Insolvenzverwalters, der ein ganzes Kino voller Gläubiger vor sich hatte, die ihm, bisher einmalig in seiner Karriere, am Ende seiner Einlassungen applaudierten. Ein Kino voller wütender und betrogener Frauen, Lieferanten und Arbeitnehmer, das ließ Tumulte erwarten. Doch lachten die dort Versammelten immer nur bitter, wenn der Insolvenzverwalter Details zum Besten gab (darunter die Anekdote, dass Mitarbeiter der Fitnesskette irgendwann seine eigene Kanzlei um das nötige Klopapier gebeten hatten, das fehlte).

          Jürgen und Ralf Jopp kamen nicht. Gegen sie ermittelt die Berliner Staatsanwaltschaft wegen verschleppter Insolvenz und wegen Betrugs. Madonna kam auch nicht. Wahrscheinlich weiß sie nicht mal davon, dass ihr Name in Berlin in den Dreck gezogen wurde und er hier für sehr lange Zeit verbrannt ist. Aber wer interessiert sich noch für Madonna?

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