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Hackerangriff auf Krankenakten : Tausende von Menschen öffentlich entblößt

  • -Aktualisiert am

Logo der Firma Vastaamo an ihrem Psychotherapiezentrum in Helsinki, aufgenommen am 24. Oktober 2020 Bild: AFP

In Finnland haben Hacker psychotherapeutische Krankenakten in großem Ausmaß geraubt. Neben der Angst vor Erpressung wächst die Sorge, ob ein ausländischer Geheimdienst dahinter steht. Für die digitale Euphorie ist diese Katastrophe eine Ernüchterung.

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          Am 21. Oktober hinterließ ein anonymer Hacker auf einem finnischen Internetforum eine englischsprachige Nachricht, wonach die Krankenakten von etwa vierzigtausend Patienten des großen Psychotherapiezentrums Vastaamo in seinem Besitz seien. Dieses Material enthalte sowohl die Adressdateien als auch die Personenkennzeichen – in Finnland ein wichtiges Dokument, das die Nutzer zu gravierenden finanziellen und behördlichen Transaktionen berechtigt – sowie die gesamten Protokolle der Therapiesitzungen, die von den Therapeuten über mehrere Jahre hinweg geführt worden waren.

          Der Hacker schrieb, er habe die Akten der Vastaamo-Datenbank bereits im November 2018 gehackt. Ende September 2020 habe er sich an die Chefs des Zentrums gewandt und 450 000 Euro Schweigegeld erpresst, das ihm durch anonyme Vermittlung in Bitcoins über das Darknet überwiesen werden sollte. Die Firma habe seine Forderungen nicht akzeptiert, deshalb werde er ab sofort jeden Morgen die Akten von hundert Patienten im anonymen Tor-Netzwerk veröffentlichen.

          Der Hacker hat Wort gehalten. Am nächsten Morgen erschienen weitere hundert, Freitag wieder hundert, bislang also dreihundert Patientenakten im Netz. Die Aufmerksamkeit der Presse und Internetforen wuchs. Redakteure unterschiedlichster finnischer Zeitungen prüften die Dateien und stellten fest: Das Material ist gravierend. Eine Autorin beschrieb in ihrer Kolumne, dass sie die Lektüre einer Akte abbrechen musste: Bei der Vorstellung, dass alle Welt lesen könne, wie ein Therapeut das Leben einer Person durchwühle, sei ihr schlecht geworden.

          Der Hacker behauptete, die Personen der bislang veröffentlichten Akten seien frei gewählt. Doch bereits unter den ersten fanden sich hochrangige Polizisten und Politiker. Am Freitagmorgen wurde auf der Tor-Seite des Hackers eine Datei von zehn Gigabyte hochgeladen und nach einer Stunde wieder gelöscht. Viele, die im Netz gelauert hatten, luden die Datei herunter. Danach brach die Hölle los: Am Samstag bekamen Zigtausende Patienten des Therapiezentrums per E-Mail einen Erpressungsbrief, diesmal auf Finnisch, der ihnen die Möglichkeit bot, sich freizukaufen: für zweihundert Euro, zahlbar in Bitcoins innerhalb eines Tages, oder für etwa fünfhundert Euro, zahlbar in zwei Tagen. Damit war klar: Es geht um wesentlich mehr.

          Was das Datenleck bedeutet

          Es ist schwer zu fassen, was dieses Datenleck für die Finnen bedeutet. Die Menge von vierzigtausend Patienten in Finnland entspricht, gemessen an der Gesamtbevölkerung, etwa jener von sechshunderttausend in Deutschland. Sie stehen nun völlig nackt in der Öffentlichkeit: mit ihren Geheimnissen, Krankheiten, Affären, unehelichen Kindern. Dazu kommt, dass zur finnischen Mentalität große Scheu, gedämpfte Kommunikation und viele innere Geheimnisse gehören. Der finnische Staat war auf diesen Angriff nicht vorbereitet. Die Premierministerin Sanna Marin ordnete am Wochenende eine Krisensitzung der Schlüsselministerien an. Die Polizei organisierte eine Pressekonferenz und bestätigte, es gehe vermutlich um „viele tausend Leute“.

          Die Behörden empfehlen, kein Schweigegeld zu bezahlen und stattdessen Strafanzeige im Internet zu stellen. Die Portale der Polizei kollabierten sofort. Die Patienten, viele von Angst paralysiert, suchten verzweifelt nach Möglichkeiten, mehr zu tun. Mit dem Personenkennzeichen kann man in Finnland per Internet Versandware bestellen, Umzüge organisieren, Firmen gründen, Sofortkredite beantragen. Um jede einzelne dieser Transaktionsmöglichkeiten zu sperren, muss man mit sieben bis acht Behörden telefonieren, bei einigen für die Sperrung auch Gebühren bezahlen – und das alles, während viele der betroffenen Menschen dazu keine Kraft und erst recht keine ausreichenden digitalen Kenntnisse haben.

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