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Finanzkrise : Im Gefangenendilemma

  • -Aktualisiert am

Die Retter der Nation: unsere Politiker Bild: dpa

Die Manager der Krise, die Frauen und Herren des Geldes, die Quellen des Vertrauens: Nie sah man selbstbewusstere Politiker als jetzt, nie panischere Banker. Denn was gerettet werden muss, wird durch die Politik gerettet. Wer aber rettet uns vor der Politik?

          Das kleine Tierchen Angeberei hat immer die gleiche Verbreitung. Es gibt jedenfalls nie weniger davon. Wenn’s sich nicht mehr wohl fühlt, wechselt es einfach den Wirt. Eben noch waren die Investmentbanker klasse, die besten Angeber der Welt. Kein Spiel, das sie nicht, auch bei Verlust gewonnen hätten.

          Jetzt spielen sie „Gefangenendilemma“, jenes spieltheoretische Nicht-Nullsummenspiel, in dem es eigentlich nur darum geht, am Ende nicht als der alleinige Angeschmierte dazustehen: Nimmt Bank A vom Staat das Geld an, das sie dringend braucht, wird sie von den Märkten und der Öffentlichkeit bestraft, weil sie als bedürftig gilt, während Bank B das Geld vielleicht noch dringender braucht, aber nichts nimmt und deshalb unverdientermaßen belohnt wird und sich dadurch rettet, was wiederum aber Bank A vorhersieht usw. Das ist vielleicht nicht die klassische, aber doch die buchstäbliche Version des „Gefangenendilemmas“, wenn man an die Äußerungen des Bundespräsidentenkandidaten der Linkspartei denkt, der Josef Ackermann ins Gefängnis stecken will.

          Bislang verlor Politik immer

          Darum ging es im Kern am Sonntag Abend bei „Anne Will“, und darum ging es am Montag auf der Bundespressekonferenz. Und während die bislang herrschende Finanzwelt wie Asterixens Römer über dem Mühlespiel nach einem Ausweg aus der Falle grübelt, langweilt sich das Tierchen Angeberei und springt über auf die Politik.

          Bislang galt: Politik verlor immer, auch wenn sie das Spiel gewonnen hatte. Immer waren ihr Worte von einem „aber“, „jedoch“, „hingegen“ begleitet. Jeder weiß, wie sehr sie darunter litten. Stets ein bisschen Panik, stets ein wenig Alarmiertheit, als wüssten sie, dass unter ihrem Reformpaket X und der Agenda Y ein paar Zeitbomben schlummerten. Und nun? Nie sah man selbstbewusstere Politiker als jetzt, nie panischere Banker. Und wenn man auch feststellen wird, dass Angela Merkel, die nicht angibt, und Peer Steinbrück, der auch nicht angibt, an der Spitze der Krisenbewältigung Wichtiges geleistet haben, so kann man doch nicht übersehen, dass unterhalb dieser beiden die politische Klasse im Begriff ist, sich extraklasse zu finden.

          Ende der Beschimpfungen

          Den neuen Stil ruft als Erster der Geistliche aus. Bischof Huber erklärte bei „Anne Will“, die Zeit der Politikerbeschimpfung sei nun zu Ende. Politiker sind die Manager der Krise, die Frauen und Herren des Geldes, die Quellen des Kredits, also des Vertrauens. Und nach diesem ganz leichten Klaps des Geistlichen ist das Tierchen schon auf Norbert Röttgen (CDU) übergesprungen, von ihm auf die Fraktion, den Bundestag, erreicht, föderalistisch absteigend, die Landtage und schließlich die Politiker, die in den Vorständen und Aufsichtsräten der maroden Landesbanken saßen. Es ist ein „leverage“ an Reputation, eine Hebelwirkung, von der Lehmans Zertifikate selbst in ihren besten Zeiten nur träumen konnten.

          Denn man sollte sich nicht auf die Mickymaus-Differenz von Politik und Finanzwirtschaft einlassen, für die Bischof Huber jetzt den Verkünder spielt: ein törichter Paradigmenwechsel, der das eine mit dem anderen tauscht. Politik, repräsentiert durch Gordon Brown, Merkel und Steinbrück, hat bis auf weiteres eine Katastrophe verhindert und verdient deshalb großen Respekt. Aber damit ist noch keine Entscheidung über das Ausmaß an struktureller Rationalität getroffen, das in der Politik als solcher steckt. Politik war es, die jene fragwürdigen Finanzprodukte zuließ und förderte, Kommunen und die evangelische Kirche waren es, die sie kauften, und Landesbanken unter staatlicher Aufsicht, die sie finanzierten.

          Verwechslung von Politik und Staat

          Die Hubersche Simplifizierung ist deshalb so gefährlich, weil sie systematisch Politik mit dem Staat selbst verwechselt. Niemand will Politikerbeschimpfung, aber vielleicht wäre es, anders als diese opportunistische Lektion will, an der Zeit, einzusehen, dass auch Bankerbeschimpfung nicht hilft. Wenn Eliten der Gesellschaft die Komplexität und die Dimension der gegenwärtigen Krise so wenig verstehen, dass sie gleichsam auf umgekehrtes Sabine-Christiansen-Niveau – womit nicht die souveräne Anne Will gemeint ist – zurückfallen, dann gnade uns Gott. Der Politiker als Retter des Staates ist immer noch nicht der Staat selbst, aber die Gefahr besteht, dass er ihn sich wie eine Blume ins Knopfloch seines neuen tollen Outfits steckt.

          Ist die Verstaatlichung von Banken das letzte Wort? Beginnt nicht schon die allgemeine Flucht in die Arme des Staates, und das heißt in Wahrheit: der Politik, und das heißt in Wahrheit: der politischen Parteien? Wird es nicht bald in jeder angeschlagenen Branche heißen: Wir wollen auch öffentlich-rechtlich werden. Redete nicht schon Jürgen Habermas angesichts der Krise der Medienindustrie von „öffentlich-rechtlichen Zeitungen“, und wird eben das in Funktionärskreisen gespentischerweise nicht auch schon diskutiert? Ist denkbar, dass die nächste Phase unserer gesellschaftlichen Entwicklung eine Phase ist, in der die Finanzen wie die gesellschaftliche Kommunikation von politischen Gremien kontrolliert werden, die sich mit dem Staat und seiner Idee selbst verwechseln? Das sind keine irrationalen Annahmen, sondern erste Regungen eines ganz anderen Tierchens im Dotter des Leviathan.

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