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Finanzkrise : Alle Kassen im Schrank

  • -Aktualisiert am

Konferenz bei Lehman Brothers in London, 11. September 2008 Bild: Reuters

Der Staat übernimmt die Schulden, alle atmen auf - doch die Krise in den Vereinigten Staaten ist nur vertagt. An der Wall Street zieht der öffentliche Dienst ein und keiner weiß, wie es weitergehen soll. Eine Diagnose.

          6 Min.

          Am Montag wird alles anders. Peinliche Männer in billigen Anzügen werden im Empfangsbereich großer Häuser der Wall Street vorsprechen, umständlich mit Formularen auf Umweltpapier und Billigkugelschreibern hantieren, sich ihre Fahrkarte aus Washington quittieren lassen und erklären, das sei hier nun alles öffentlicher Dienst. Die Limousine heißt jetzt Subway, und Kokain gibt’s nur noch gegen Vorlage eines Attests. Dann ziehen sie durch jedes Stockwerk und nehmen denen, die früher an der Uni die besseren Noten hatten, die schicken Finanzinstrumente aus den verschwitzten Händen. Eine Szene wie aus einem Wahlwerbespot von Margaret Thatcher oder der FDP: So grau wird es, wenn die Kommunisten kommen.

          Zuerst hat sich der amerikanische Staat zwei witzige Hypothekenbanken gekauft und dann, wenn man einmal anfängt mit dem Shoppen, eine schöne Versicherung. Wie es dazu kam, habe ich, nur um den Sachstand abzugleichen, so verstanden: Privatleute, die kein Geld hatten, haben sich Häuser, die nichts wert sind, mit Krediten gekauft, die sie nicht bedienen konnten. Prüfungsfirmen, die irgendwie den Leuten, die auch die Kredite verkauften, gehörten, fanden das in Ordnung. Alle gewannen: Den Eigentümern dienten die Häuser als Sicherheit für Konsumentenkredite, die Hauskredite wurden weiterverkauft und wieder weiterverkauft. Es mussten natürlich immer mehr kommen, nur Tempo konnte diesen Wahnsinn verbergen, und als niemand mehr wollte, weil sich irgendwann ja herumgesprochen hatte, wie die Dinge stehen, da gingen die Institute pleite, bei denen sie zuletzt hängengeblieben waren. Das hektische Tempo der Sache hat man mit Dynamik verwechselt und anwachsende Vertragssummen mit Wachstum. Wäre schnelles Autofahren eine an Börsen handelbare Größe, dann hätte dieses System Tempolimits, Ampeln, den Führerschein und alle Bremsen abgeschafft. Bis Porsche und Daimler dem TÜV gehören.

          Oh, die Langmut der Leute!

          In der letzten Woche erlebten wir eine Revolution von oben: Jeder Amerikaner unter vierzig Jahren hat gelernt, dass der Staat das Problem und nicht die Lösung ist. Aber die Welt retten, das kann er doch? Wie lange soll dieser Glaube halten?

          Um dabei von der Systemfrage abzulenken, braucht es Bösewichte. Mehr als zwanzig Jahre nach der Reagan-Thatcher-Revolution schlägt das Pendel ins andere Extrem aus. Galt unter Reagan die Wellfare Queen, die Abzockerin der staatlichen Sozialprogramme, die im Cadillac durch die Sozialwohnungssiedlungen kreuzt, als das negative Leitbild der Volkswirtschaft, so gibt nun der gierige Manager und Finanzhändler ein neues Antibild ab. Mitten im größten Strudel, den weder die Börsenaufsicht noch eine Regierung, die nun endgültig auf allen Feldern Versagensrekorde aufgestellt hat, verhindert haben, taucht die alterprobte Hassfigur des Spekulanten auf, die schon in der Französischen Revolution Albträume nährte. Dabei spielen Händler, die auf fallende Kurse wetten, nach genau den Regeln, die als heilige Prinzipien unserer Marktwirtschaft galten – bis letzte Woche jedenfalls. Die jetzt anzuklagen, den Boten für die Botschaft zu bestrafen, zeugt von der völligen Ratlosigkeit der politischen und ökonomischen Eliten. Und von der Naivität des Publikums: Oh, die Langmut der Leute!

          Krise des Wissens

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