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#MeToo : Geopfert

  • -Aktualisiert am

Sinnbild eines maroden Systems: Der Sexskandal um Harvey Weinstein löste die MeToo-Debatte aus. Bild: dpa

Wir glaubten uns in der Sicherheit, dass die Gleichberechtigung nach langem Kampf schon relativ weit gekommen sei. Doch dann kam die MeToo-Debatte und belehrte uns eines Besseren.

          Waren wir nicht schon einmal viel weiter? Was MeToo jetzt zutage gebracht hat, lässt daran zweifeln. Opfer über Opfer, manches verjährt und kaum noch vorzustellen (welche Frau würde heute noch auf die Bademantel-Masche oder ein Oben-ohne-Shooting reinfallen?). Aber dass sexualisierte Macht immer noch vor allem Frauen betrifft, ist nicht zu leugnen. Und so lästig – manchmal auch lächerlich – die Reste männlicher Überlegenheit auch sind, wir sollten uns damit auseinandersetzen und es nicht allein den Feministinnen überlassen, die alten Schlachtfelder wiederzubeleben.

          Die Opferrolle muss keine Frau mehr übernehmen. Seit 2016 wird sexuelle Selbstbestimmung geschützt und gesetzlich garantiert. Gewalt und Erniedrigung sind verboten. Das ist schon einmal ein sicherer Ausgangspunkt. Von hier aus sollte das zuweilen schwierige Verhältnis zwischen Mann und Frau zu verbessern sein. Warum reden die eigentlich nicht miteinander? Ein einziges Wort – „nein“ – genügt manchmal fürs Erste. Ausführlich geklärt werden müsste, was Frauen beklagen, Gewalterfahrungen, auch im Ehebett, zum Beispiel.

          Ratgeber für Probleme solcher Art gibt es, wenn nötig, zuhauf. Dass die Grenze zwischen Annäherung und Belästigung für manche Männer schwer zu finden sei, ist wenig glaubhaft. Ein reizvolles Spiel von Verführung kann allerdings auch als Einwilligung für Weiteres missverstanden werden. Und wie soll man die nach wie vor hohen Zuschauerzahlen von peinlich primitiven Fernsehshows wie „Germany’s Next Topmodel“ deuten, in denen auf die Würde junger Mädchen offensichtlich keine Rücksicht genommen wird? Ist es nur die Lust an der Zurschaustellung körperlicher Reize, oder wird da auch ein Muster geprägt, das allen Emanzipationserfolgen widerspricht?

          Sexuelle Befreiung von Mann und Frau – wer hätte etwas dagegen, wenn keiner dabei zu kurz kommt! Aber Spielregeln muss es vielleicht doch geben. Das Fernsehen bietet da nicht immer die besten Vorbilder. Am frühen Abend schon, wenn die Kinder längst noch nicht schlafen, werden regelmäßig Filme gezeigt, in denen die Helden es darauf anlegen, die Frauen so schnell wie möglich und keineswegs zärtlich ins Bett zu bekommen. Von wegen Erotik – da wird ein Überfall dargestellt. Also doch wieder weibliche Opfer. Gewöhnt man sich daran? Jedenfalls zur Nachahmung nicht empfohlen. Es gibt tatsächlich einiges zu klären, ohne Zensur oder einen Rückfall in Prüderie.

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