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Unsere Gastfreundschaft : Da kenne ich die Deutschen aber anders

  • -Aktualisiert am

Überschwänglicher Empfang: Vor einer Unterkunft in Berlin werden Flüchtlinge begrüßt. Bild: dpa

Die Deutschen haben keine Willkommenskultur? Es fehlt ihnen an Herzensgüte? Die herzliche Aufnahme wird bei uns nicht nur in diesen Tagen buchstabiert. Eine Erwiderung auf Milosz Matuschek.

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          Der Artikel von Milosz Matuschek in diesem Feuilleton, „Warum macht unser Mitgefühl schlapp?“, ist als Bekennerbrief verfasst, in dem sich der Sohn polnischer Eltern an einer Polemik versucht. Ich könnte diesen Text als den Schulaufsatz eines Salonwilden, als kleine Aufwallung der Saison oder als ein Kurzessay über Gedankenblässe übergehen. Aber das tue ich nicht. Denn der Text trieft vor Deutschenverachtung, und er ist ein Frontalangriff auf den Intellekt.

          Hier begreift das erwachsene Zuwandererkind Multikulturalität als die friedliche Koexistenz der Speisekarten. Matuscheks Hauptthese: Die Deutschen haben keine Willkommenskultur, es fehlt ihnen an Herzensgüte. Fehlte es den Deutschen tatsächlich, wie er behauptet, an einer Willkommenskultur, würden nicht heute Hunderttausende den Fremden in Not helfen. Die Einwanderung ist eine Zumutung überall auf der Welt. Die Alteingesessenen müssen sich zu den Zugewanderten verhalten.

          In der Rolle des Eliteausländers

          Oft genug stoßen sie dabei an die Grenzen der Belastbarkeit. Die Deutschen aber haben sich nicht nur nichts vorzuwerfen. Die Aufnahme fremder Menschen aus aller Welt ist das zweite große Wunder des deutschen Staates. Die Fremden sollen, wie Matuschek fordert, die Alteingesessenen im Lande in der Praxis der Herzensöffnung unterrichten. Aber was sind die Flüchtlinge seiner Ansicht nach? Edle Wilde? Vertriebene, weise Indianer? Milosz Matuschek zeichnet ein Spottbild der Deutschen: Sie essen Mettigel, sind hartherzig, sie verschließen und verpanzern sich. Sie sind Paradespießer, die beim Griechen den Dankeschönschnaps des Wirts trinken. (Wer bitte schön begleicht anstandslos die gepfefferte Rechnung?)

          Sein Deutschland ist anders: Feridun Zaimoglu.
          Sein Deutschland ist anders: Feridun Zaimoglu. : Bild: dpa

          Wer sich, wie Matuschek, in der Rolle des Eliteausländers gefällt, kann nicht anders, als das Volk, das ihn aufnahm, geringzuschätzen und erziehen zu wollen. Am liebsten würde er jedem Deutschen ein Pflichtenheft in die Hand drücken, in dem er seitenweise Benimmregeln auflistet. Die herzliche Aufnahme wird in Deutschland nicht nur in diesen Tagen buchstabiert. Großherzige Frauen und Männer helfen, wo sie nur können. Und sie tun es, ohne Entgelt zu verlangen. Spricht man mit Flüchtlingen, sagen sie, sie hätten es mit herrlichen und herzlichen Menschen zu tun. Wer darin Pathos vermutet, hat sich im eigenen Kopf eingeschlossen. Er muss raus ins Leben. Dann wird er erkennen: Flucht und Vertreibung sind das eine. Das Leben findet eine Fortsetzung in der Errettung. Das ist Deutschland. Den Notleidenden werden Brot und Wasser gereicht, sie sind neu behaust und neu bekleidet; sie sind elenden Verhältnissen entronnen. Willkommenskultur? Das ist ein Unwort aus dem Soziologieseminar. Die Deutschen sind klüger.

          Wenn Milosz Matuschek auf den Libanon verweist, in dem Millionen von Flüchtlingen Aufnahme fanden, vergisst er zu erwähnen, dass die Flüchtlinge dort in Zeltlagern ohne staatliche Fürsorge leben müssen. Hier in Deutschland ist es anders. Es wird immer gesagt, dass herkunftsfremde Deutsche auf welchem Betätigungsfeld auch immer, ob in der Gastronomie oder in der Literatur, eine Bereicherung für das Land seien. Was bedeutet das? Leben wir im Ödland? Brauchen wir eine kulturelle Neubesiedelung? Das Elend der Eliteausländer: Sie fordern im bellenden Ton die Deutschen auf, nicht in Klischees zu denken. Wenn sie aber über Deutschland und die Deutschen sprechen, ergehen sie sich selbst in Verachtung.

          Mich hat Deutschland bereichert. Und mein Land ist gastfreundlich. Und in meinem Land werden aus Gästen künftige Gastgeber.

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