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Fereshta Ludin wehrt sich : Niemand wird durch das Kopftuch islamistisch

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Fereshta Ludin: Sie trägt ihr Kopftuch aus Überzeugung und kämpft dafür Bild: dpa

Alice Schwarzer nennt mich eine „Islamistin“, Necla Kelek in einem Atemzug mit der Terrororganisation „Islamischer Staat“. Dabei kämpfe ich nur für das Recht, ein Kopftuch zu tragen. Eine Erwiderung.

          Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, es nicht zu tun. Ich, Fereshta Ludin, die „Kopftuchlehrerin“, wie viele mich nannten, wollte versöhnlich bleiben. Ich wollte mit niemandem abrechnen und stattdessen Frauen und Frauenrechtlerinnen, egal ob muslimisch oder nicht, zurufen: Lasst uns diese Kopftuchdiskussion hinter uns lassen. Die Argumente sind ausgetauscht, nun muss jeder wissen, was für ihn das Beste ist. Ich persönlich freue mich, dass das Bundesverfassungsgericht das pauschale Kopftuchverbot für Lehrerinnen aufgehoben hat. Und mit mir freuen sich viele andere muslimische Frauen, die Kopftücher tragen und an dieser Gesellschaft nicht nur als Zuschauerinnen teilnehmen wollen.

          Mir war klar, dass viele Menschen in Deutschland das anders sehen würden, und ich habe damit gerechnet, dass sich professionelle Islamkritiker zu Wort melden würden. Auch dass ich dabei wieder in den Fokus rücken würde. Hätte ich aus der Öffentlichkeit verschwinden wollen, dann hätte ich mich nicht entschieden, eine Autobiographie zu schreiben, um meine Geschichte zu erzählen und die Deutungshoheit über mein Leben nicht mehr allein den anderen zu überlassen. Frauenrechtlerinnen wie Alice Schwarzer oder Necla Kelek bezeichneten die Aufhebung des generellen Kopftuchverbots für Lehrerinnen als „Rückschritt“ oder „Schlag ins Gesicht“.

          Ein Geschäft aus der Kopftuchdebatte

          Das ist ihr gutes Recht, und die beiden können auch nichts dafür, dass ihre Kommentare auf rechtspopulistischen Websites Anklang finden. Ich bin Lehrerin und keine Journalistin, also keine Expertin für das, was in der Medienbranche statthaft ist. Wenn Frau Schwarzer als Reaktion auf meine Autobiographie allerdings einen Artikel auf der Website der Zeitschrift „Emma“ veröffentlicht, den sie 1999, also vor 16 Jahren, über mich geschrieben hat, und noch behauptet, dort stehe alles, was man über mich wissen müsse, dann ist das nichts anderes als eine Frechheit. Frau Schwarzer hat seitdem nicht aufgehört, Unwahrheiten, Halbwahrheiten und haltlose Spekulationen über mich zu verbreiten. Diese gipfeln darin, dass sie behauptet, ich hätte meinen „Urlaub“ einst im Afghanistan der Taliban verbracht. Sie nennt mich eine „Islamistin“, die sich, was völliger Unfug ist, geweigert habe, Männern im Job die Hand zu geben.

          Die Publizistin und Soziologin Necla Kelek, die regelmäßig für das Feuilleton der F.A.Z. schreibt, hat aus der Kopftuchdebatte ebenso ein Geschäft gemacht. In einem Interview mit dem ZDF-Morgenmagazin nannte sie mich kürzlich in einem Atemzug mit der Terrororganisation „Islamischer Staat“. Sie stellte es so dar, als gäbe es einen kausalen Zusammenhang zwischen meiner Klage vor dem Bundesverfassungsgericht und der Tatsache, dass sich junge Männer aus Deutschland heute dem „IS“ anschließen.

          Es reicht – das denke nicht nur ich, das denken viele muslimische Frauen in diesem Land. Kein SPD-Politiker würde dulden, dass man ihn mit der RAF in einen Topf wirft. Kein CDU-Mann, der sich kritisch über Einwanderung oder den Islam äußerte, würde es sich bieten lassen, wenn man ihn als Wegbereiter des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ bezeichnete.

          Schaut uns in die Augen

          Ich habe schon früher gesagt: Wäre das Kopftuch ein Zeichen von Unterdrückung, ich wäre die Erste, die es absetzt. Mir ist wichtig, dass jede Frau ihren persönlichen Weg findet – ob mit oder ohne Kopftuch. Diese Haltung vertrete ich nicht nur hier in Deutschland. Ich habe sie auch schon als Jugendliche in Saudi-Arabien vertreten, wo ich einige Zeit lebte, weil man Vater dort eine Arbeit fand. Dort werden Frauen gezwungen, ein Kopftuch und größtenteils auch den Gesichtsschleier zu tragen. Das habe ich verurteilt. Aber ist es deshalb in Ordnung, wenn man gezwungen wird, das Kopftuch abzulegen?

          Für Frauenrechte einzustehen heißt nicht, auch für andere Frauen zu entscheiden, was gut oder schlecht ist, weil man glaubt, es besser zu wissen. Ich habe es schon mehrfach gesagt und möchte nicht müde werden, es zu betonen: Schaut uns in die Augen. Und nicht auf den Kopf!

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