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Wachsende Bewegung : Feministinnen aller muslimischen Länder, vereinigt euch!

  • -Aktualisiert am

Purdah heißt die Sitte, Frauen vom Rest der Gesellschaft getrennt zu halten. Hinter der Burka oder hinter den Mauern des Hauses. Bild: AFP

Gewalt gegen Frauen ist eine globale Seuche. In muslimischen Ländern wird fast jede dritte Frau von ihrem Mann misshandelt. Unterdrückt werden sie nicht vom Islam – sondern vom patriarchalen System. Dagegen begehren immer mehr auf. Gastbeitrag einer Bloggerin.

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          Der reformfreudige Kronprinz Mohammed bin Salman verkündete 2018, dass es Frauen endlich gestattet sei, in Saudi-Arabien Auto zu fahren. Der bisherige Bann wurde nach jahrelangem Protest einer kleinen Gruppe mutiger Saudi-Aktivistinnen und Feministinnen aufgehoben. Die Frauen setzten sich oft trotzdem ans Steuer, wurden verhaftet, blieben aber entschlossen, weiter zu kämpfen, bis die Regierung nachgeben würde. Die Obrigkeit hatte zahlreiche Gründe angeführt, warum Frauen nicht Auto fahren sollten: Es gefährde die Moral und den Anstand, würde den Frauen schaden und sie unnötig Risiken aussetzen.

          Kleriker und konservative Kräfte hatten befürchtet, dass Frauen nicht mehr so leicht zu kontrollieren wären und die Promiskuität zunähme, falls sie öffentliche Verkehrsmittel oder Taxis benutzten oder sogar selber Auto fahren lernten. Die Angst vor diesen „unnötigen Risiken“ wurde schließlich durch die Einsicht aufgewogen, dass die Wirtschaft in Saudi-Arabien einen Aufschwung brauchte. Die wirtschaftlichen Vorteile, wenn man Frauen erlaubte, zu arbeiten, entsprachen auch dem Druck aus dem westlichen Ausland und dem Inland, Frauen (in vielen Entwicklungsländern) mehr Rechte zuzugestehen. Doch auch als das Verbot aufgehoben war, blieben mehrere Aktivistinnen weiterhin in Haft – vielleicht als eine Warnung vor weiteren feministischen Aktionen im Königreich.

          Von chauvinistischen Regierungen unterdrückt

          In Pakistan, einem weiteren muslimischen Land, war Frauen das Autofahren nie verboten worden, und die Nachrichtenagentur Reuters berichtete 2017, dass Frauen in Pakistans boomendem Kohleabbaugebiet der Thar-Wüste immer häufiger auch Traktoren und Lastwagen lenkten. Man interviewte eine Frau namens Gulaban, die nicht muslimisch war, sondern Hindu (wie ein Großteil der Bevölkerung in der Thar-Wüste und im indischen Nachbarstaat Rajasthan). Gulaban trug weder eine Burka noch einen Schleier, wie bei Musliminnen üblich, sondern einen vielfarbigen Sari. Den Saum des Saris, das Ghoongat, hatte sie über den Kopf gelegt. Thari-Frauen sind traditionell sehr konservativ und zurückhaltend; in Gegenwart von Fremden bedecken sie oft ihr Gesicht mit dem Ghoongat, andere lassen sich bloß nicht fotografieren. Aber hier stand Gulaban, die mit Männern zusammenarbeitete und Geld für ihre Familie verdiente.

          Bina Shah wurde 1972 in Pakistan geboren, wo sie nach längeren Aufenthalten in den Vereinigten Staaten heute wieder lebt.
          Bina Shah wurde 1972 in Pakistan geboren, wo sie nach längeren Aufenthalten in den Vereinigten Staaten heute wieder lebt. : Bild: Amean J / 18% grey

          Frauen im Nahen Osten und Südasien werden von Westlern oft herablassend behandelt oder sogar bestraft, weil man nicht begreift, warum sie ihren Kopf bedecken, eine Burka oder einen Gesichtsschleier tragen. Weniger angreifbar sind die Frauen in Ländern, in denen die Regierung das Tragen der Abayas verfügt, wie in Saudi-Arabien, oder von Tschador oder Hijab wie in Iran. Hier werden die Frauen eben von chauvinistischen Regierungen unterdrückt, und damit hat es sich. Für Außenstehende gibt es eindeutig einen Täter und ein Opfer – jene Art von Dynamik, die jeder versteht. In Ländern wie Pakistan oder Afghanistan herrschen strenge kulturelle Kleidervorschriften für Frauen. Da in westlichen Ländern Frauen bereits selbstbestimmt und gleichberechtigt sind, stellt sich dort die Frage, warum eine moderne Frau dennoch eine Burka oder einen Schleier trägt, wenn sie in einem Land lebt, wo kein Gesetz ihr dies auferlegt. Paradoxerweise verstehen westliche Intellektuelle auf rationaler Ebene, was Frauen in Südasien und muslimischen Ländern instinktiv begreifen: Es geht um die Dynamik männlicher Blicke, deren Funktion, Frauen auf Sexualobjekte zu reduzieren, und wie dies Gewalt gegen Frauen auslösen und perpetuieren kann. Frauen in muslimischen Ländern gehen mit dieser männlichen Betrachtung anders um und setzen ihr mehr Widerstand entgegen als in westlichen Ländern. Sie wehren sich gegen die Unterdrückung ihrer Selbstbestimmung, indem sie Schutzmaßnahmen ergreifen; der Schleier wirkt wie eine Rüstung gegen die Gewalt männlicher Betrachtungsweise.

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          Frauen in vielen konservativen muslimischen Ländern wie Pakistan und Ägypten, wo die Belästigung von Frauen auf der Straße an der Tagesordnung ist, sind fortwährend auf der Hut vor männlichen Blicken. Sich frei in der Öffentlichkeit zu bewegen, ist kein gesichertes Recht, und ihre Bewegungsfreiheit ist aufgrund von kulturellen Tabus eingeschränkt. Wenn eine Frau ihr Haus verlässt, soll dies nie zu ihrem eigenen Vergnügen geschehen: Sie bewegt sich eilig und eher huschend von A nach B. Und jede Frau, jedes Mädchen in Pakistan weiß, wie sie die Blicke von Männern abwenden kann, die an jeder Ecke stehen und sie beobachten.

          Wenn einer Frau Gewalt angetan wird, heißt es, sie habe dies provoziert und damit selbst verschuldet, sei es durch ihre Kleidung oder ihr Verhalten – einfach durch alles, was die Aufmerksamkeit eines Mannes auf sie ziehen und ihn lustvoll reizen könnte. Der Anblick einer Frau bewirke, dass der Mann die Kontrolle über sein Verhalten verliere. Im schlimmsten Fall kann ein Mann sogar beschließen, die Frau zu vernichten, wenn sie sich gegen seine Übergriffe wehrt. (Dies kann in entsetzliche, geschlechtsspezifische Gewalt münden, wie im Fall der Teenagerin Tania Kashkeli, die im ländlichen Pakistan von einem Kleinbauern ermordet wurde, weil sein Heiratsantrag von ihren Eltern abgelehnt worden war.)

          Wo kein rechtlicher Schutz für Frauen gegen diese Art von Gewalt existiert, ist der Schleier eine imaginäre Barriere gegen Übergriffe und Besitznahme. Der dünne Schleier ist nur ein unvollkommener Ersatz für den absoluten Rechtsschutz, der eigentlich allen Frauen zusteht. Aber er dient auch als ein Passierschein für Frauen, die ohne Schleier im Haus eingesperrt bleiben würden. Der Schleier funktioniert also auf zwei Ebenen, der spirituellen und der pragmatischen. Er kann angelegt oder abgeworfen werden, je nachdem, ob eine Frau sich dafür sicher genug fühlt. Dies ist das Argument muslimischer Frauen, egal, ob der Schleier nun Pflicht ist oder nicht, tatsächlich oder bloß metaphorisch.

          Das obligatorische Schleiertragen aber wird von vielen muslimischen Frauen, ob konservativ oder progressiv, abgelehnt.

          Bildung, Unabhängigkeit und Partizipation

          Feministinnen in muslimischen Ländern sind frustriert, wenn es in Diskussionen nur um den Schleier geht oder muslimische Frauen als Opfer ihres Glaubens dargestellt werden. Die Diskussion muss über die Besessenheit mit den „Kopftüchern und Hymen“ muslimischer Frauen hinausgehen, wie die ägyptischamerikanische feministische Autorin Mona Eltahawy es nennt. Für muslimische Frauen stehe viel mehr auf der Tagesordnung: Feminismus soll Frauen helfen, Zugang zu allen modernen Mitteln der Selbstbestimmung zu gewinnen, etwa zu Bildung, finanzieller Unabhängigkeit und politischer Partizipation.

          Feministinnen in muslimischen Ländern wollen, genau wie ihre westlichen Schwestern, Frauen in Positionen sehen, in denen sie auf allen Ebenen Entscheidungen treffen können. Der westliche Kolonialismus hat das Bildungswesen und die Rechts- und Regierungssysteme der meisten muslimischen Länder stark beeinflusst. Feministinnen haben die Aufgabe, die Spannung zwischen islamischen und westlichen Regelungen und Erwartungen zu lösen, um Wege zur Befreiung der muslimischen Frau zu bahnen. Und das ist, wie man sich leicht vorstellen kann, eine sehr schwierige Aufgabe, die viel Feingefühl erfordert.

          Sind Islam und Feminismus miteinander vereinbar?

          Aus Sicht vieler fortschrittlicher Muslime verkörpert der Islam viele der Prinzipien, für die Feministinnen sich einsetzen: Gleichheit, Würde und Respekt. Zur Zeit seiner Entstehung galten die Rechte, die hier Frauen gegeben wurden, als revolutionär, denn keine Religion hatte ihnen dies bisher garantiert. Dr. Nyla Ali Khan, die kaschmirische Autorin von „Islam, Women, and Violence in Kashmir“, schrieb vor kurzem in einem Artikel für die pakistanische „Daily Times“: „Ich habe gelernt, dass der Islam Frauen gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Rechte gibt, gleich, wie unsichtbar diese Rechte in unserer Gesellschaft auch sind.“ Sie beschreibt den Islam als „eine emanzipatorische Religion, die gesellschaftliche Gleichberechtigung, ökonomische und politische Demokratisierung und die Stärkung von Minderheiten vertritt“.

          Jedoch ist in den Ländern, wo sich der Islam durchsetzte, das Patriarchat der Regelfall, und das Patriarchat hat es an sich, alles zu korrumpieren. Was wir heute vor uns haben, ist eine erhebliche Verzerrung dessen, was der Islam für Frauen bedeutet – und auch für Männer. Die Kräfte des Patriarchats und religiöser Obskurantismus verbünden sich, um Frauen vieler, wenn nicht aller ihrer im Islam verankerten Rechte zu berauben. Islamische Feministinnen betrachten die Frauenbewegung als einen Hebel, mit dem Frauen für die Rechte kämpfen, die ihnen von Männern im Namen des Islams genommen wurden. Zu diesen Rechten gehören Dr. Khan zufolge „das Recht, Grundeigentum zu besitzen …, das Recht, politische Ämter zu besetzen …, das Recht, totalitäre gesellschaftliche und kulturelle Institutionen zu hinterfragen …, ihre eigene Position in gesellschaftlich und politisch wichtigen Gebieten zu vertreten …, das Recht, in Würde zu leben, und dass Frauen ihre Meinungen und Wünsche frei äußern können“.

          Der Islam gibt Frauen das Recht, Grundeigentum zu besitzen, doch das Patriarchat erschwert es, dass Frauen technisch und rechtlich ihren eigenen Besitz verwalten und behalten können, falls dies nicht sogar unmöglich gemacht wird. Der Islam gibt Mädchen das Recht, eine Schule zu besuchen, doch das Patriarchat sorgt dafür, dass Mädchen keinen Zugang zu sicheren Schulen haben, oder sie werden unter Druck gesetzt, das Lernen zugunsten einer Kinderehe aufzugeben, Weiterbildung oder eine Karriere abzubrechen, um Kinder zu bekommen und aufzuziehen. „Islam“ und „Scharia“ sind in der Sicht des Westens Kürzel für die Unterdrückung muslimischer Frauen.

          Das menschliche Gewissen steht niemals stärker unter Druck als bei der Aufgabe, sich um schutzbedürftige Gruppen zu kümmern. Im islamischen System, wo Frauen die physisch und emotional schwierige Aufgabe haben, Kinder zu gebären und großzuziehen, sollten Männer finanziell und gesellschaftlich als Beschützer fungieren. Aber islamische Schriften und Gesetze wurden misogyn verdreht, um Frauen zu unterdrücken und sie auf ewig auf eine untergeordnete Position zu verbannen: rechtlich, gesellschaftlich und kulturell gesehen. Feminismus hilft, die Machtdynamiken zu verstehen, und setzt sich dafür ein, diese in muslimischen Gesellschaften abzubauen. Die Lösungen hierfür müssen zuweilen kühn sein, zuweilen subtil. Viele islamische Feministinnen benutzen progressive Interpretationen des Korans, um Männer wie Frauen aus den Rollen von Opfer und Unterdrücker zu lösen und zu Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu leiten.

          Der Islam befürwortet keine Dominanz des einen Geschlechts über das andere, sondern versucht, ein Gleichgewicht zu finden. Aber dieses „Gleichgewicht“ sieht in muslimischen Ländern ganz anders aus als etwa in Europa oder den Vereinigten Staaten. Feministinnen in muslimischen Ländern haben andere Kämpfe auszutragen als in westlichen Kulturen. Muslimische Feministinnen im Westen müssen für Freiraum sorgen, wo antimuslimische Vorurteile herrschen, sich aber gleichzeitig gegen Frauenfeindlichkeit und Chauvinismus in den eigenen Gemeinschaften einsetzen. In muslimischen Ländern geben Feministinnen der körperlichen Sicherheit der Frauen, deren Gesundheit und Bildung die Priorität; sie setzen sich für das Frauenwahlrecht ein, für Schutz vor dem Gesetz, gleiche Behandlung nicht nur in Statuten oder Verfassungen, sondern da, wo es wirklich wichtig ist: im Alltag.

          Die Purdah im Kopf

          Dr. Khan schreibt: „Progressive Interpretationen des Islams garantieren Frauen substantielle Rechte. Dies muss durch verantwortliche Bildung, juristische Prozeduren und gesellschaftliche Arbeit unterstützt werden.“ Offene Feindseligkeit gegenüber dem Feminismus in muslimischen Ländern beruht auf der bewussten Fehlinterpretation durch konservative Politiker und die religiöse Rechte, dass es beim Feminismus nur um Hass auf Männer ginge, um westliche oder säkulare Werte und moralische Freizügigkeit. In Ländern wie Pakistan muss eine gewisse Rehabilitierung des Feminismus stattfinden, ehe muslimische Frauen das tückische patriarchalische System als solches erkennen, das man ihnen als den wahren Islam verkauft hat. Zu lange haben sie gelernt, diese Interpretation zu glauben und zu akzeptieren.

          Das Kulturphänomen der Purdah ist in Pakistan kaum noch vorhanden, doch deren Einfluss auf die Haltung gegenüber Frauen sitzt tief. In Südasiens muslimischen Gebieten bezeichnet Purdah die Sitte, Frauen vom Rest der Gesellschaft getrennt zu halten. Das Wort purdah ist Altpersisch und wurde während der arabischen Eroberung des Iraks im siebten Jahrhundert übernommen. Nach der Ausbreitung des Islams in Nordindien wurde diese Praxis von hochstehenden Hindus ebenfalls übernommen. Heute besteht die Purdah immer noch in Pakistan, Afghanistan und in Saudi-Arabien, obwohl diese Länder, je nach Kultur oder politischer Richtung, der Praxis eine eigene Richtung geben. Purdah bedeutet wörtlich „Vorhang“. Purdah ist das „Verbergen der Frauen vor öffentlichem Angeblicktwerden durch verhüllende Kleidung (mit Schleier), in von hohen Mauern umgebenen Höfen, hinter Wandschirmen und Vorhängen im eigenen Heim“. Die Praxis hat tiefreichende religiöse Wurzeln: Es gibt im Koran einen Vers, dass Männer, wann immer sie mit den Frauen über den Propheten sprechen, Friede sei mit ihm, es hinter einem Vorhang geschehen muss. Bald schon wurde dies als ehrenvollste Lebensweise für alle frommen muslimischen Frauen betrachtet, auch wenn dies in den meisten pakistanischen und indischen arbeitenden Klassen wirtschaftlich nicht immer möglich war. Pakistaner, die die 1970er und 1980er Jahre erlebt haben, erinnern sich sicher an Chadar und Char Divari, die inoffizielle Staatsdoktrin des islamischen Diktators General Zia: Eine Frau gehöre entweder unter die Burka oder hinter die Mauern ihres Hauses. Heutzutage praktiziert die Mehrheit der Pakistaner keine Purdah mehr, aber deren Essenz ist theoretisch bei vielen verankert.

          Purdah besteht weiter in den gesellschaftlichen und kulturellen Tabus und Normen und ist der bedeutendste Hinderungsfaktor für die aktive Teilnahme von Frauen an nichthäuslicher wirtschaftlicher Aktivität und die Erreichung ihres vollen Potentials. Purdah hält Mädchen davon ab, zur Schule zu gehen. Purdah verhindert die finanzielle Unabhängigkeit der Frau. Purdah verhindert, dass Frauen Arbeitsplätze bekommen, für die sie qualifiziert sind, und auch gleiche Bezahlung wie Männer. Purdah verhindert, dass Frauen in Beruf und Politik aufsteigen, und Purdah sorgt dafür, dass Fauen in Theorie und Praxis untergeordnet bleiben.

          Die Gleichberechtigung der Frau entwickelt sich aufgrund wirtschaftlicher Faktoren und finanzieller Notwendigkeiten, wie im Fall der nun Auto fahrenden Frauen in Saudi-Arabien. In Pakistan werden Frauen heute als das „fehlende Glied“ bezeichnet, denn ihr Zugang zum Arbeitsmarkt sei der magische Faktor, der Pakistans Wirtschaft fördert und gleichzeitig die Ungleichheit der Frauen in der Gesellschaft aufheben kann. Aber das ist keine einfache Lösung. Es gibt vier Kategorien von weiblicher Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt: als Arbeitgeberinnen, selbständige Individuen und unbezahlte Haushaltskräfte und Angestellte. 2013 gab es in der pakistanischen Wirtschaft lediglich zwölf Millionen weibliche Beschäftigte. Die Mehrheit von Pakistans Frauen arbeitet unbezahlt im Haushalt, teils auch als Angestellte, oder in der Agrarwirtschaft, aber die Ehemänner verhandeln über deren Lohn und kassieren ihn auch ab. Pakistan braucht neue Gesetze, die Frauenarbeit offiziell als Arbeit bestätigen und die Rechte der Arbeitnehmerinnen fördern und schützen.

          In Karatschi und Laore, den größten urbanen Zentren Pakistans, geben weibliche Verwaltungsangestellte, Geschäftsfrauen und Unternehmerinnen einem die Illusion, wie zahlreich Frauen auch als Führungskräfte präsent sind. Die meisten dieser Frauen arbeiten in Firmen und Organisationen, die überwiegend Männern gehören und von diesen geleitet werden. In Wirklichkeit sind Frauen auf dem pakistanischen Arbeitsmarkt meist unsichtbar. 78 Prozent der größten 100 Firmen haben nicht eine einzige Frau im Vorstand. Bei Konferenzen in Pakistan waren 2016 nur 14 Prozent der Redner Frauen. 20 Prozent der Landbesitzer global sind Frauen, aber in Pakistan bloße zwei Prozent.

          Falls sich die Präsenz von Frauen im öffentlichen Leben verstärkt und sich an der Spitze der Wirtschaft verbessert, verändert dies auch die Lage aller pakistanischen Frauen: bei Konferenzen, auf der Straße, auf der Führungsebene, in Aufsichtsräten, in Politik und Medien. Es besteht ein unmittelbarer und dringender Bedarf an Rollenvorbildern für junge Frauen. Ausgewogenheit zwischen Männern und Frauen auf diesen Ebenen ist gut für die Wirtschaft, und daher müssen männliche Befürworter in einflussreichen Wirtschaftspositionen diese systemische Veränderung einleiten.

          Langsam erst wächst das Bewusstsein

          Langsam erst wächst das Bewusstsein für die Tatsache, dass es der gesamten Nation hilft, wenn eine Frau Schulbildung hat und ihren Platz in der Gesellschaft als Arbeitnehmerin mit eigenem Verdienst einnimmt. Der Gesamtwirtschaft geht es besser, wenn Frauen nicht mehr davon ausgeschlossen sind. Nationen sind sicherer, wenn Frauen sich ihrer Rechte bewusst sind. Die Auflösung und Abschaffung einer Gesellschaft, an der Frauen nicht voll und gleichberechtigt teilnehmen, nimmt den Männern auch eine große Bürde ab. Solange die Frau in Abhängigkeit bleibt – wenn man ihr nicht erlaubt, selbst zur Arbeit zu fahren, ein eigenes Bankkonto zu haben und nicht einmal lesen zu lernen –, bleibt sie infantilisiert, ein erwachsenes Kind, um das sich die Ehemänner, Brüder und Söhne zeitlebens kümmern müssen. Wenn Männer erkennen würden, dass die Förderung und Selbstbestimmung von Frauen, zu vollen Mitgliedern der Gesellschaft zu werden, auch ihr eigenes Leben besser macht, könnte die Feindseligkeit gegenüber Feminismus und Frauen abnehmen. Momentan ist aber vermutlich das überzeugendere Argument die positive Auswirkung von Frauen im Arbeitsprozess auf die pakistanische Wirtschaft. Auch so könnten wir die Purdah im Kopf abbauen – jenes internalisierte System, das einer Frau aufgrund starrer Überzeugungen über Geschlechterrollen und ihrer Stellung in der Gesellschaft alle Chancen verweigert.

          Nur auf einem einzigen – hochwichtigen – Gebiet muss in allen muslimischen Ländern sofort etwas passieren: Die Gewalt gegen Frauen ist eine globale Seuche. In Pakistan sind es vorwiegend Frauen auf dem Land, in den Städten die Frauen der Unter- und Mittelschicht, die unter geschlechtsspezifischer Gewalt leiden, die als Teil der Kultur akzeptiert wird. Einige Extremformen dieser Gewalt gegen Frauen, wie Ehrenmorde und Säureangriffe, wurden inzwischen von der Justiz geächtet, doch die Durchsetzung entsprechender Gesetze wird weiterhin vernachlässigt. Fast ein Drittel aller verheirateten Frauen in Pakistan berichtet von häuslicher Gewalt: Daher muss diesen kriminellen Vergehen durch Partner von den pakistanischen Behörden unbedingt mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden.

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          Kreativdirektorin bei Dior : Maria Grazia Chiuri und die neue Schwesternschaft Bild: Paola Mattioli

          Leider scheiterte die Einführung eines Gesetzes gegen häusliche Gewalt 2009 in Pakistan aufgrund der Gegenreaktion des Patriarchats. Das Gesetz wurde von der Nationalversammlung gebilligt, aber im Senat aufgrund von Einwänden der religiösen Rechten abgelehnt, die es „unislamisch“ nannten. Nach vielen Änderungen ging der Gesetzentwurf an die Regionalparlamente, wo er wiederum von der religiösen Rechten niedergeschlagen wurde. Der einzige Ort, an dem das Gesetz in Kraft treten konnte, war Islamabad. Im übrigen Land bleiben Frauen rechtlich ungeschützt vor häuslicher Gewalt. Selbst wenn ein solcher Fall gemeldet wird, drängt die Polizei die Familie, die Sache privat zu regeln, anstatt offiziell Anklage zu erheben.

          Pakistans schlechtes Abschneiden bei allen wichtigen Entwicklungsindikatoren, ebenso wie der zweitletzte Platz im „Global-Gender-Gap-Report“ 2017, hängen eindeutig mit dem Fehlen von Gesetzen und Regelungen zusammen, die Frauen schützen sollen. Aber Pakistan ist dabei keine Ausnahme unter den muslimischen Ländern. Einer Lancet-Studie über den schlechten Entwicklungsstand in muslimischen Ländern zufolge heißt es: „Gesetzgebung und Richtlinien, die insbesondere Frauen schützen, waren in Ländern mit muslimischer Mehrheit unzureichend, verglichen mit Ländern ohne muslimische Mehrheit, besonders im Hinblick auf häusliche Gewalt (21 Prozent im Vergleich zu 49 Prozent der Länder mit entsprechenden Richtlinien), Vergewaltigung in der Ehe (13 zu 38 Prozent), emotionalen Missbrauch (38 zu 62 Prozent) und körperliche Gewalt (42 zu 66 Prozent).“

          Feministische Aktionen, die Regierungen beeinflussen können, sinnvolle frauenfreundliche Gesetze zu verabschieden und durchzusetzen, sind der Schlüssel, diesen nicht selten tödlichen Kreislauf von Gewalt zu durchbrechen. Dank der Arbeit von pakistanischen Feministinnen in den 1970er Jahren und von parlamentarischen Komitees in National- und Regionalversammlungen, die aus Frauen aller Parteien bestehen, hat Pakistan nun Gesetze, die Ehrenmorde, Zwangsehen und Yani, die Zwangsehe eines Mädchens als Strafe für ein Verbrechen, das ein männlicher Verwandter begangen hat, zu Straftaten erklären. Es gibt Gesetze gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und nationale und regionale Ombudspersonen, die für deren Durchsetzung sorgen. Ein Gesetz, das Heiratsalter für Mädchen auf 18 Jahre festzulegen, liegt dem pakistanischen Senat zur Verabschiedung vor.

          Feminismus in Pakistan ist höchst lebendig

          All diese Gesetze zum Schutz von Frauen wurden erlassen, weil Frauen ihre Stimme gegen geschlechtsspezifische Ungerechtigkeit in der Gesellschaft erhoben und gefordert haben, diese Handlungen zu kriminalisieren. Noch vielversprechender ist, dass Frauen zunehmend an politischen Prozessen teilhaben, sowohl als Wählerinnen als auch als Kandidatinnen: 2017 stellten sie 20 Prozent aller Parlamentsmitglieder in Pakistan, verglichen mit 2,3 Prozent im Jahr 1997. Dies bedeutet, dass in Zukunft weitere frauenfreundliche Gesetze erlassen werden. Die Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt wuchs von sieben Prozent 1974 auf 24,3 Prozent 2013. Auf dem Land breitet sich zudem die feministische Revolution aus, begonnen mit dem kleinen, aber einflussreichen Aurat-Marsch 2018, bei dem zum ersten Mal Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten durch Pakistans Großstädte zogen und ihre Rechte einforderten. Mehr junge Frauen als je zuvor nennen sich Feministinnen und schwören, für die Befreiung und Selbstbestimmung von Pakistans Frauen zu kämpfen.

          Feminismus in Pakistan ist höchst lebendig. Er setzt sich für die Verbesserung der Bedingungen von muslimischen, hinduistischen und christlichen Frauen, Mädchen und Gemeinschaften ein. Die Bewegung breitet sich in ähnlicher Weise in anderen muslimischen Ländern aus und erfährt bemerkenswerte Unterstützung und Aufmerksamkeit, indem sie stets einen Weg findet, die Bedürfnisse des jeweiligen Volkes anzusprechen.

          Die größte Gefahr für diese junge Bewegung ist ein patriarchalischer Gegenschlag, der stets erfolgt, wenn Frauen aufstehen und ihre Rechte einfordern. Es bedarf einer komplexen Mischung aus gesetzlichen und gesellschaftlichen Reformen und des Abbaus von feindseligen Einstellungen nicht nur dem Feminismus gegenüber, sondern allgemein gegenüber Frauen und Mädchen, damit diese Aktionen Erfolg haben. Eine wachsende feministische Bewegung kann und muss aber in muslimischen Ländern unterstützt werden: organisch wachsend und von muslimischen Frauen geleitet, abgestimmt darauf, wie man den Frauen in den jeweiligen Kulturen und Gesellschaften am besten dienen kann.

          Bina Shah ist eine in Karatschi lebende pakistanische Schriftstellerin, Kolumnistin und Bloggerin. Sie wurde 1972 in Pakistan geboren, wo sie nach längeren Aufenthalten in den Vereinigten Staaten heute wieder lebt. Ihre Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. Sie schreibt u. a. für die „New York Times“ und hat eine regelmäßige Kolumne in „Dawn“, Pakistans größter englischsprachiger Zeitung. Ihr Buch „Die Geschichte der schweigenden Frauen“ ist gerade im Golkonda-Verlag auf Deutsch erschienen.

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