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Wachsende Bewegung : Feministinnen aller muslimischen Länder, vereinigt euch!

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Jedoch ist in den Ländern, wo sich der Islam durchsetzte, das Patriarchat der Regelfall, und das Patriarchat hat es an sich, alles zu korrumpieren. Was wir heute vor uns haben, ist eine erhebliche Verzerrung dessen, was der Islam für Frauen bedeutet – und auch für Männer. Die Kräfte des Patriarchats und religiöser Obskurantismus verbünden sich, um Frauen vieler, wenn nicht aller ihrer im Islam verankerten Rechte zu berauben. Islamische Feministinnen betrachten die Frauenbewegung als einen Hebel, mit dem Frauen für die Rechte kämpfen, die ihnen von Männern im Namen des Islams genommen wurden. Zu diesen Rechten gehören Dr. Khan zufolge „das Recht, Grundeigentum zu besitzen …, das Recht, politische Ämter zu besetzen …, das Recht, totalitäre gesellschaftliche und kulturelle Institutionen zu hinterfragen …, ihre eigene Position in gesellschaftlich und politisch wichtigen Gebieten zu vertreten …, das Recht, in Würde zu leben, und dass Frauen ihre Meinungen und Wünsche frei äußern können“.

Der Islam gibt Frauen das Recht, Grundeigentum zu besitzen, doch das Patriarchat erschwert es, dass Frauen technisch und rechtlich ihren eigenen Besitz verwalten und behalten können, falls dies nicht sogar unmöglich gemacht wird. Der Islam gibt Mädchen das Recht, eine Schule zu besuchen, doch das Patriarchat sorgt dafür, dass Mädchen keinen Zugang zu sicheren Schulen haben, oder sie werden unter Druck gesetzt, das Lernen zugunsten einer Kinderehe aufzugeben, Weiterbildung oder eine Karriere abzubrechen, um Kinder zu bekommen und aufzuziehen. „Islam“ und „Scharia“ sind in der Sicht des Westens Kürzel für die Unterdrückung muslimischer Frauen.

Das menschliche Gewissen steht niemals stärker unter Druck als bei der Aufgabe, sich um schutzbedürftige Gruppen zu kümmern. Im islamischen System, wo Frauen die physisch und emotional schwierige Aufgabe haben, Kinder zu gebären und großzuziehen, sollten Männer finanziell und gesellschaftlich als Beschützer fungieren. Aber islamische Schriften und Gesetze wurden misogyn verdreht, um Frauen zu unterdrücken und sie auf ewig auf eine untergeordnete Position zu verbannen: rechtlich, gesellschaftlich und kulturell gesehen. Feminismus hilft, die Machtdynamiken zu verstehen, und setzt sich dafür ein, diese in muslimischen Gesellschaften abzubauen. Die Lösungen hierfür müssen zuweilen kühn sein, zuweilen subtil. Viele islamische Feministinnen benutzen progressive Interpretationen des Korans, um Männer wie Frauen aus den Rollen von Opfer und Unterdrücker zu lösen und zu Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu leiten.

Der Islam befürwortet keine Dominanz des einen Geschlechts über das andere, sondern versucht, ein Gleichgewicht zu finden. Aber dieses „Gleichgewicht“ sieht in muslimischen Ländern ganz anders aus als etwa in Europa oder den Vereinigten Staaten. Feministinnen in muslimischen Ländern haben andere Kämpfe auszutragen als in westlichen Kulturen. Muslimische Feministinnen im Westen müssen für Freiraum sorgen, wo antimuslimische Vorurteile herrschen, sich aber gleichzeitig gegen Frauenfeindlichkeit und Chauvinismus in den eigenen Gemeinschaften einsetzen. In muslimischen Ländern geben Feministinnen der körperlichen Sicherheit der Frauen, deren Gesundheit und Bildung die Priorität; sie setzen sich für das Frauenwahlrecht ein, für Schutz vor dem Gesetz, gleiche Behandlung nicht nur in Statuten oder Verfassungen, sondern da, wo es wirklich wichtig ist: im Alltag.

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