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Feiertagskommentar : Hier muss ansetzen, wer Frauenfreiheit ernst meint

  • -Aktualisiert am

Am 8. Februar liegen Blumen auf dem Gedenkstein für Hatun Sürücü in Berlin. Bild: Picture-Alliance

Der 8. März à la DDR war ein Tag, an dem die obwaltende Ungleichheit vergessen werden sollte. Jetzt soll er in Berlin zum arbeitsfreien Feiertag werden. Warum ein Gedenktag für Frauen eher am 7. Februar sinnvoll wäre.

          Berlin will im bundesweiten Gerangel um einen weiteren gesetzlichen Feiertag Flagge zeigen, natürlich die rote, schließlich regiert hier die vereinte Linke aus Linkspartei, Grünen und Sozialdemokratie. Darum wird hier auch nicht über ein Reformationsjubiläum oder den Buß- und Bettag gestritten, den andere Bundesländer feiern wollen, sondern ums vermeintlich emanzipatorisch Aufklärerische: der 8. März soll arbeitsfreier Frauentag werden, zum ersten Mal, denn so weit ging nicht mal die SED.

          Damals, in der verblichenen DDR, wurde am 8. März gearbeitet und erst gegen Nachmittag ein kräftiges Prost auf „unsere werktätigen Frauen und Mütter“ (Erich Honecker als oberster Frauenversteher) ausgebracht. Es gab mickrige Blümchen und dünngewebte chinesische Frotteehandtücher in schreiend grellen Farben und manchmal einen Orden, dazu das Likörchen vom Chef. Der 8. März à la DDR war eine spießige Alibiveranstaltung in einem Männerstaat der Kommunisten; ein Tag, an dem die obwaltende Ungleichheit vergessen werden sollte. Wer das immer noch nicht wahrhaben will, der schaue in die heutige Rentenstatistik. Bei gleicher Arbeitsleistung und hoher, auch körperlicher Belastung – die schwierige Organisation des mangelbelasteten Alltags kam noch hinzu – sind ostdeutsche Frauenrenten um etwa vierzig Prozent niedriger, wie auch einst die Löhne der Frauen in der DDR.

          Nun aber soll wohl das Erbe der DDR einerseits entgiftet werden, andererseits im seligen Angedenken ein heimeliges Aufgehobensein garantiert werden, wonach die Ostdeutschen angeblich lechzen. Warum aber knüpft die SPD hier nicht an eigene Traditionen an? An den 19. März 1910 zum Beispiel, als sich Frauen in Stockholm für diesen Tag entschieden, um weltweit ihre Rechte einzufordern. Der 8. März geht auf eine internationale Konferenz kommunistischer Frauen 1921 in Moskau zurück und auf Lenin. Wer nicht völlig geschichtsvergessen sein will, dem müssten in diesem Falle eigentlich auch kommunistischer Terror einfallen. Doch weder die Sozialdemokraten noch die Berliner Grünen haben mit antiemanzipatorischen Traditionen ein Problem. „Die deutsche Linke hat den linken Verstand verloren“, sagt der Journalist und Autor Samuel Schirmbeck.

          Gemeinsam kämpft die Linke eher für die Inklusion des Frauenbildes eines unaufgeklärten Islam; sie ignoriert weitgehend die Misshandlung muslimischer Flüchtlingsmädchen und -frauen in Heimen und feiert ihren Neo-Orientalismus als Fortschritt. Unter diesem Schirm kann eine gespaltene Gesellschaft entstehen, die Hunderttausende muslimische Frauen zu (Mit-)Bürgerinnen zweiter Klasse macht. Wer Frauenfreiheit ernst meint, sollte dieses Zwei-Klassen-Menschenrecht bekämpfen, also auch Zwangsheiraten und Kopftuchzwang verhindern helfen. So gesehen, wäre ein Gedenktag für Frauen eher am 7. Februar sinnvoll – der Tag, an dem 2005 die freiheitsliebende Deutschkurdin Hatun Sürücü Opfer eines Ehrenmordes wurde.

          Regina Mönch

          Freie Autorin im Feuilleton.

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