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Fatih Akin in Cannes : Doppelt tot hält besser

  • -Aktualisiert am

Hoch gehandelt in Cannes: Fatih Akin Bild: AP

Auf die Palme muss man bei Fatih Akins neuem Film vielleicht nicht gleich wetten - dazu gibt es zu viele starke Konkurrenten -, aber einer der schönsten Filme des Festivals ist „Auf der anderen Seite“ auf jeden Fall. Das Klima in Cannes ist gut wie selten für den deutschen Film, meint Michael Althen.

          Vor dem Festivalpalais stehen Mädchen, die das kostenlose Blatt „Metro“ verteilen, das sich auf sechzehn Seiten hauptsächlich den Filmen widmet. Die erste Doppelseite gilt dem Thema des Tages, und das war am Morgen der Vorführung von Fatih Akins Wettbewerbsbeitrag das deutsche Kino. Interessant daran ist weniger, dass der Autor des Artikels mit Akin eine Flasche Wodka auf die Goldene Palme gewettet hat, ehe er den Film überhaupt gesehen hat, sondern dass all die Preise und Festivalerfolge immer nachhaltiger eine Aufmerksamkeit fürs deutsche Kino schüren, die sich dann eben auch in Akins Festivalteilnahme niederschlägt.

          Und wenn es dann heißt „German Movies You Should See“, dann werden eben nicht nur „Gegen die Wand“ und „Das Leben der anderen“ genannt, sondern auch Matthias Luthardts „Pingpong“ und Ulrich Köhlers „Montag kommen die Fenster“, die im eigenen Land eher nur am Rande wahrgenommen werden.

          Der Sohn, der Vater, die Frau

          Auf die Palme muss man bei Akins Film vielleicht nicht gleich wetten - dazu gibt es zu viele starke Konkurrenten -, aber einer der schönsten Filme des Festivals ist „Auf der anderen Seite“ auf jeden Fall. Er erzählt von zwei Todesfällen, die auf jene verzwickte Weise miteinander verbunden sind, die man aus den Filmen von Alejandro Gonzales Inaritu kennt. Eine Türkin kommt in Deutschland ums Leben, eine Deutsche in der Türkei, einmal sieht man einen Sarg auf dem Istanbuler Flughafen herausrollen und einmal hinein, aber der Spiegelbildlichkeit wohnt nichts Mechanisches inne, sie unterstreicht nur Akins Talent für plastisches Erzählen. Dass es Tote geben wird, kündigen zwei Zwischentitel an - Yeters Tod und Lottes Tod -, und als Chronik eines angekündigten Todes sind die beiden Teile schon deshalb spannend, weil man mit den Vornamen erstmal nichts verbindet und sich mitunter nicht nur fragt, wie der Tod eintreten mag, sondern auch, wen es wohl treffen wird. Und es kommt beide Male anders, als man vermutet.

          Nurgül Yesilcay spielt in Akins Film die politische Aktivistin Ayten Öztürk

          Der erste Teil erzählt von einem türkischen Witwer (Tuncel Kurtiz) in Bremen, der einer Prostituierten (Nursel Köse) das Angebot macht, zu ihm zu ziehen. Sie solle nur noch mit ihm schlafen, dafür lasse er sie auch sonst in Ruhe. Er habe Geld zurückgelegt, könne für sie aufkommen, und zur Not würde sein Sohn (Baki Davrak) einspringen, der sei Universitätsprofessor. Sie willigt nach einiger Bedenkzeit ein und lernt den Sohn kennen, den die Umstände dieser Bekanntschaft zwar etwas befremden, der sie jedoch akzeptiert - umso mehr, als der Vater einen Herzinfarkt erleidet. Der Sohn, der Vater, die Frau - das sind drei Menschen, die wenig Umschweife machen, ein loses Beziehungsgeflecht, dessen Komplikationen Akin mit knappen Strichen verdichtet. Dem Film geht alles Behäbige ab. Akin hat es nicht eilig, aber er hält sich auch nirgends länger auf als nötig. Und gerade wenn man zu Beginn der zweiten Stunde denkt, jetzt gerate er doch ein wenig ins Stolpern, indem er die lesbische Annäherung einer deutschen Studentin (Patrycia Ziolkowska) und einer untergetauchten Türkin (Nurgül Yesilcay) allzu flüchtig einleitet, bekommt der Film nochmal eine ganz andere Wucht.

          Ereignis Schygulla

          Der Uniprofessor, der in Hamburg Germanistik lehrt, kommt nach Istanbul, um die verschollene Tochter der Prostituierten zu finden. Die Polizei macht ihm wenig Hoffnung, eine Plakataktion bleibt ebenfalls erfolglos, aber er stolpert auf seiner Suche in eine deutsch-türkische Buchhandlung, und allein schon die Art und Weise, wie Akin den Mann auf seinem Weg entlang der Regale zeigt, ist von einer ergreifenden Einfachheit, dass man gleich weiß, dass der junge Professor hier eine Heimat gefunden hat. Schon am Anfang hat er seinem sichtlich unbelesenen Vater ein Buch von Selim Özdogan gereicht, das solle er mal lesen, und es sind genau solche einfachen, fast beiläufigen Gesten, in denen man eine Zugeneigtheit zu den Dingen und Menschen spürt, um die sich andere Filmemacher vergeblich bemühen.

          Einmal muss die junge Türkin, die nach einer Demonstration auf der Flucht vor der Polizei ist, eine Pistole verstecken, steht aber vor einer verschlossenen Türe zum Dach und klingelt deshalb bei einer Wildfremden. Sie starrt sie nur flehentlich an, die Dame blickt eine Zeitlang zurück - und öffnet dann die Türe, ohne ein weiteres Wort. Als die junge Frau später mit anderen Aktivistinnen doch verhaftet wird, zeigt Akin nur, wie die Frauen auf dem Weg zum Polizeiwagen immer wieder ihre Namen rufen, damit sie nicht anonym in den Gefängnissen verschwinden - und dann aber auch, wie einige der Umstehenden zu klatschen beginnen, als die Polizei sie abtransportiert. In der Art, wie diese zwei kurzen Szenen das politische Klima in der Türkei skizzieren, zeigt sich, was für ein genauer Beobachter Akin ist - und was für ein ökonomischer Erzähler.

          Das wahre Ereignis des Films ist aber Hanna Schygulla, die als Mutter der deutschen Freundin nach Istanbul kommt und dort dem Leben ihrer Tochter nachzuspüren versucht. Sie bezieht dasselbe Quartier wie zuvor die Tochter, und als sie das Haus verlässt und im Vorübergehen zwei alte Schachspieler grüßt, da wiederholt sie unwissentlich genau die Geste der Tochter. Schöner kann man nicht von der inneren Verbundenheit zwischen Mutter und Tochter erzählen. Und schon deshalb gehört „Auf der anderen Seite“ jetzt schon zu den „german movies you should see“.

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