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Fast-Food-Streit : Ich esse meinen Hamburger nicht

  • -Aktualisiert am

Der Molekularkoch hat die Massenkost entdeckt: Ferran Adrià Bild: picture-alliance/ dpa

Der Starkoch Ferran Adrià behauptet, einen besseren Hamburger als den von McDonald's könnten auch die zehn besten Köche der Welt nicht auftischen. Da verrät jemand die eigene Zunft, der in seinem Leben selbst erst drei Hamburger gegessen hat.

          Die Stars der Kochkunst werden immer berühmter, scheinen aber ihrer neuen Rolle und speziell den damit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen noch nicht recht gewachsen zu sein. Es ist erst einige Monate her, dass der spanische Spitzenkoch Santi Santamaria eine unsägliche und rundum unhaltbare Diskussion über die angeblichen gesundheitlichen Risiken mit der Molekularküche angezettelt hat – ein gefundenes Fressen für Traditionalisten wie Redundanzesser. Nun hat auch der weltberühmte spanische Drei-Sterne-Koch Ferran Adrià vom Restaurant „El Bulli“ im spanischen Roses kräftig danebengegriffen und eine Naivität bei der Einschätzung kulinarischer Zusammenhänge gezeigt, die doch einigermaßen erstaunt.

          Was ist passiert? Adrià hat in einem Interview über die Schnellrestaurantkette McDonald’s mitgeteilt, auch er könne zu diesem Preis keinen besseren Hamburger herstellen. Mehr noch: Wenn McDonald’s die zehn besten Köche der Welt engagierte, so wären auch diese dazu nicht in der Lage. Adrià, der nach eigenen Angaben erst dreimal in seinem Leben einen Hamburger gegessen hat, liegt mit dieser unverantwortlichen Äußerung exakt auf der Linie des Fast-Food-Konzerns und hat der öffentlichen Stellung der Kochkunst einen schweren Schaden zugefügt.

          Manipulation auf niedrigem Niveau

          Es ist schon immer das Ziel von McDonald’s gewesen, von der eigentlichen kulinarischen Qualität ihrer Produkte abzulenken. Adrià wären wohl seine Äußerungen vor einem aufgeklappten Hamburger aus der nächsten Filiale im Hals steckengeblieben, weil sich die Realitäten auch schon optisch völlig anders mitteilen. McDonald’s aber wirbt mit gesundheitlicher Unbedenklichkeit und bunten Bildern und in großangelegten Imagekampagnen, die das Bild eines rundum seriös arbeitenden, geradezu kulturell wertvollen Konzerns verbreiten. Demgegenüber steht die Wirklichkeit einer kulinarischen Manipulation auf niedrigem Niveau, mit der die Kundschaft von Kindesbeinen an an ein industrielles, völlig überwürztes und von künstlichen Aromen durchsetztes Essen gewöhnt werden soll.

          Was angeblich keine Spitzenköche besser hinbekämen: der doppelte Hamburger von McDonald's

          McDonald’s erzeugt bei seinen Kunden die Vorliebe für ein Geschmacksbild, das nur noch von McDonald’s und ähnlich arbeitenden Firmen befriedigt werden kann. Die so gedrillte Kundschaft ist schnell für natürlichere, differenziertere und unter kulturellen Gesichtspunkten einfach bessere Formen des Essens verloren. In einer bizarren Verdrehung wird die industrielle Reduktion eines seriösen Essens von einer preisreduzierten Notlösung zum neuen Maßstab. Diese Zusammenhänge und ihre Auswirkungen scheinen Adrià nicht klar zu sein. Sie dürften im Übrigen auch längst für McDonald’s ein Problem sein, weil der eigene Erfolg längst jede Modifikation des eigenen Programms blockiert. Die Kunden wollen vor allem die Standards essen.

          Wer prüft die Qualität?

          Aber lassen wir uns ruhig einmal auf den naiven Vorschlag Adriàs ein. Nehmen wir also an, McDonald’s lüde die zehn besten Köche der Welt ein, um einen solchen Versuch zu starten. Erstens wäre zu befürchten, dass tatsächlich einige davon kämen. Zweitens würde passieren, was Adrià schon vermutet hat – sie würden zwar einen besseren Hamburger herstellen, es aber nicht zum üblichen Verkaufspreis schaffen. Aber: Wer prüfte überhaupt die Qualität der Hamburger? Etwa das Publikum, das dann aus dem Wald herausrufen würde, was man ein Leben lang hineingerufen hat, und das überhaupt keine Werkzeuge zur Differenzierung besitzt?

          Es ist ein Märchen, dass das Essen bei McDonald’s so preiswert ist, dass es ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis bietet. Man darf ja nicht übersehen, dass diese Preiswürdigkeit nur im Vergleich mit vergleichbaren gastronomischen Angeboten, nicht aber mit den Kosten eines selbsthergestellten Essens besteht. Spätestens dann, wenn sich mehrköpfige Familien in Schnellrestaurants einfinden, entstehen Kosten, die jederzeit auch für das Material eines selbstgekochten Essens reichen würden. Dass man das dann oft gar nicht recht mag, ist – siehe oben – Folge der mittlerweile verbreiteten Unfähigkeit zum Kochen und Effekt der Auswirkungen einer entsprechenden kulinarischen Sozialisation.

          Die Pflicht des Kochs gegenüber der Gesellschaft

          Nach Aussage von Ferran Adrià ergibt es keinen Sinn zu behaupten, McDonald’s sei nicht gut, wenn man keine Alternativen anzubieten hat. Diese ebenfalls die Politik des Konzerns verteidigende Meinung fällt voll auf Adrià zurück. Es ist ein großer Makel unserer Starköche, dass sie in der Regel zur Reduktion ihrer Kochkunst auf ein in breiteren Bevölkerungsschichten kommunizierbares Maß nicht in der Lage sind. Natürlich kann man bessere Hamburger für das gleiche Geld machen – aber genau das liegt überhaupt nicht im Blickfeld unserer Meisterköche. Sie verstehen sich liebend gerne als Repräsentanten einer wichtigen Säule der Kultur, können oder wollen aber gleichzeitig ihre aus dieser Lage und ihren Fähigkeiten herrührende Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht wahrnehmen.

          Die Spitzenköche der Welt stehen weitgehend neben der industriellen Entwicklung, es sei denn, sie signieren gegen hohe Honorare Produkte, die niemals die Handschrift eines Könners erkennen lassen. Sie beklagen gerne die Zustände, an deren Verbesserung sie gar nicht mitwirken wollen. Die Bemerkungen Adriàs gehen deshalb in die falsche Richtung, und es wäre fürchterlich, wenn sich jetzt bei noch kürzer denkenden Verbrauchern die Meinung festsetzen würde, dass selbst die Starköche Hamburger nicht besser zubereiten können.

          Hätte Adrià also schweigen sollen? Jein. Zuerst sollte er, der es doch so sehr liebt, auf Märkten wie La Boqueria in Barcelona in frischen und traditionellen Produkten zu schwelgen, wieder einmal selbst einen Hamburger essen. Das müsste das Problem eigentlich schon beseitigen. Dann aber sollte er mit Übersicht und Energie Alternativen und natürlich auch die Strategien zu deren Durchsetzung entwickeln – und schlicht und einfach überzeugen.

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