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Familie in Indien : Die Frau macht die Arbeit

  • -Aktualisiert am

Durch das Familiennetz gefallen: Witwen in Indien Bild: AP

Das Familiennetz in Indien ist größer als unseres, aber auch nicht harmonischer geknüpft. An der Großfamilie zerren die Fliehkräfte der Moderne. Und in den Großstädten etabliert sich eine neue Lebensform: der weibliche Single.

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          Seit Anfang April kochen deutsche Ausnahmemütter mittags wieder vier Kilo Kartoffeln für ihre zwölfköpfigen Familien. RTLII zeigt eine neue Staffel von „XXL Abenteuer Großfamilie“. Menschen wie die Narasinganavars in Karnataka würden über diese kümmerlich kleinen Familien nur lachen. Die hundertachtundsiebzig Männer, Frauen und Kinder zählende Sippe des Familienoberhauptes Bhimanna lebt auf einer Farm, hundertdreißig davon im selben Gebäude.

          Einmal am Tag gemeinsam zu essen halte die Familie zusammen, ist die Maxime des Clanchefs Bhimanna. Und so backen die Frauen dieser indischen Supergroßfamilie täglich sechzehnhundert Fladenbrote, braten himalajagroße Gemüseberge und rühren ozeanisch schwappende Currysuppen. Die Männer geben allerdings zu, daß das System nur funktioniere, wenn man die Frauen unter Kontrolle halte. Schwierigkeiten seien vermeidbar, indem man für die Dutzenden heiratsfähigen Söhne Bräute von höchstens fünfzehn Jahren mit möglichst geringer Schulbildung wähle.

          Auch hier zerren die Fliehkräfte der Moderne

          Müssen wir Indien um die Jugend, um die kinderreichen Großfamilien und im Familienkreis gepflegten Alten beneiden? Immerhin 94 Prozent der indischen Alten haben Kinder. Nur ein Bruchteil des Milliardenvolkes lebt in einem der gerade tausend Altersheime, schon Bayern hat mehr Pflegeeinrichtungen. In fünfzehn Jahren werden wir Europäer ein Durchschnittsalter von fünfundvierzig erreicht haben, die Chinesen gemittelt ihren siebenunddreißigsten Geburtstag feiern, die Inder aber frische neunundzwanzig Lenze zählen. Von Vorteil ist dieser Altersvorsprung allerdings nur, wenn es Indien gelingt, die Jugend ihr Potential auch tatsächlich entfalten zu lassen. In der boomenden indischen Wirtschaft klagt man schon halblaut über Talentemangel, vor allem bei Ingenieuren, Managern und gut ausgebildeten Facharbeitern. Vielleicht sollten wir auswandern.

          Vielleicht auch nicht. Sicher ist das indische Familiennetz größer als unseres, aber es ist nicht unbedingt harmonischer geknüpft. Auch an der indischen Großfamilie zerren die Fliehkräfte der Moderne. Seit der Einwanderung der Aryas im zweiten vorchristlichen Jahrtausend ist die patriarchalische, patrilinear vererbende „Joint Family“, in der das Oberhaupt mit seiner Frau, seinen Söhnen und deren Ehefrauen sowie seinen Enkeln und unverheirateten Enkelinnen plus etwaiger Bediensteter zusammenlebt, das Familienmodell Indiens. Credo der Joint Family: Die Familie ist die kleinste Einheit des sozialen Gefüges, nicht das Individuum.

          Junges Blut für die Städte

          Um eine Zersplitterung des Eigentums, zumal natürlich des Landbesitzes, zu vermeiden, bleiben nach dem Tod des Pater familias auch die Bruderfamilien zuweilen zusammen, der Älteste wird dann neues Oberhaupt. Kommt es zur Teilung der Familie, lastet das Denken im Bann der als selbstverständlich erachteten brüderlichen Harmonie die Schuld daran oft den „blutsfremden“ Ehefrauen an. Selbst das verwitwete weibliche Oberhaupt eines solchen Clans, die eben noch geliebte Großmutter, kann plötzlich als Fremdkörper empfunden und als solcher ausgestoßen werden. Sei es, daß man sie innerfamiliär ihres hohen Ranges beraubt, sei es, daß man sie während einer Pilgerfahrt in einer heiligen Stadt (immerhin mit direkter Himmelfahrtsgarantie) zum Sterben aussetzt. Allein in Varanasi warten gut zehntausend Witwen auf den Tod.

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