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Familie : Eingeholt vom Leben: Warum Kinder sein müssen

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Warum erschöpft sich die aktuelle Debatte über Kinder im Materiellen und Organisatorischen? Vielleicht wird so der tiefere Grund für die sinkenden Geburtenraten nur verdeckt: die Seelenlage derer, die heute Eltern sein könnten.

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          Eines Tages bekommt Tjorven, die Heldin eines Kinderromans von Astrid Lindgren, ein Seehundbaby geschenkt. Doch ihr Vater ist dagegen, daß sie es selbst aufzieht, und er rechnet ihr vor, wieviel Milch und wie viele Heringe dazu nötig sein werden. „Wenn man ein Kind bekommt“, kontert Tjorven, „dann redet man doch auch nicht gleich davon, wieviel Milch man braucht, um es großzuziehen.“ Tjorvens Vater ließ das Argument gelten, und der Seehund wurde zum Familienmitglied.

          Wer dagegen heute der Debatte um sinkende Geburtenraten folgt, stellt fest, daß es zuallererst und fast ausschließlich um die Milch geht. Der Vorrang des Ideellen vor dem Materiellen, den Tjorven im Roman selbstverständlich voraussetzen konnte, ist im wahren Leben heute nicht mehr gültig. Und das Emotionale wird in der Diskussion meist in einem Halbsatz abgehandelt, in dem fast mit einem Anflug von Peinlichkeit das Wort Glück fällt. Selten wird vermittelt, warum Menschen Kinder bekommen. Kinder werden als finanzielle Belastung und Unterbringungsproblem, als künftige Rentenkassenbeitragszahler und Bestandsgarantie abgehandelt.

          Warum reden wir immer über Fakten, Statistiken, Modelle?

          Wo die Diskussion von Männern geführt wird, herrscht Sachlichkeit vor: demographische Fakten, Bevölkerungsstatistiken, Rentenmodelle. Frauen wehren sich ihrerseits in rationaler Argumentation gegen die immer lauter werdende Gebärforderung. Die Klage über ihre schwierige Situation zwischen Kind und Karriere mündet in Schuldzuweisungen an die Politik und die Männer. Es herrscht Einigkeit darüber, daß der Staat das Kinderkriegen durch materielle Anreize stärker fördern sollte, daß das allein aber nicht ausreicht. Deshalb müsse sich das gesellschaftliche Klima ändern, Mütter verdienten mehr Respekt, und Kinder müßten wieder „in“ sein.

          Warum wird die Debatte über Kinder so versachlicht, so seltsam gefühllos geführt, warum erschöpft sie sich im Materiellen und Organisatorischen? Mag sein, daß die Antwort auf die Frage, warum Menschen Kinder bekommen, als selbstverständlich, ja banal angesehen wird. Mag sein, daß sie zu intim ist, um sie in der Öffentlichkeit auszubreiten. Vielleicht liefert aber auch die Tatsache, daß wir nicht über die Gründe sprechen, warum wir trotz aller Widrigkeiten noch Kinder bekommen, einen Hinweis darauf, warum wir es immer weniger tun. Vieles spricht dafür, daß die Debatte über die sachlichen, materiellen Gründe für unsere sinkende Geburtenrate nur den darunterliegenden, tieferen Grund verdeckt: die Seelenlage derer, die heute so alt sind, daß sie Eltern sein könnten.

          Keiner der Gründe unserer Eltern ist noch stichhaltig

          Es ist noch nicht lange so, daß sich Menschen überhaupt entscheiden können, ob sie Kinder bekommen wollen, und folglich auch Kriterien finden müssen, nach denen sie diese Entscheidung fällen. Wir bekommen nicht, wie unsere Vorfahren, Kinder, weil wir es nicht verhindern können, und - jedenfalls bislang - auch nicht deshalb, weil sie unsere Versorgung im Alter sichern. Noch unsere Eltern brachten uns aus Gründen zur Welt, die für uns selbst heute nicht mehr gelten: weil es alle taten, weil es selbstverständlich zu einem erfüllten Leben gehörte, weil Verhütungsmittel noch nicht ausreichend verbreitet waren oder weil sie wollten, daß ihre Kinder es einmal besser haben sollten als sie selbst.

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