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Familie : Der verunsicherte Mann

Der kinderlose Mann: Hugh Grant - hier noch mit Liz Hurley Bild: picture-alliance / dpa

Die Debatte um die Greisenrepublik und ihre Folgen dreht sich allein um die Frau und ihre Gründe, keine Kinder zu wollen. Dabei gibt es weit mehr Männer als Frauen ohne Nachwuchs. Über sie wissen wir fast nichts.

          Es ist gar nicht so lange her, da zählten Begriffe wie demographischer Wandel zum Fachvokabular von Rentenexperten, Kinderkriegen galt als Privatangelegenheit - und Frauen, die keine hatten, waren irgendwie modern.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Seit sich jedoch das Wort von der Greisengesellschaft und ihren dramatischen Folgen herumgesprochen hat, treibt die K-Frage - die Frage, warum wir immer weniger Kinder bekommen - die Deutschen um. Unter öffentlichem Rechtfertigungsdruck steht besonders die Frau ohne Kind.

          Man analysiert ihre Ansprüche, untersucht ihre Wertvorstellungen, beleuchtet ihre Lebensentwürfe, ihr postfeministisches Bewußtsein. Der kinderlose Mann hingegen ist in dieser Rechnung der Demoskopen die bislang unbekannte Größe. Über ihn wissen wir fast nichts; und auch nichts über seine Beweggründe, keine Kinder zu wollen.

          Mehr Paare ohne Kinder als Familien

          Jetzt hat zwar eine Allensbach-Untersuchung über die Einstellung junger Männer zur Familie auch nach den Ursachen für die bewußte Kinderlosigkeit gefragt - und von sechzig Prozent der Herren die Antwort erhalten, es seien „andere Gründe“ als finanzielle, berufliche oder die ungelöste Situation der Kinderbetreuung . Jedoch hat es das Institut versäumt, bei diesen „anderen“ verschwiegenen Gründen nachzuhaken - denn die Zurückhaltung der Männer in der Kinderfrage ist das eigentlich Spannende.

          Es liegt nämlich nicht in erster Linie an den Frauen, daß es in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre mehr Paare ohne Kinder gibt als Familien. Es liegt mindestens so sehr an den Männern. Die Kinderfrage wird fast immer von zweien entschieden. Will einer der beiden nicht mitziehen, findet die Angelegenheit nicht statt.

          Ein Viertel bleibt kinderlos

          Hierzulande bislang praktisch unbekannt ist die Tatsache, daß es heute in allen Altersgruppen der nach 1940 Geborenen deutlich mehr kinderlose Männer gibt als kinderlose Frauen. Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung 2003 in einer Pionierstudie ermittelte, ist zum Beispiel ein Viertel der fünfundvierzig- bis fünfzigjährigen Männer kinderlos, bei den Frauen sind es dagegen nur halb so viele.

          Unter Akademikern ist jeder zweite nach 1965 Geborene noch ohne Nachwuchs, bei den Akademikerinnen hingegen ist es nur jede dritte. Trotzdem stehen stets die kinderlosen Frauen und nie die Männer ohne Kind im Mittelpunkt der Diskussion über den Geburtenrückgang.

          „Gebärstreik“, beklagt die Hamburger Journalistin Meike Dinklage, „dieses Wort kursiert ewig. Zeugungsstreik, davon hat man noch nie etwas gehört.“ Von selbst freilich wagt sich der kinderlose Mann, dieses obskure Objekt der Statistik, nur selten aus der Deckung.

          Subtile Mechanismen

          In ihrem aufschlußreichen Buch „Der Zeugungsstreik - Warum die Kinderfrage Männersache ist“ hat Meike Dinklage, Jahrgang 1965 und selbst kinderlos, etwas Licht in die dunkle Gefühlslage männlicher Kinderverweigerer gebracht. Sie ist durchs Land gereist und hat Männer zu ihrer Kinderlosigkeit befragt.

          „Wie kann es angehen, daß Kinderlosigkeit bei Frauen nur als biologisch begründete Entbehrungstragödie akzeptiert wird, während der Mann mit der Einsamer-Wolf-Nummer durchkommt?“ Ihre Vermutung, daß die Mechanismen der gewollten Kinderlosigkeit bei Männern wesentlich subtiler sind als bei Frauen, bestätigt die Lektüre der aufgezeichneten Gespräche - und läßt einen ratlos zurück.

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