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Familiärer Streitfall Putin : Wer bitte sind „wir“?

Feuerwerk über Sewastopol: Die Annektion der Krim wird gefeiert Bild: AP

„Putin verbreitet Lügen, und du glaubst ihm noch“, empört sich die Tochter. „Und wie kannst du diesem Witz von Europa nur glauben?“, gibt die Mutter zurück. Ein kleiner kalter Familienkrieg über russische und westliche Propaganda.

          3 Min.

          „Wir haben die Krim ohne einen einzigen Schuss eingenommen!“, sagt meine Mutter mit spitzem, halblautem Lachen am Telefon. „Jetzt gehören wir wieder zusammen. Die Krim und Russland - endlich wiedervereint.“ Natürlich sagt sie das alles auf Russisch. Natürlich weiß ich schon lange, dass sie Wladimir Putin ernsthaft wertschätzt. Denn in all unseren Gesprächen geht es immer auch um die Politik unserer Heimat, die Politik Russlands. Und wie so oft kann ich mich bald schon nicht mehr beherrschen und frage sie wütend, wie man dieser russischen Propaganda so hörig sein kann.

          Anna Prizkau
          Redakteurin im Feuilleton.

          Noch während ich diesen Satz ausspreche, drehe ich die Lautstärke meines Telefonhörers herunter. Ich weiß, dass meine Mutter gleich laut werden wird. „Du bist es doch, die von der Propaganda vernebelt ist; der westlichen, der amerikanischen!“, brüllt sie aus der leisegeregelten Leitung. Ich: „Putin ist ein größenwahnsinniger Narzisst, der Lügen verbreitet, und du glaubst ihm noch!“ Sie: „Und wie kannst du dem Verbrecher Obama - ich sage bloß NSA - und diesem Witz von Europa nur glauben? Sie sind doch an allem schuld.“

          Aufnahmen bunt, Aussagen schwarz-weiß

          In den folgenden zehn Minuten schieben wir jähzornig und laut den Schwarzen-Propaganda-Peter hin und her. Doch mit dem Video des Swoboda-Politikers Igor Miroschnitschenko, der den Chef des ukrainischen Senders „Erster Nationaler Kanal“ mit Schlägen zum Rücktritt zwingt, weil sein Sender die Rede Wladimir Putins zur Annexion der Krim live ausstrahlte, hat meine Mutter an diesem Tag ein überraschend starkes Argument. „Wir haben es ja schon immer gewusst, die neue ukrainische Regierung ist ein Haufen krimineller Nationalisten!“, sagt sie. Wie nach fast jedem Streit beenden wir das Telefonat ohne eine Verabschiedung, nur mit einem kurzen russischen Wort für „das war’s“.

          Ich lege das Handy zur Seite und denke an das „wir“, dass sich durch die Gespräche mit meiner Mutter zieht. Zwar habe ich auch einen russischen Pass, doch in das „wir“ meiner Mutter gehöre ich nicht. Es ist mir fremd. Es ist das Produkt russischer Propaganda. Dieses „wir“-Denken wird meiner Mutter und Millionen anderen Menschen tagtäglich vom russischen Staatsfernsehen beigebracht. Sie sehen dort Bilder, die schlimm sind. Sehen, wie ukrainische Nationalisten Menschen verprügeln und bedrohen. Und dann sehen sie auch ein fröhliches Miteinander: glückliche Ukrainer, die Russland feiern, glückliche Russen, die ihren „Brüdern“ auf der Krim in die Arme fallen. Das russische Fernsehen inszeniert die politische Lage der Ukraine in einfachsten Bildern zu einem großen antidemokratischen und antiwestlichen Film. Die Aufnahmen sind bunt, ihre Aussagen schwarz-weiß. Es gibt das „wir“, das sind die Guten, natürlich die Russen. Und die Bösen sind die Maidan-Aktivisten, sind die Amerikaner, sind die Europäer, die die neue ukrainische Regierung unterstützen. Ich frage mich, wie so viele gebildete Menschen so einer unterkomplexen Darstellung glauben können. Ich frage mich, wie meine eigene Mutter darauf nur hereinfallen konnte.

          Ein genauso schlimmes Denken

          Plötzlich klingelt das Handy. Eine E-Mail von meiner Mutter. In der Betreffzeile „Schau es dir an!“, im Anhang der Link zu dem Miroschnitschenko-Video. Ich habe das Video schon dreimal gesehen und dabei dreimal „furchtbar“ gedacht. Trotzdem schaue ich es noch einmal, denke dabei wieder nur „furchtbar“ und denke dann zurück an das „wir“ meiner Mutter.

          Seltsam ist, dass ich gleichzeitig auch an Deutschland denken muss. Denn auf Deutsch höre und lese ich das Wort „wir“ auch schon seit Tagen: „Wir haben Russland in die Enge getrieben“, „Wir sind mitverantwortlich für das russische Vorgehen auf der Krim“ oder „Wir müssen auch die Russen verstehen“. Nachdem das Video von Miroschnitschenko im Internet ist, häuft sich das deutsche „wir“ und äußert sich immer russlandfreundlicher, immer mehr distanziert es sich von der neuen ukrainischen Regierung. Die Bilder des brutalen Übergriffs des Swoboda-Pseudo-Politikers zwingen einen natürlich dazu, sie zu verurteilen. Macht man das aber mit einem anti-ukrainischen „wir“, so macht man es genauso falsch wie die Russen; etabliert ein genauso schlimmes Schwarz-Weiß-Denken.

          Noch ist das deutsche „wir“ kein Propaganda-Werkzeug. Noch ist es ein anderes als das russische. Es täuscht kein starkes Kollektiv vor, sondern entsteht aus der Angst vor einem Krieg, aus der Sorge um uns selbst. Im Moment aber darf es nicht darum gehen, dass „wir“ mit Swoboda nichts mehr zu tun haben wollen, dass „wir“ diese rechte Partei unterschätzt haben. Denn viel fataler ist es, dass die Ukrainer Swoboda unterschätzten. Und nur um die Ukraine muss es nun gehen - ein Land, in dem Millionen Menschen berechtigte Angst um ihre Zukunft haben. „Wir“ müssen uns jetzt selbst mal egal sein.

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