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Fall Politkowskaja : Ohnmacht gebiert Mut

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Anna Politkowskaja: Was wissen wir von ihrem Mut? Bild: dpa

Wir sprechen über den Mord an Anna Politkowskaja, aber warum schweigen wir von dem, wofür die russische Journalistin ihr Leben wagte? Das fragte die Schriftstellerin Monika Maron am Donnerstag auf der Leipziger Buchmesse.

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          Seit dem 7. Oktober 2006, dem Tag, an dem Anna Politkowskaja in ihrem Haus erschossen wurde, ist ihr Name in der deutschen Öffentlichkeit bekannt. Er hätte auch vorher bekannt sein können; es waren zwei Bücher von ihr erschienen: „Tschetschenien - die Wahrheit über den Krieg“ (2003) und „In Putins Russland“ (2005); zwei Bücher, aus denen man so Ungeheuerliches erfahren kann, dass sich jeder, der auch nur eines gelesen hat, fragen muss, warum der Krieg in Tschetschenien und seine Auswirkungen auf Russland uns eigentlich so wenig interessieren; warum jeder Tote im Irak, jeder Häftling in Guantánamo, jeder erschossene Palästinenser unser Mitgefühl und unsere Empörung weckt, wogegen die alltägliche Rechtlosigkeit, die Morde, Entführungen, Vergewaltigungen in Tschetschenien, Inguschetien oder Dagestan uns erst erregen, wenn in Beslan mehr als dreihundert Geiseln getötet werden oder wenn im Moskauer Musicaltheater Nord-Ost eine Geiselnahme mit einem Giftgaseinsatz beendet wird und dabei neunzig Kinder ums Leben kommen oder wenn in Moskau eine ungewöhnliche und mutige Journalistin ermordet wird, ausgerechnet am Geburtstag des russischen Präsidenten, der zudem wenige Tage später die deutsche Bundeskanzlerin treffen sollte.

          Atemberaubendes Protokoll des politischen Alltags

          Anna Politkowskaja dokumentiert in ihrem „Russischen Tagebuch“ die Zeit von Dezember 2003 bis August 2005. In dieser Zeit verendet unter Putins Herrschaft die Pressefreiheit, verbreiten sich Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit, verkommen die Wahlen wie unter sowjetischen Verhältnissen zur Farce, verelenden die Armen, paralysiert sich die Opposition. Politkowskajas „Russisches Tagebuch“ ist ein genaues Protokoll des politischen Alltags in Russland, wie unter Atemnot geschrieben, atemberaubend zugleich. Wie ein Alb setzen sich die Willkür und Anmaßung der Macht auf die Brust, auch die Lethargie und Angst der Bevölkerung.

          So ein Land zu fürchten gibt es Grund genug, notiert Politkowskaja am 19. August 2005. Und vor ihm zu kuschen, wie es gegenwärtig Staatsmänner aus aller Welt tun, die es vorziehen, Putin zu küssen, statt ihn in die Schranken zu weisen.

          „Möglich, dass dieser Kampf nicht gut ausgeht“

          Seit Anna Politkowskaja tot ist, wird viel über sie gesprochen und geschrieben. Darum will ich hier weniger über sie sprechen als über uns, die wir ein Teil ihrer Verzweiflung waren. Warum fällt unsere Erregung über die dramatischen Ereignisse in Russland eigentlich so matt aus, so unsicher oder desinteressiert? Sogar jetzt, wenn wir Anna Politkowskaja ehren, sprechen wir zwar über sie, über ihren Mut und ihre Wahrheitsliebe, aber weniger darüber, wofür sie unbeirrbar einstand, was ihr mehr bedeutete als das eigene Leben.

          In einem Interview, das sie vor zwei Jahren hier auf dieser Buchmesse gab, antwortete sie auf die Frage nach ihrer Gefährdung: „Ich versuche, nicht daran zu denken, weil ich sonst nicht arbeiten könnte... Also blende ich diese Gedanken aus und sage, dass ich einfach das Schicksal derjenigen teile, die für demokratische Prinzipien und ein demokratisches Leben in Russland kämpfen, wobei es möglich ist, dass dieser Kampf nicht gut ausgeht. Aber das ist dann einfach so.“

          Was wissen wir von einem Mut, der lebensgefährlich ist? Was wissen wir noch von einer Ohnmacht, die solchen Mut hervorbringt?

          Hilflose Wut und Bitterkeit

          Wer in der DDR erwachsen war und nicht dem herrschenden Regime anhing, wird sich an die hilflose Wut gegenüber der angemaßten Verfügungsgewalt des Staates erinnern und auch an die Bitterkeit, die man empfand, wenn Repräsentanten des Westens aus diplomatischem oder auch nur parteipolitischem Kalkül verschwiegen, was hätte ausgesprochen werden müssen, oder wenn die Annäherung uns größer erschien als der erhoffte Wandel. Und ich erinnere mich daran, dass damals namhafte Politiker der Bundesrepublik den Aufstand von Solidarnosc verantwortungslos und eine Bedrohung des Weltfriedens genannt haben.

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