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Rassismus der Medien? : Wenn eine junge weiße Frau verschwindet

  • -Aktualisiert am

NORTH PORT, FLORIDA - SEPTEMBER 21: A makeshift memorial dedicated to Gabby Petito is located near the North Port City Hall on September 21, 2021 in North Port, Florida. The body of Petito was found by authorities in Wyoming, where she went missing while on a cross-country trip with her fiance, Brian Laundrie. Law enforcement agencies are for searching for his whereabouts. Octavio Jones/Getty Images/AFP == FOR NEWSPAPERS, INTERNET, TELCOS & TELEVISION USE ONLY == Bild: AFP

Der Fall der ermordeten Gabby Petito beschäftigt die amerikanische Öffentlichkeit seit Wochen. Es geht dabei auch um die Frage, welchen Schicksalen die Medien Priorität verleihen.

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          Für die Familie von Gabrielle „Gabby“ Petito bestätigten sich die schlimmsten Befürchtungen: Die Zweiundzwanzigjährige starb durch Strangulation, wie die amerikanischen Behörden in dieser Woche bekannt gaben. Von ihrem Verlobten Brian Laundrie fehlt nach wie vor jede Spur – er wird verdächtigt, seine Partnerin umgebracht zu haben. Die Suchaktion, erst nach der Vermissten und nun nach dem wohl Flüchtigen, beschäftigt die amerikanischen Medien seit dem Spätsommer.

          Petito wollte als Influencerin berühmt werden und schloss sich bei Instagram jenen an, die unter dem Hashtag #vanlife ihre Reiseerlebnisse posten. Ihre Leiche wurde Mitte September im Bridger-Teton-Nationalpark in Wyoming gefunden, wo sie und ihr Verlobter Laundrie unterwegs gewesen sind. Die Polizei veröffentlichte Videos, auf denen beide mit Beamten sprechen, nachdem sie sich auf der Reise gestritten hatten. Bald diskutierten Tausende von Menschen im Netz über den Fall, veröffentlichten Zeitungen und Fernsehsender immer neue Berichte über mögliche Hinweise auf Laundries Verbleib – und auch Prominente wie der Kopfgeldjäger und Reality-TV-Darsteller Duane Chapman alias „Dog the Bounty Hunter“ mischten bei der Suche mit. Ein Fall mit so vielen Hinweisen und einem Flüchtigen, dazu die relative Internetprominenz der jungen Frau – es scheint nicht weiter verwunderlich, dass die Medien die Geschichte seit Wochen verfolgen.

          Doch parallel zu der Suche nach Laundrie hat sich noch eine weitere Diskussion entsponnen – und einige Medien fügten ihrer Berichterstattung über den Fall kritische Betrachtungen über das „Missing White Woman Syndrome“ hinzu. Der Begriff bezeichnet den Umstand, dass Journalisten überproportional häufig über junge weiße Frauen berichten, die Opfer von Verbrechen sind oder vermisst werden. Die Zeitung The Washington Post zählte innerhalb von sieben Tagen 398 Nennungen von Petitos Namen beim Sender Fox News und 346 bei CNN. Das Magazin Politico nannte die Berichterstattung eine „Sucht“ der Medien nach Informationen zu Petitos Fall.

          Die unsichtbaren Vermissten

          Diese Unterschiede in der öffentlichen Aufmerksamkeit sind lange bekannt. Die Bezeichnung „Missing White Woman Syndrome“ wird der 2016 verstorbenen Journalistin Gwen Ifill zugeschrieben, die Moderatorin und Ko-Chefredakteurin des öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmagazins „PBS News Hour“ war. Sie charakterisierte die überproportionale Berichterstattung über weiße Opfer bei einer Konferenz im Jahr 2004 als Ausdruck strukturellen Rassismus. Dass das Stereotyp der „Damsel in Distress“, des „Fräulein in Not“, die Fantasie von Journalisten und Publikum am meisten anspreche, sei auch Ausdruck einer rassistischen Hierarchie, sagte Kym Pasqualini, Chefin der Organisation „National Center for Missing Adults“, bereits im Jahr 2011.

          In den Vereinigten Staaten machen schwarze Erwachsene und Kinder 35 Prozent aller Vermisstenfälle aus, ihr Bevölkerungsanteil liegt aber nur bei etwa dreizehn Prozent. Mehrere Studien bestätigten, dass Medien dennoch häufiger und intensiver über verschwundene weiße Kinder berichten als über Kinder anderer Hautfarben. Und eine Untersuchung des Wyoming Urban Indian Health Institute machte 2020 darauf aufmerksam, das allein in dem Bundesstaat 710 indigene Amerikaner zwischen 2011 und 2020 vermisst wurden, die Berichterstattung über ihre Fälle aber spärlich und voller negativer Klischees sei.

          Immer wieder gab es in den vergangenen Jahren Versuche, das Ungleichgewicht in der öffentlichen Anteilnahme zu beseitigen, etwa durch Internetkampagnen wie die der Websites „Our Black Girls“ oder „Black and Missing“.

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