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Fahrrad-Professuren : Wie Scheuer seinem ramponierten Image davonradelt

Helm auf! Verkehrsminister Andreas Scheuer lässt die Selbstwirksamkeit des Radfahrers erforschen. Bild: Jens Gyarmaty

Was macht das Radl mit der Psyche seiner Fahrer? Wie gefährlich lebt es sich im Sattel? Die sieben Stiftungsprofessuren für den Fahrradverkehr, die der Verkehrsminister fördert, haben jede Menge Forschungsbedarf.

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          Zu loben ist der Verkehrsminister dafür, dass er sich in der gefühlten Realität die Amtsbezeichnung des Fahrradministers zulegen möchte. Sicher, Andy Scheuer ist der oberste Autolobbyist im Radlerpelz und hat schon seit einiger Zeit kaum mehr etwas zu lachen. Aber deshalb ist beileibe nicht alles schlecht, was aus seiner Image-Reparaturwerkstatt kommt. Wie etwa jene sieben Stiftungsprofessuren für Fahrradverkehr, die Scheuer ausschrieb und nun fünf Jahre lang fördern will, nicht als Auftragsforschung, sondern in freihändiger Neugierde auf pedalbetriebene Mobilität. Die soeben unter den Bewerbern dafür ausgewählten Hochschulen wird der Schirmherr Anfang Februar in den Geldregen stellen.

          Hohe Selbstwirksamkeit

          Das ist gut für – ja, fürs Klima sowieso, aber auch für Körper und Seele, insoweit Radfahren wie kein zweites Transportmittel die Erfahrung der Selbstwirksamkeit stärkt, also das A und O einer innengeleiteten Psyche, die nicht erst bei den anderen zu sich selbst kommt, wie es bei den Außengeleiteten der Fall ist. Letzteren, den Außengeleiteten, geht auch die im Sattel eigenmuskulär hergestellte Reibung mit dem Asphalt nicht nach innen, Pedalstoß für Pedalstoß. Deshalb bleiben sie, um sich selbstwirksam zu fühlen, angewiesen auf Zugesprochenes, Zugeschriebenes, Zufälliges, eben auf den ganzen kommunikativen Quatsch von außerhalb. Schon hier, bei den psychosomatischen Wirkungen des vom Quatschen entlasteten Radlverkehrs, liegt ein gewaltiger Forschungsbedarf für Scheuers Stiftungsprofessuren. Die Frage ist: Wird man im Sattel zum Idioten? Oder wird man dort – man selbst? Radelt beides gar auf dasselbe hinaus?

          Die AfD-Logik des Radfahrens

          Die Antwort erwartet man von einer Fahrradprofessur, die einen anspruchsvollen Begriff von Mobilitätsforschung pflegt, einen solchen, der zugleich nüchtern genug ist, um Dirk Spaniel von der AfD die Luft aus dem Schlauch zu lassen. Spaniel hatte neulich im Bundestag das Fahrrad als „Hauptunfallverursacher im Straßenverkehr“ herabgesetzt und mit ungeniertem Schneid hinzugefügt: „Nüchtern betrachtet, sind Fahrräder in hohem Maße unpraktisch und gefährlich.“ Eine solche am Radl drehende Rede zeigt, dass Scheuers Stiftungsprofessuren gar nicht basal genug ansetzen können, nämlich bei triftiger Lesart von Statistik, die keineswegs hergibt, dass Opfer als Täter erscheinen, wie es der Fall ist, wenn die vom Auto plattgefahrenen Radfahrer auf einmal als Hauptunfallverursacher statt als Hauptleidtragende im Straßenverkehr daliegen.

          Auch Fußläufigkeit ist ja, nüchtern betrachtet, unpraktisch und gefährlich, gemessen an den vielen Fußgängern, die unters geräumige Auto geraten. Eigentlich lässt sich so ziemlich alles, nüchtern betrachtet, als unpraktisch und gefährlich bezeichnen, setzt man es nur zu den falschen Bezugsgrößen in Beziehung. Fahrradprofessoren, helft! Unter Scheuers Schirmherrschaft möchten wir Radfahrer mit wissenschaftlichem Fug von uns sagen können: Die Idioten, das sind die anderen.

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