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Facebooks Manipulationsexperiment : Was heißt hier Datenschutz?

Was heißt hier Datenschutz? Das Facebook-Experiment wirft interessante Fragen auf Bild: dpa

Facebook weiß nicht, was an dem Experiment, in dem Hunderttausende Nutzer manipuliert worden sind, schlimm sein soll. Auch die britischen Datenschutzbeauftragten, die den Fall jetzt untersuchen, wissen es noch nicht so genau.

          Die Nutzer sind empört: Facebook mache sie zu Versuchskaninchen, zu Laborratten gar, schreiben sie, das Netzwerk spiele mit ihren Emotionen, missbrauche sie für unheimliche, gewissenlose Experimente: für Gefühlsmanipulationen und Gedankenkontrolle. Ein ungewohnt schriller Ton ist das, mit dem überraschend einhellig ein Versuch verurteilt wird, über den drei Forscher in der Zeitschrift der amerikanischen Akademie der Wissenschaften berichtet haben: Während einer Woche im Jahr 2012 wurden die „Timelines“ von Hunderttausenden Facebook-Nutzern manipuliert, um herauszufinden, ob die Präsentation gut- oder schlechtgelaunter Statusmeldungen von „Freunden“ eines Nutzers Auswirkungen auf dessen Laune hat.

          Knapp siebenhunderttausend Profile sind beobachtet worden. Etwa die Hälfte blieb als Kontrollgruppe unbeeinflusst, die andere Hälfte erhielt wahlweise verstärkt verdrießliche oder vergnügliche Statusmeldungen angezeigt. Die Nutzer reagierten offenbar signifikant in Abhängigkeit von dem, was in den entsprechenden „Timelines“ zu sehen war: Wer mehr Misslauniges las, postete selbst mehr Schlechtgelauntes und umgekehrt. Ende Oktober ist der Bericht eingegangen, Anfang Juni wurde er veröffentlicht. Es war ein Artikel von Adrienne LaFrance in „The Atlantic“ am vergangenen Samstag, der das Thema in den allgemeinen Fokus rückte und gleich mit der Überschrift den Ton vorgab: Sogar die Redakteurin der Stimmungsstudie von Facebook habe diese gruselig gefunden.

          Am Dienstag hat der britische Datenschutzbeauftragte bekanntgegeben, das Experiment untersuchen zu lassen. Das Information Commissioner's Office (ICO) prüft, ob Facebook mit dem Experiment Datenschutzgesetze verletzt hat, weiß aber, wie die „Financial Times“ berichtet, noch nicht genau, gegen welche Teile der Gesetze das Unternehmen verstoßen haben könnte. Facebook beteuert, auf die Anonymisierung der Daten und den Schutz seiner Nutzer größten Wert gelegt zu haben. Das ist gut, geht allerdings an der Kritik vorbei: Mit dem Eingriff in die Timelines der ahnungslosen Probanden hat das Unternehmen nämlich nicht nur bereits vorliegende Daten zu Forschungszwecken ausgewertet, sondern Daten gezielt provoziert. Ist das ein Fall für den Datenschutz nach geltendem Verständnis? Es wäre eine Gelegenheit, den Fokus der Instanzen auszuweiten. Versuche mit Nutzern sind kein Ausnahmefall.

          Fortlaufen optimieren die großen Internetkonzerne die Darstellung ihrer Suchergebnisse, die Empfehlung weiterer Angebote oder die Auflistung von Einträgen in sozialen Netzwerken - sie passen sie also an die vermeintlichen Bedürfnisse ihrer Nutzer und diejenigen ihrer Werbekunden anpassen. Das steht ebenso außer Frage wie der Umstand, dass sie dafür das Verhalten ihrer Nutzer zum Maßstab nehmen, indem sie Teilen von ihnen zu Testzwecken einen leicht veränderten Auftritt zeigen, zusammengestellt durch modifizierte Algorithmen. „Alle großen Internetunternehmen machen A/B-Tests, um die Reaktionen ihrer Kunden und Nutzer besser zu verstehen und die user experience zu verbessern“, bestätigt Hanna Krasnova, Dozentin für Wirtschaftsinformatik an der Universität Bern, im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ist das schon Manipulation? Jedenfalls ist es ein äußerst machtvolles Instrument.

          Was sind bereits vorliegende Daten

          In seinen Nutzungsbedingungen lässt sich Facebook das Recht einräumen, die anfallenden Daten auch zu Forschungszwecken zu gebrauchen. Allerdings soll dieser Passus, wie Kashmir Hill im Magazin „Forbes“ berichtet, erst nach der Versuchswoche vor zwei Jahren ergänzt worden sein. Das Recht, die Daten „zur Verbesserung und Erweiterung der Services“ auszuwerten, lässt sich Facebook indes schon länger geben. Die Behauptung liegt nahe, dass auch das Stimmungsexperiment einem solchen guten Zweck dienen solle. Die Behauptung, auch die Unterdrückung oder Hervorhebung bestimmter Statusmeldungen falle noch unter den eingeräumten „Gebrauch erhaltener Informationen“, lässt sich schon schwerer halten. Und ob bereits von „informierter Einwilligung“ zur Versuchsteilnahme die Rede sein kann, wenn die meisten die Nutzungsbedingungen ungelesen mit einem Klick anerkennen, ist umstritten.

          Susan Fiske, die als Psychologiedozentin aus Princeton den Bericht redigiert hat, erklärt, sie sei davon ausgegangen, dass die Forscher einen bereits erfassten Datensatz von Facebook zur Auswertung bekommen, also keine Experimente mit Menschen vorgenommen, sondern lediglich Daten ausgewertet hätten. Anders als von der öffentlichen Hand geförderte unterliegt die von Facebook betriebene Forschung keinem Kodex, der Verhaltensweisen bei Experimenten mit Menschen vorschreibt. Dennoch räumte das Unternehmen am Montag mit Unbehagen ein, dass möglicherweise auch Datensätze minderjähriger Nutzer ausgewertet worden seien.

          Es ist Zeit für die Debatte

          Auch die Wirtschaftinformatikerin Hanna Krasnova forscht über Facebook-Nutzer - mittels Befragung, nicht mit direktem Zugriff auf Datensätze. „Unsere Umfragen zeigen, dass Facebook oft mit Macht assoziiert wird und die Nutzer wenig Vertrauen zu Facebook haben“, erklärt sie im Gespräch. Ein interessantes Ergebnis ihrer Forschung zu Datenschutzbedenken: „Als größte Gefahr bei Facebook wird Facebook selbst genannt. Dann kommen erst Marketingfirmen, Arbeitgeber und andere Nutzer.“

          Auch wenn in der aktuellen Aufregung noch nicht deutlich ist, wer die Bedenken teilt oder sie nur weiterleitet: Sie wirft ein Schlaglicht auf die Frage, welchen Richtlinien im Umgang mit und in der Beeinflussung von Nutzerdaten ein Unternehmen wie Facebook entsprechen muss. „Es ist wichtig, dass die Gesellschaft in dieser Frage Stellung bezieht“, sagt Hanna Krasnova, „es ist Zeit für diese Debatte.“

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