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Zuckerberg vor Anhörung : Facebooks Falschheit

Unter den Augen des Gesetzes: Mark Zuckerberg am Montag im Kapitol Bild: AFP

Wie will sich Facebook aus dem Datenmissbrauchsskandal retten? Vor dem amerikanischen Kongress gibt sich Mark Zuckerberg verantwortungsvoll und zeigt sich verständnislos.

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          „Wenn du Informationen über jemanden brauchst, frag einfach“: Die Zeilen, in denen sich Mark Zuckerberg einem Freund gegenüber irgendwann zwischen 2003 und 2005 damit brüstete, was er alles über mehr als viertausend Harvard-Kommilitonen wusste, kurz nachdem er im Studentenwohnheim das zunächst universitätsinterne Netzwerk „The Facebook“ veröffentlicht hatte, sind legendär. Die Leute hätten sie einfach geschickt, antwortet Zuckerberg auf die Frage, wie er an die Daten gekommen sei, keine Ahnung, warum. „Sie ‚vertrauen mir‘. Schwachköpfe.“

          Natürlich hat sich der Chef des Unternehmens, das durch die aktuelle Vertrauenskrise zwischenzeitig knapp vierzig Milliarden Dollar Marktwert verloren hat, später vielmals für Äußerungen dieser Art entschuldigt. Und natürlich ist die Geste seiner Erklärungen und Beteuerungen, die derzeit auf ein paar erstaunliche Tage des Schweigens folgen, ebenfalls die Entschuldigung, nachdem bekannt geworden ist, dass Firmen wie Cambridge Analytica Daten von Millionen Facebook-Profilen zur politischen Einflussnahme missbraucht haben.

          Inzwischen spricht das Unternehmen selbst von bis zu 87 Millionen Datensätzen, die ein App-Entwickler über eine Umfrage sammeln und dann unrechtmäßig an Cambridge Analytica weiterreichen konnte. Doch das ist nur die eine Seite des Problems: Die russische Internet Research Agency (IRA) habe zudem über Hunderte von Accounts etwa 126 Millionen Facebook- und weiteren zwanzig Millionen Instagram-Nutzern politische Propaganda zuspielen können. Zuckerberg musste am Dienstag zunächst dem Rechts- und Handelsausschuss im amerikanischen Senat Rede und Antwort stehen, an diesem Mittwoch folgt der Ausschuss für Energie und Handel des Abgeordnetenhauses. Bereits am Montag sprach er mit einzelnen Abgeordneten.

          Mit seiner Verpflichtung und seinem Versprechen gescheitert

          „Wir wissen, dass einige Abgeordnete an Wegen arbeiten, die Transparenz von politischer oder themenbezogener Werbung zu erhöhen“, schreibt Zuckerberg in einer auf Mittwoch datierten Stellungnahme. Man freue sich auf die weitere diesbezügliche Zusammenarbeit mit dem Kongress. „Aber wir warten nicht darauf, dass die Gesetzgeber handeln.“ Das hat Facebook tatsächlich noch nie getan. Im Jahr 2017 hat das Unternehmen mehr als 11,5 Millionen Dollar für Lobby-Arbeit ausgegeben. In diesem Jahr dürften die Kosten dafür noch deutlich steigen.

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          Nicht nur vor den Gesetzgebern, sondern auch vor dem Gesetz könnte sich Facebook verantworten müssen: Am Dienstag haben amerikanische und britische Anwälte eine Sammelklage gegen das Unternehmen angekündigt. Neben Facebook und Cambridge Analytica wollen sie auch gegen die Firmen SCL Group und Global Science Research vorgehen. Steve Bannon, Donald Trumps Berater im Wahlkampf, und Aleksandr Kogan, der Entwickler der Quiz-App, bei der schon dreihunderttausend Nutzer ausreichten, um an viele Dutzend Millionen Nutzerdaten zu kommen, werden namentlich genannt. Die Angeklagten hätten das Menschenrecht auf Privatsphäre gewöhnlicher Facebook-Nutzer gebrochen und deren Daten missbraucht, um den demokratischen Prozess zu untergraben, erläutert der Londoner Anwalt Jason McCue in einem Bericht des „Guardian“. Sein amerikanischer Kollege Robert Ruyak ergänzt, Facebook sei mit seiner Verpflichtung und seinem Versprechen gescheitert, die persönlichen Informationen von Millionen von Nutzern zu sichern.

          Facebook als Waffe

          Mit Blick auf die kommenden Wahlen in den Vereinigten Staaten, aber auch in Ländern wie Mexiko, Brasilien, Indien und Pakistan im nächsten Jahr verspricht Zuckerberg in seiner Stellungnahme nicht nur entschlossenes und zügiges Handeln, sondern auch, sein Unternehmen für einen Wettlauf mit Propaganda-Agenturen wie der IRA zu rüsten.

          Für die kalifornische Kongressabgeordnete Anna Eshoo aus dem Silicon Valley wirft der Missbrauch des sozialen Netzwerks zu Propagandazwecken auch eine moralische Frage auf: Facebook sei „zur Waffe gemacht“ worden, „um unserer Demokratie zu schaden“, sagte sie der „San Jose Mercury News“. Ein amerikanisches Unternehmen habe eine Verantwortung gegenüber Amerika.

          Was man so offen nennt

          Das Ausmaß seiner Verantwortung habe Facebook nicht erkannt, gesteht Zuckerberg in seiner Stellungnahme ein: „Es war mein Fehler, und es tut mir leid.“ Er müsse eine bessere Antwort haben, kontert der demokratische Senator Richard Blumenthal aus Connecticut im „Wall Street Journal“: Zuckerberg habe „nicht einfach Milch auf den Frühstückstisch verschüttet“, das grundsätzliche Problem sei das Geschäftsmodell von Facebook.

          Ein grundsätzliches Problem, aber eben auch der Kern von Facebooks Geschäftsmodell ist die bewusste Doppeldeutigkeit, mit der das Unternehmen den Begriff Privatsphäre gebraucht: Bei allen Versicherungen wie „Ihr kontrolliert, wie eure Informationen geteilt werden“ ist lediglich der Umgang mit den Posts gemeint, also deren Sichtbarkeit für andere Nutzer. Wie Facebook mit all den anderen Daten verfährt, mit dem Wissen darüber, welche Art Inhalte bei welchem Nutzer besonders beliebt ist, innerhalb des sozialen Netzwerks wie auch auf allen Seiten, die ein Log-In über Facebook oder auch nur die Möglichkeit anbieten, das hier gefundene unkompliziert auf Facebook zu veröffentlichen, bleibt von diesen nur begrenzt beruhigenden Worten unberührt. Dass Facebook offenbar die Kontrolle darüber verloren hat, wer sonst noch Zugriff auf diese Daten und dieses Wissen hat, steigert die Unruhe zum aktuellen Entsetzen.

          Eine Mission, die ihm wirklich am Herzen liege, so hat Mark Zuckerberg einmal gesagt, sei es, die Welt offener zu machen. Tatsächlich hat er sie sturmreif gemacht.

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