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„Facebook Research“-Kommentar : Kinderfänger

Zugang gegen Taschengeld: Mark Zuckerbergs Facebook will mit einer eigenen App seinen Hunger an Daten junger Nutzer stillen. Bild: AFP

Mit einer App lässt sich Facebook von jungen Leuten umfassenden Datenzugriff auf dem Smartphone geben – und zahlt dafür ein Taschengeld. Was wohl ein KI-Ethik-Institut dazu sagen würde? Und was Apple?

          Der Apple-Chef Tim Cook drückte es im vergangenen Oktober in Brüssel so aus: Unsere eigenen Informationen, vom Alltäglichen bis zum sehr Persönlichen, würden „mit militärischer Effizienz gegen uns gewendet“. Er bezog sich damit selbstverständlich nicht auf sein eigenes Unternehmen, sondern auf – Datenkonzerne wie Facebook. Mit welcher Perfidie dort auch Informationen über Menschen gesammelt werden, wo sie nicht ohnehin durch weitreichende Nutzungsbedingungen zugänglich sind, zeigt jetzt eine Recherche des Online-Magazins „Techcrunch“: Unter dem Namen von Firmen, die neue Anwendungen erproben, werden junge Nutzer bei Instagram und Snapchat aufgefordert, eine „Facebook Research“-App herunterzuladen. Tun sie dies, winken ihnen bis zu zwanzig Dollar im Monat. Erst das Formular, das bei Minderjährigen für die elterliche Zustimmung vorgesehen ist, zeigt, wer hinter der Sache steckt: Facebook.

          Mit der Aufbesserung des Taschengelds lockt der Konzern Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene seit dem Jahr 2016, er erhält dafür nichts weniger als den Zugriff auf die privatesten Smartphone-Daten der Nutzer: Direktnachrichten aus den Social-Media-Apps, Messenger-Chats, verschickte Fotos und Videos, E-Mails, Suchen und Bewegungen im Internet, selbst Aufenthaltsdaten.

          Was würde wohl das „Institut für Ethik in der Künstlichen Intelligenz“ zu einem solchen Vorgehen sagen, das, wie unlängst verkündet, mit einer Startfinanzierung von 6,5 Millionen Euro an der Technischen Universität München angesiedelt wird? Das Geld kommt von Facebook, das Institut soll, so die Beteuerung, völlig unabhängig sein. Facebook hat „Techcrunch“ nach der Enthüllung umgehend wissen lassen, dass es die iOS-Version seiner „Research“-App (also die, die auf dem iPhone von Apple läuft) jetzt abschalten werde. Von der Version, die auf dem Google-Betriebssystem Android installiert ist, kein Wort.

          Mark Zuckerberg scheint vermeiden zu wollen, dass Apple-Chef Tim Cook ihm nicht nur „militärische Effizienz“ unterstellt, sondern den Krisenfall zwischen den beiden Unternehmen ausruft. Schließlich hat Facebook seine „Research“-App als Entwickler-App verbreitet, auf einem Weg, den Apple Unternehmen eigentlich nur zu Testzwecken anbietet, ohne den Umweg über den App-Store. Dessen Datenschutzvorgaben hätte Facebooks App auch nicht erfüllt. Ein Apple-Sprecher nennt diesen Trick, wie der „Guardian“ berichtet, folgerichtig einen „klaren Bruch der Vereinbarungen“ mit seinem Unternehmen: „Jedem Entwickler, der sein Unternehmenszertifikat nutzt, um Apps Nutzern direkt zugänglich zu machen, wird das Zertifikat entzogen. Das haben wir in diesem Fall gemacht, um unsere Nutzer und ihre Daten zu schützen.“

          An der Totalüberwachung von Jugendlichen und Kindern an sich scheint der Sozialnetzwerkkonzern nichts ändern zu wollen, von Unrechtsbewusstsein keine Spur. Er weist lediglich laut „Guardian“ darauf hin, dass „weniger als fünf Prozent der Leute, die sich zur Teilnahme an diesem Marktforschungsprogramm entschieden haben, Teenager waren“ – alle mit elterlichem Einverständnis. „Trust ,Facebook, Inc. (In-House)‘“ heißt die Aufforderung im Smartphone-Menü, mit der sich der Nutzer für ein paar Dollar mehr dem Konzern preisgibt. Dabei ist Vertrauen das letzte, was man Facebook entgegenbringen sollte.

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