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Fridtjof Küchemann, Redakteur im Feuilleton

Facebook bewertet seine Nutzer : Glaubwürdigkeit zwischen Eins und Null

Auch andersherum im Einsatz: Facebooks Wahrzeichen im französischen Hauptquartier in Paris Bild: Reuters

Facebook misst seinen Nutzern einen Glaubwürdigkeitswert zu. Die Nachricht kommt kaum überraschend, ist zur Beruhigung vor den kommenden Wahlen gemeint – und hat doch etwas Beunruhigendes.

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          Die Kreditwürdigkeit von Menschen wird in Online-Profilen gespeichert, ihre Zahlungsfähigkeit, ihre politischen, sozialen und kulturellen Präferenzen, ihre Bewegungen im Netz und in der wirklichen Welt, ihre Kontakte, ihr Blutdruck, ihr Beziehungsstatus: Warum also wirkt ausgerechnet die Neuigkeit, dass Facebook seinen Nutzern jetzt Glaubwürdigkeitswerte („trustworthiness score“) zuweist, so unangenehm? Überraschen kann sie keineswegs. Schließlich wirkt dieser Score auch nur wie ein weiteres all dieser Puzzle-Teile, aus denen das weltweit größte soziale Netzwerk die Profile seiner Nutzer zusammensetzt: wie ein Stein, ohne den das Gesamtbild zwangsläufig unvollständig wirkt. Zudem war diese Neuigkeit dazu gedacht, das Vertrauen in den Konzern aus Menlo Park eher zu steigern statt zu schwächen.

          Groß ist die Angst von Facebook, weiterhin als Instrument der politischen Manipulation genutzt und gesehen zu werden, zumal vor den kommenden Wahlen zur Hälfte der Amtszeit Donald Trumps am 6. November. Schon im Januar 2015 hat das Unternehmen seinen Nutzern ermöglicht, Beiträge anderer als irreführenden Scherz oder Falschmeldung zu denunzieren. Jetzt muss das Unternehmen einer Fülle von Anschwärzungen Herr werden, obwohl die beanstandeten Beiträge oft genug lediglich nicht ins Weltbild des Nutzers passen, der sie meldet. Die Wahrheit mag ja auch bei Facebook im Auge des Betrachters liegen, aber der Missbrauch dieses Bezichtigungswerkzeugs hat die hiermit Beschäftigten offenbar viel Zeit, das Unternehmen also Geld gekostet.

          Jetzt hat Tessa Lyons, als Produktmanagerin bei Facebook für den Umgang mit Falschinformation zuständig, der „Washington Post“ bestätigt, dass zu den Maßnahmen des Konzerns im Kampf gegen die Verbreitung von Fake News auch gehöre, Nutzern auf einer Skala zwischen Null und Eins einen entsprechenden Wert zuzuweisen. Wer ungerechtfertigt anschwärzt, dessen Glaubwürdigkeitswert sinkt - und mit ihm die Reichweite der Aktivitäten dieses Nutzers. Ob nur bestimmte Nutzergruppen in bestimmten Ländern auf diese Weise bewertet werden und welche anderen Merkmale in diese Bewertung einfließen, wollte sie nicht sagen. Zu groß ist die Angst davor, findige Informationsverfälscher könnten herausbekommen, wie der eigene Wert Richtung Bestmarke zu steigern sei.

          Was also ist so unangenehm an dieser Neuigkeit aus dem Hause Facebook? Vielleicht nicht viel mehr als die Erinnerung daran, dass hier ein Gigant mit Zuweisungen unserer höchsten sozialen Güter hantiert, dem man diese Eigenschaften umgekehrt absprechen muss: Glaub- und Vertrauenswürdigkeit.

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