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Digitalkonzerne unter Druck : Propaganda 4.0

Hillary Clinton als Teure in Menschengestalt gegen Jesus: So sah eine der Anzeigen im Netz aus, die nun vor dem amerikanischen Senat und von der Demokratischen Partei präsentiert wurden. Bild: Democrats

Vor dem amerikanischen Senat müssen Facebook, Google und Twitter über mutmaßlich russische Informationsattacken Auskunft geben. Sie äußern sich denkbar vage. Die inkriminierten Anzeigen indes sind eindeutig. Ein Kommentar.

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          Man fragt sich, ob die Chefs der weltumspannenden Digitalkonzerne jemals – wenigstens für sich selbst insgeheim – eine Soll-und-Haben-Rechnung aufmachen, die festhält, wie viele Versprechen sie zur vermeintlichen Rettung der Menschheit durch ihre phantastischen Online-Dienste abgeben und was sie davon tatsächlich halten beziehungsweise wie oft und wie lange und wie gewinnbringend sie das Gegenteil dessen tun, was sie verkünden.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Schaut man sich zum Beispiel an, mit welch gespielter Überraschung und Empörung jetzt – ein Jahr nach der amerikanischen Präsidentenwahl – Facebook, Google und Twitter in einer Anhörung vor dem Senat offengelegt haben, in welch massiver Weise russische Quellen auf die Informationsgebung im vergangenen Wahlkampf Einfluss genommen haben, fragt man sich, auf welchem Planeten sich die Konzernchefs und ihre Cybersicherheitsleute bis dato herumgetrieben haben.

          126 Millionen amerikanische Facebook-Nutzer sollen zwischen 2015 und 2017 mit Propaganda aus verdeckten russischen Quellen eingedeckt worden sein. 1100 Videos auf achtzehn Kanälen bei der Google-Tochter Youtube sollen zu der russischen Kampagne gehört haben, bei Twitter gab es 36746 Konten, von denen rund 1,4 Millionen automatisierte Tweets zur Wahl abgesetzt wurden – mutmaßlich verfasst und versendet von der „Internet Research Agency“ in St. Petersburg, einer ersten Adresse für verdeckte Online-Operationen.

          Wie die im einzelnen aussahen, haben Mitglieder des amerikanischen Senats anlässlich der Anhörung von Vertretern von Facebook, Google und Twitter jetzt öffentlich gemacht. Wieso die Anzeigen bei Facebook und Twitter beziehungsweise ihre mutmaßlich russische Urheberschaft erst in diesem Jahr entdeckt wurden, darauf blieben, wie Mitglieder des amerikanischen Senats berichteten, die Vertreter der Digitalkonzerne die Antwort schuldig. Die Machart und Stoßrichtung der inkriminierten Botschaften indes ist eindeutig: Es geht stets darum, Gegensätze zu schürten und Menschen gegeneinander aufzuhetzen - Schwarze und Weiße, Einheimische und Zuwanderer, Angehörige unterschiedlicher religiösen Gruppen.

          Satan gegen Jesus, Teil zwei. Bilderstrecke

          Angesichts der Anzeigen hören wir jetzt die Anwälte von Facebook und anderen sagen, das sei ein Angriff auf die Demokratie und ganz und gar „verwerflich“. Man sei „tief besorgt“ über die mutmaßliche Einflussnahme aus dem Ausland. Wie diese bei Donald Trumps Wahlkampftruppe ausgesehen haben könnte, nimmt zurzeit der Sonderermittler Robert Mueller unter die Lupe.

          Facebook, Google und Twitter aber täten gut daran, sich selbst zu prüfen und ihre Sicherheitsstandards hochzuschrauben. Sie sollten endlich anfangen, die Standards, von denen sie immerfort reden, mit denen sie für eine offene, transparente Debatte sorgen wollen, gegen sich selbst gelten zu lassen. Wieso fällt die Propaganda-Kaskade erst jetzt auf? Beziehungsweise: Warum rücken die Konzerne erst jetzt damit raus, da sie von der Politik gezwungen sind, sich zu offenbaren? Die nächsten Liebesgrüße aus Moskau kommen bestimmt.

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