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Zukunft des Theaters : Was dem Begreifen widerstrebt

  • -Aktualisiert am

Für ein Theater der Begegnungen: Fabian Hinrichs in der Uraufführung von „Kill Your Darlings!“ von René Pollesch an der Berliner Volksbühne, 2012 . Bild: Thomas Aurin

Der Schauspieler ist kein Bote, das Theater ist kein „co-working space“. Wie wird es lebendig und politisch? Ein Zwischenruf zum Berliner Theatertreffen.

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          Arnold Schönberg, dieser große kompromisslose Totengräber der Tonalität, unterschätzt, unterbezahlt, unverstanden, sorgte sehr oft auch außerhalb des Konzertsaals für Dissonanz – oder gab einer inneren Unstimmigkeit oft so scharf atonalen Ausdruck, dass sich jegliche Harmonie zwischen Menschen sofort unter den Resonanzboden des nächsten Flügels verkriechen musste. Nicht unbedingt mit seinem Ausspruch „Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen“, sondern eher durch eine kalte Erledigung wie die folgende: Als einst einer seiner Schüler in einer Debatte ausrief „Das kann ich beweisen!“ wies Schönberg ihn zurecht: „In der Kunst kann man gar nichts beweisen.“ Dann, nach einer ganzen oder halben Pause: „Und wenn doch – dann nicht Sie!“ Pause. „Und wenn Sie – dann nicht mir.“

          Was hat er mit dieser Kette an einschüchternden Imperativen wohl gemeint? Und was könnte das alles mit gegenwärtigen Theateraufführungen oder Schauspielerei zu tun haben? Hier mein zugegebenermaßen melancholischer  und auch egozentrischer Versuch einer Antwort . Zunächst ein Bild, wie Florian Henckel von Donnersmarck es in einem Biopicture verwendet hätte, ein Bild, das es so natürlich nie wirklich gegeben hat, aber wenn es stimmt, dass jeder Gründungsmythos seine Heiligenbilder braucht, dann braucht auch der Rationalismus mitsamt Aufklärung, Universität und Dramaturgentheater mindestens eines. Also: Ulm, im Jahr 1619, es ist die Nacht vom 10. auf den 11. November. René Descartes ist eine Art Zeitsoldat, glücklicherweise ohne Alkoholproblem, denn Ulm hatte, wie heute auch, mehr Kneipen als München oder Frankfurt. Er kämpft in Diensten der Katholischen Liga von Maximilian I. von Bayern, die Schlachtfelder aber sind im November bereits zu schlammig, selbst gegen unterlegene böhmische Protestanten führt man im aufkommenden Winter keinen Krieg. Descartes liegt auf diesem ikonischen, aber nie gemalten Bild in seinem Zimmer, der Kamin ist noch warm, es gibt nicht viel zu tun, aber viel Zeit zum Nachdenken. Er denkt an dies und das, da fallen ihm langsam die Augen zu. René Descartes wird nun drei Träume träumen, so will es die Überlieferung. Und diese drei Träume werden die Stammeltern der bis heute zerstrittenen Adelsfamilien Subjekt und Objekt samt ihrer sich streng meidenden Verwandten Erfahrung und Wahrnehmung, Inhalt und Ausdruck, Leiblichkeit und Humanismus und ihres neurotischsten jüngsten Sprosses, des Beobachters, der sich selbst beim Beobachten beobachtet (der von Niklas Luhmann so getaufte „Beobachter zweiter Ordnung“).

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