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Exzellensinitiative : Die Lebenslügen der Universität

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Was soll eigentlich alles erforscht werden?

Es wird niemand den Kommissionen der Exzellenzinitiative vorwerfen können, dass in der ersten Runde Unwürdige zum Zug kamen. Entscheidend für die zweite Runde ist, dass die durch den Wettbewerb entstandene Bewegung nicht erlahmt. Wer je den Dünkel zweitklassiger Oxbridge-Absolventen erlebt hat, wird Wert darauf legen, dass es keine „gesetzten“ Hochschulen gibt. In einem Forschung und Lehre umfassenden Qualitätsspektrum muss es Auf- und Absteiger geben.

Und: Gibt es überhaupt genug Forschung für mehr als fünfzig deutsche Universitäten und noch viel mehr Fachhochschulen? Soll oder besser kann die Forschung im gleichen Maße wachsen wie die Studentenzahlen? Es wird aus guten Gründen verlangt, dass etwa vierzig Prozent eines Jahrgangs eine Hochschulausbildung erhalten. Wenn das Betreuungsverhältnis nicht noch schlechter werden soll, müssten mehr Hochschullehrer angestellt werden. Nun wächst die Forschung, wie immer man das messen möchte, sicher nicht im gleichen Umfang wie die Zahl der Forscher. Da gibt es sicher auf der Seite des Potentials zu guter Forschung noch Reserven: Frauen, Ausländer. Aber was soll eigentlich alles erforscht werden?

Akademische Qualität statt gesellschaftliche Wunschvorstellung

Vor einer Klage um mangelhafte finanzielle Ausstattung sollte sich jeder Wissenschaftler einmal fragen, welche Durchbrüche er denn mit mehr Geld hätte erreichen können. Die Freiheit der Forschung ist nicht nur ein Grundrecht, sondern auch ein Privileg, das mit Leistungen verdient werden muss. Neben der Forschung decken die Natur- und Ingenieurwissenschaften mit der Medizin den Bedarf an nützlicher Entwicklung ab. Andere Bereiche können das weniger für sich in Anspruch nehmen. Aber es geht nicht etwa um einen Gegensatz zwischen diesen Wissenschaften einerseits und den Geisteswissenschaften andererseits, sondern um ein dazu quer liegendes Spannungsfeld zwischen harten und weichen Wissenschaften.

In harten Wissenschaften wie Mathematik oder Sinologie muss man Jahre lernen und arbeiten, um mitreden zu können. In weichen Wissenschaften glauben zu viele, es gehe auch schneller. Die Folge ist eine inflationäre Aufblähung bis hin zur Erfindung von Pseudowissenschaften wie Evaluationsforschung. In einer Forschung über Forschung werden Schleifen angelegt, die sich beliebig oft selbst aufrufen lassen. Da gibt es etwa im Rahmen von EU-Programmen Drittmittel für „Vorschläge für Initiativen zur Verbesserung des Wissensstandes über den europäischen Integrationsprozess“! Eine exzellente Hochschule wird sich auch daran messen lassen müssen, welche Fächer und Forschungen nicht an ihr vertreten sind.

In den letzten Jahrzehnten wurden den Hochschulen Ziele vorgegeben, die eher an gesellschaftlichen Wunschvorstellungen als an akademischer Qualität orientiert waren. Das führte zu Strukturen, die nicht belastbar waren. Die Exzellenzinitiative kann der Gleichmacherei, wie Promotionsrecht für Fachhochschulen einerseits, Berufsschulstudiengänge mit dem Mantel eines Bachelors an Universitäten andererseits, ein Ende setzen. Aber dazu müssen die Wissenschaftler selbst akzeptieren, dass Differenzierung wünschenswert ist. Dann kann es für diejenigen, die nicht optimal punkten, neue Freiheiten geben. Denn was wäre man lieber: Ein schlechtbezahlter, mit Lehrroutine überlasteter Lecturer an einer Exzellenzuniversität oder respektabler Professor an einer Hochschule der zweiten Linie?

Wie viel Spitzenkräfte kann es geben?

Am 12. Januar beginnt die zweite Runde im universitären Exzellenz-Wettbewerb. In Bonn geben Wissenschaftsrat und Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bekannt, welchen der eingereichten gut dreihundert Projektskizzen sie eine Chance einräumen, welchen Hochschulen also empfohlen wird, Anträge einzureichen. Aber gibt es überhaupt genug Forschung für mehr als fünfzig deutsche Universitäten? Kann die Forschung so wachsen wie die Zahl der Studenten? Und sind die Hochschulen wirklich autonom genug, um exzellent zu sein?

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