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Exzellensinitiative : Die Lebenslügen der Universität

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Die Konflikte sind programmiert. Die Ebene, auf der Interessen formuliert und vertreten werden, wird unzulässig vermischt mit der Ebene, auf der zwischen diesen Interessen abgewogen wird und Prioritäten gesetzt werden. Wenn ein Dekan die Anliegen seines Faches vertritt, sollte das nicht als bloßer Partikularismus abgewertet werden. Man darf die Dekane nicht überfordern, niemand kann Anwalt und Richter in der gleichen Angelegenheit sein. Zur Kontrolle der Fachvertreter schicken die starken Rektoren der befreiten Hochschulen Senatsberichterstatter in die Berufungskommissionen. Dabei handelt es sich nicht etwa um Vertreter von Nachbarfächern, deren Rat in interdisziplinären Gebieten willkommen ist, sondern um völlig fachfremde oder am Fach uninteressierte Aufpasser. Da sitzt ein Ingenieur in einer Berufungskommission für Anglistik, ein Jurist in einer für Theoretische Physik. Viele sind verständig und tun das Beste, nämlich nichts. Andere können zwar die Qualifikation der Bewerber nicht beurteilen, fühlen sich aber um so kompetenter für Struktur- und Grundsatzprobleme.

Dabei muss sich erst noch zeigen, wie stark die Hochschulleitungen wirklich sein werden. An der autonomen Hochschule geht mehr Macht mit mehr Verantwortung einher. Das beliebte Spiel, guter Onkel Rektor mit Geschenken und strenge, knauserige Tante Ministerium, wird nicht mehr so einfach funktionieren. Wem sind die starken Hochschulleitungen verantwortlich? Vorgeschlagen oder sogar gewählt werden sie vom Hochschulrat, der wiederum wird bestellt auf Vorschlag der Hochschulleitung. Im Gewirr solcher Verflechtungen lassen sich Konflikte nicht lösen.

Strategie muss belohnt, Taktieren bestraft werden

Was bleibt von den langfristigen Strukturplänen, die keine Gnade vor den Augen der Gutachter der Exzellenzinitiative gefunden haben? Eine selbstbewusste Hochschule wird in der nächsten Runde ihre durchdachten Pläne weiterentwickeln. Aber oft, wenn nicht meistens, wird man taktisch motivierten Verführungen erliegen. In der ersten Runde kamen Nano-, Bio-, Photo-Anträge gut zum Zug. Kann man da noch einsteigen, oder sind diese Boote schon voll?

Leider lädt die DFG unfreiwillig zu allerlei Spielchen ein. So kann man in interdisziplinären Anträgen die gewünschte Frauenquote durch sachlich nicht gebotene Erweiterungen am diffusen Rand erfüllen. Auch in solcher Hinsicht werden die Gutachter in den nächsten Runden zunehmend gefordert, Strategie zu belohnen und bloße Taktik zu bestrafen.

So fördern die wenig Mutigen die Mittelmäßigen

Die angestrebte Interdisziplinarität geht oft einher mit immer detaillierteren Beschreibungen der gewünschten Tätigkeitsfelder in den Stellenausschreibungen für Hochschullehrer, was Fragen nach der langfristigen Tragfähigkeit aufwirft. Überdies ist der Bewerbermarkt in Modegebieten schnell leergefegt. Umgekehrt kommt es vor, dass es für eine Stelle mehrere ausgezeichnete Bewerber gibt, die man allesamt berufen könnte. Ob die autonome Universität einmal den Mut hat, auf diese Weise einen Schwerpunkt zu bilden?

Indikatoren wie Zahl der Veröffentlichungen, Höhe der eingeworbenen Drittmittel und dergleichen mögen bei der Stellenbesetzung hilfreich sein, aber es ist eine Illusion, Qualität nach rein objektiven Kriterien entscheiden zu können. Auf diese Weise fördern eher die wenig Mutigen die Mittelmäßigen. Als Physiker, dem bei öffentlichen Vorträgen immer wieder gesagt wird: „Bloß keine Formeln“, wundert einen die Lust der Funktionäre an Formeln zur Mittel- und Stellenvergabe. Da maßt man sich Exaktheit an und dreht in Wirklichkeit willkürlich an Stellschrauben.

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