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Explosive Nachbarschaft : Verhinderung einer islamischen Privatschule

Es sollte ein islamisches Elitegymnasium für bis zu siebenhundert Schüler werden. Doch kurz vor der Fertigstellung wurde in der französischen Öffentlichkeit Widerstand wach. Jetzt hat die Schulbehörde einen negativen Entscheid gefällt - aus Sicherheitsgründen.

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          Es sollte ein islamisches Elitegymnasium mit Abitur werden und sechs- bis siebenhundert Schüler aufnehmen. Für den kommenden Montag war die Aufnahme des Betriebs in der Lyoner Vorortgemeinde Decines geplant, rechtzeitig zum Ende der Sommerferien. „Wir gehen davon aus, daß neunundneunzig Prozent unserer zukünftigen Schüler von Beruf Muslim sein werden“, erklärte der Schulleiter, Hakim Chergui. Wenige Tage vor dem Beginn des Schuljahres hat der für die Region zuständige Rektor der Akademie Lyon - nicht ohne Absprache mit dem Pariser Ministerium - sein Veto eingelegt. Aus Sicherheitsgründen.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Islamische Grundschulen gibt es in Frankreich schon einige. Das bisher einzige Gymnasium wurde 2003 in Lille eröffnet. Es wird von der Moschee betrieben und unterrichtet weniger als hundert Schüler. Das Verbot des Kopftuchs in den öffentlichen, dem Laizismus verpflichteten Schulen hatte viele Muslime in einen Gewissenskonflikt gestürzt und das bereits gespannte Klima zusätzlich vergiftet. Doch die befürchtete Gründungswelle muslimischer Privatschulen war ausgeblieben. Auch der Zulauf für die wenigen existierenden Institute hielt sich in Grenzen.

          Eröffnung der Schule im Keller der Moschee

          Das nach dem mittelalterlichen irakischen Philosophen Al Kindi benannte „Lycee islamique“ in Lyon hat ebenfalls schon während der Planungsphase seine Ansprüche reduzieren müssen. Das Geld für den Ankauf eines nicht mehr benutzten Industriegeländes in Decines wurde von den Gläubigen in den Moscheen zusammengetrommelt. 700.000 Euro standen zur Verfügung. Der Bau begann, doch die Bewilligungen ließen auf sich warten. Die Räume seien zu klein, es gebe nicht genügend Toiletten, monierten die Behörden. Eine Zeitlang wurde das Projekt auf Eis gelegt und dafür die Eröffnung einer Schule im Keller der Moschee in Erwägung gezogen.

          Vor wenigen Monaten konnten die Bauarbeiten auf dem Industriegelände wiederaufgenommen werden - für einen Komplex, der zweihundert Gymnasiasten und zwei Dutzend Lehrer aufnehmen kann. Alles wurde rechtzeitig fertig, die Klassenzimmer sind bereit und mit neuen Computern ausgerüstet. Der Bürgermeister gab seinen Segen, eine Sicherheitskommission machte keinerlei Bedenken geltend. Doch in der Öffentlichkeit regte sich Widerstand. Es wurden alte Gutachten ausgegraben, neue Expertisen in Auftrag gegeben. Das Erdreich scheint in der Tat verseucht zu sein. Und ganz in der Nähe gibt es ein sehr schlecht geschütztes Gaswerk, das im Falle einer Revolte - wie im vergangenen November - leicht explodieren könnte. Ende August hat die Schulbehörde ihren negativen Entscheid gefällt.

          Muslime fühlen sich diskriminiert

          Damit ist das letzte Wort nicht gesprochen. Aber aller Voraussicht nach wird die Schule nicht eröffnet werden können. Die aufgenommenen Schüler hatten eine strenge Prüfung ablegen müssen. Hunderte von Kandidaten wurden abgewiesen. Neben dem Pflichtstoff für das französische Abitur sind Fächer wie Chinesisch, Türkisch, Arabisch angesagt. Wichtiger noch als die konfessionelle Ausrichtung, verkündeten die Verantwortlichen, sei der elitäre Anspruch. „Die Politiker müssen wissen, daß sie die Entwicklung der islamischen Gemeinschaft nicht mehr lange mit ihrer kolonialistischen Gesinnung blockieren können“, protestiert ein Musiker, der seine Töchter mit dem Schleier in die Schule in Decines schicken wollte.

          „Die muslimische Gemeinschaft fühlt sich diskriminiert“, sagen die Verantwortlichen der wichtigsten islamischen Institutionen, die im Dachverband des „Lycee islamique“ vertreten sind: „Die Juden und die Katholiken haben ihre Privatschulen. Es ist nur normal, daß auch wir unsere Institute eröffnen können.“ Diese Auffassung teilen die meisten Politiker. Gerade ist ein Bericht des innenpolitischen Geheimdienstes „Renseignements Generaux“ publik geworden. Darin ist von weiteren möglichen Schulgründungen die Rede. Doch die Nachfrage halte sich in Grenzen, berichten die Agenten der Regierung, und das Geld fehle. Als Problem sehen sie die Schwierigkeit, die Vermittlung des obligatorischen Lehrstoffs zu überwachen. Und sie stellen die Frage, wie sich der Staat verhalten werde, wenn islamische Schulen Subventionen verlangten.

          „Koranische Internate“

          Nur - für diese Probleme gibt es politische Lösungen und Erklärungen. Der Rapport der „Renseignements Generaux“ hält denn auch legale islamische Schulen für das kleinere Übel. Zwar verstärken sie zusätzlich die Fragmentierung der Gesellschaft in ihre mehr oder weniger radikalen Minderheiten. Doch viel gefährlicher sind die Geheimschulen. Radikale Islamisten gehen sehr weit, um ihre Kinder dem westlichen Einfluß und der Aufklärung in der republikanischen Schule zu entziehen.

          Türkische Fundamentalisten betreiben in Frankreich „koranische Internate“ - eines wurde kürzlich in Straßburg ausgehoben. Von Krippen, Kindergärten und Kellerschulen islamischer Sekten ist die Rede. Aus dem Innenministerium kommen beängstigende Bestätigungen: „Rund 50.000 Kinder werden außerhalb der Schule in arabischer Sprache und islamischer Religion unterrichtet. Wo und wie das geschieht, ist uns praktisch unbekannt.“ Auch den offiziellen islamischen Instanzen, die noch immer hoffen, in Lyon ihre Eliteschule „Al Kindi“ eröffnen zu können, ist dieser obskure Eifer unheimlich. Angehörige anderer Religionen, schwören sie, seien bei ihnen als Schüler durchaus willkommen.

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