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Ex-Geheimagent Werner Mauss : Der Mann der Namen

Wird 80 Jahre alt: der ehemalige Spion Werner Mauss Bild: dpa

In seinem Beruf umgab er sich regelmäßig mit den gefährlichsten Menschen der Welt: Werner Mauss arbeitete seit den sechziger Jahren als Spion und nahm dabei zahllose Identitäten an. Zu seinem 80. Geburtstag.

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          Im Januar 2016 stellten grüne Bundestagsabgeordnete eine kleine Anfrage an die Bundesregierung. Nicht die erste dieser Art, es ging, mal wieder, um den freischaffenden Spion Werner Mauss: eine Figur, welche die Vorstellungskraft der deutschen Öffentlichkeit seit Jahrzehnten schon beschäftigt hatte, ein Pferdewirt und Staubsaugervertreter, der auf Detektiv umschulte und im Auftrag der Behörden, mit Draht in Kohls Kanzleramt, in Kolumbien und im Libanon Geiseln befreite, einen RAF-Terroristen stellte, der Dioxinfässer und den gestohlenen Kölner Domschatz fand.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und der sich bei seinen Einsätzen hinter Tarnidentitäten versteckte: Mehr als dreißig sollen es sein. Als gesichert gilt „Claus Möllner“, aber da gibt es auch einen „Richard Nelson“ und einen „Dieter Koch“. Weswegen sich die Grünen, weil Mauss auch in den „Panama-Papers“ globaler Steuerhinterziehung aufgetaucht war, grundsätzlich bei der deutschen Regierung erkundigen wollten, unter welchen Namen dieser Mann seit den sechziger Jahren und bis heute tätig gewesen sei.

          Mauss steht unter besonderem Schutz

          Und die antwortete, dass man das eben nicht beantworten könne: einmal wegen des Vertrauensschutzes, der Mauss gewährt worden sei, und dann, weil es „Rückschlüsse auf andere, von ihm getätigte Einsätze“ zuließe und „Racheaktionen seiner damaligen Kontaktpersonen“ nicht ausgeschlossen werden könnten, „was zu einer unmittelbaren Gefährdung für Leib, Leben und Freiheit des Werner Mauss und seiner Angehörigen durch das Umfeld, in dem er sich damals bewegte, führen könnte“. Denn Mauss „bewegte sich als Vertrauensperson in verbrecherischen und terroristischen Umfeldern, deren Angehörige sich durch einen hohen Grad an (...) Aggressions- und Gewaltpotential auszeichnen“.

          Der Schauder solcher Sätze erklärt sich von selbst, weil sie das, was man sich ausmalt über Spione, im Amtsdeutsch beglaubigen. Er wird sogar noch etwas schöner, weil den Hintergrund dieser ausgemalten Bilder (Ferraris, Frauen, Flugschein, Südamerika) die bundesrepublikanische Provinz bildet. Mauss hat sich ein Privatreich im Hunsrück gebaut, mit Pferden und Türmchen.

          Ein Meister der Täuschung

          Am heutigen Dienstag wird Werner Mauss achtzig Jahre alt. Wie alt Claus Möllner, Richard Nelson und Dieter Koch werden, spielt insofern keine Rolle, da es diese Herren gar nicht gibt. Dennoch sind sie real geworden, nicht nur als Tarnung für Spionage, sondern auch, so sieht es die Staatsanwaltschaft Bochum, für ein Geflecht von Nummernkonten, Lebensversicherungen und Stiftungen, das Mauss & Co. über die Jahre aufgebaut haben sollen. Der Steuerschaden wird auf dreizehn Millionen Euro beziffert. Seit Oktober wird das Verfahren gegen Mauss wieder aufgerollt; das erste Urteil, zwei Jahre auf Bewährung, hatte der Bundesgerichtshof aufgehoben.

          Für einen Spion dürfte ein Auftritt vor Gericht wohl das Allerletzte sein. Mauss, von dem jahrelang immer nur das gleiche Foto im Umlauf war, nutzt ihn aber offenbar, um sein Lebenswerk als Verteidigungsstrategie zu zelebrieren. Beschwört als Geldquelle einen Geheimfonds mehrerer westlicher Staaten, die ihn ausstatten wollten im Kampf für den Weltfrieden. Beruft illustre Zeugen, die ihn dann aber doch nicht entlasten. Behauptet, das Geld habe ihn auch in die Lage versetzt, Papst Benedikt vor einem Giftanschlag zu retten, was der Vatikan als „Phantasie“ bezeichnete. Man sollte sich aber nicht täuschen lassen, weder von den Tarnungen als Tarnung noch vom Reiz des exzentrischen Auftritts: Dass Werner Mauss seine vielen Rollen im Auftrag von Behörden gespielt hat, steht schwarz auf weiß.

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