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Evolutionstheorie : Der autistische Messias

Armer Kerl oder Übermensch? Schüler mit Asperger-Syndrom
          6 Min.

          Leben Sie gern allein? Mißlingt Ihnen fast immer die Herstellung von Blickkontakt, wenn Sie mit jemandem reden? Haben sie fixe Gewohnheiten und Vorlieben, die Sie bis zur Verbohrtheit verteidigen, wenn etwas Überraschendes Sie bedroht? Wirken Sie oft unterkühlt und desinteressiert? Haben Sie Schwierigkeiten damit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen? Beschäftigen Sie sich am liebsten mit Ihren Obsessionen, und sind diese knifflig, abseitig oder bizarr?

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Wenn Sie auf alle diese Fragen mit „ja“ antworten können, dann sind Sie vielleicht das, wovon philosophisch inspirierte Menschenzüchter von Friedrich Nietzsche bis Peter Sloterdijk geträumt haben: die Verkörperung der nächsten Stufe der Humanevolution. Das behauptet jedenfalls Herr Gary Westfahl aus Claremont, Kalifornien. Der Mann ist weder Genetiker noch Anthropologe, sondern Literaturwissenschaftler, der aufgrund seiner Mitarbeit bei Zeitschriften wie „Interzone“ und „Foundation“ sowie mehrerer Buchveröffentlichungen in der Welt der Science-fiction und Futurologie einen guten Namen hat. Diesem Mann sind laut einem Aufsatz, den er im Netz publiziert hat (siehe: Gary Westfahls Artikel), zwei interessante Tatbestände aufgefallen, die vor ihm zwar mancher bemerkt, aber noch niemand zusammengedacht hat - ein sozialer und ein philologischer.

          Das „Asperger-Syndrom“ als Evolutionsschritt

          Der soziale ist oft beschrieben worden, von Heideggers Klage über das „man“ bis zu den medieonökologischen Betrachtungen des George Steiner. Er hat mit dem Grad der gesellschaftlichen Homogenisieriung und Konformität zu tun, der in den reichen Gesellschaften der Moderne weit über alles bisher Bekannte hinaus durch Massenmedien möglich und mittels elektronischer Kommunikationtechnologien konsolidiert wurde. Westfahl spricht von seiner Universitätserfahrung, um zu verdeutlichen, was er meint: „Sobald sie das Seminar verlassen, greifen die meisten Studierenden nach ihren Handy, setzen Kopfhörer auf oder hocken sich mit ihren Laptops hin und surfen im Netz, überprüfen ihre E-mails - sie wollen nie allein sein, und sie müssen nie allein sein. Sie tun mir leid; denn wenn man pausenlos dem zuhört, was der Rest der Welt denkt, wird man zwangsläufig so denken, wie der Rest der Welt denkt.“

          Die hierzu komplementäre philologische Beobachtung, die Westfahl gemacht hat, lautet, daß in der wissenschaftlichen, parawissenschaftlichen und phantastischen Literatur jenes gestörte Verhältnis von globalem Konsens und individueller Besonderheit durch ein wachsendes Interesse an jeder Art von Verschrobenheit konterkariert wird - das Beispiel, das Westfahl gefunden hat, ist die neue amerikanische Prominenz des „Asperger-Syndroms“ dank Beststellern wie „The Feeling's Unmutual - Growing Up with Asperger Syndrome (Undiagnosed)“ (2004) und „Of Mice and Aliens: An Asperger Adventure“ (2001).

          Das Asperger-Syndrom, von medizinischer Seite meist als „leichte Form des Autismus“ klassifiziert, äußert sich als Empathieschwäche mit Sonderlingszügen in der Art, die dieser Artikel einleitend in Frageform beschreibt. Der auch in Deutschland verbreitete, hier vom „Bundesverband Hilfe für das autistische Kind e.V.“ empfohlene Ratgeber „Das Asperger-Syndrom“ des britischen Autors Tony Attwood empfiehlt den Betroffenen Freundschafstraining, Lernen in Gruppen und andere Förderprogramme. Gary Westfahl, der sich in seinem Aufsatz auch selbst als Asperger-Fall diagnostiziert, will davon nichts wissen. Er erfindet lieber eine neue Anthropologie, die das Stigma „Asperger“ ins Positive wendet und den „homo aspergerus“ entdeckt: „Während der Verstand aller übrigen Menschen in den Zeitgeist der gegenwärtigen Zivilisation verstrickt ist“, so Westfahl, „werden jene, bei denen man das Asperger-Syndrom diagnostiziert, diejenigen sein, die brillante neue Ideen haben, dauerhafte Kunstwerke schaffen oder neue Arten entwickeln, die Welt zu betrachten.“

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