https://www.faz.net/-gqz-rxy7

Evolutionstheorie : Der autistische Messias

Wir sind sehr viel weiter: Schaut man sich etwa die Verkehrsformen an, in denen unsere Ressourcenkreisläufe sich abspielen, und betrachtet man, wie sie etwa diktieren, daß die Rohstoffe, auf denen die einen sitzen, per Pipeline oder Frachtschiff zu den anderen gebracht werden, die dafür bezahlen können, dann muß man schließen, daß die Arbeit, die geleistet wird, in den allermeisten Fällen nicht mehr unmittelbar der Selbsterhaltung im Kampf mit der Natur, sondern dem Profit Dritter dient. Dies mag bedeuten, daß der Mensch, dessen Geschichte damit angefangen hat, daß er sich das aneignet, was die Natur hortet, am Ende paradoxerweise die Fähigkeit verloren hat, sich das anzueignen, was er selbst herstellt: Nicht die Witterung enthält den Leuten in der dritten Welt die Nutzung der Ressourcen vor, die sie aus dem Boden befreien, sondern der Weltmarkt knöpft sie ihnen ab, zu unfairen Preisen.

Was uns von Farnen und Fischen unterscheidet

Wenn jeder für sich bleibt, vereinzelt, sprachlos und von der Furcht getrieben, die Gesellschaft könnte ihn verstoßen wie die Natur seinen haarigen Ahnen, dann ist der Mensch dabei, sich aus dem halbfertigen Paradies zu vertreiben, das er sich aus Not gebaut hat. Wenn Autisten Ironie verstehen lernen, werden sie darüber schmunzeln. Einstweilen ist der effektivere Chef womöglich wirklich einer, der mit echter Asperger-Teilnahmslosigkeit durch seine ohnehin austauschbaren Angestellten hindurch auf die Nah- und Fernziele des Unternehmens blicken kann, und umgekehrt wird auch ein Angestellter, der nicht aus Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes - also vor Gemeinschaftsentzug - gelähmt ist, der nicht schon vor der bloßen Möglichkeit erbleicht, einen Fehler zu machen, seine Aufgaben sachgemäßer und effizienter erledigen als einer, der sich noch quälend vorstellen muß, was im Chef und den Kollegen vorgeht. Wundern muß man sich dann nur darüber, daß nicht gleich alle zuhause bleiben und lieber Maschinen den Kram besorgen lassen, die schließlich nicht erst einen evolutionären Sprung oder eine Operation brauchen, um sich für nichts und niemanden außerhalb der gegebenen Aufgabe zu interessierten.

Die Frage, die sich Leute wie Westfahl, die aus einem Mangel eine positive Mutation machen wollen, stellen lassen müssen, lautet: Ist der Mensch, der die Evolution verstehen gelernt hat, ihr überhaupt noch unterworfen? Der „nächste Schritt“ wird Westfahls „homo aspergerus“ nur dann sein, wenn wir auf das Abschreiten solcher Schritte festgelegt sind wie irgendwelche Farne oder Fische. Der Mensch aber könnte die Entwicklungslinie der Naturgeschichte, das letzte, was ihn noch mit seiner Herkunft verbindet, auch bewußt verlassen. Wenn Evolution Schicksal ist, führt sie unter den gegebenen Vorzeichen zum arbeitsfähigen Autisten. Wenn man sie aber steuern kann, führt sie vielleicht zur Solidarität, das heißt zu einer Welt, in der die Angst nicht deshalb verschwindet, weil ihre biologische Grundlage entfällt, sondern weil wir ihre soziale abgeschafft haben.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bundeskanzlerin Angela Merkel, im Hintergrund Kanzleramtschef Helge Braun.

Lockdown bis Ostern : Deutschland hinkt hinterher

Die Corona-Beschlüsse werden nichts daran ändern, dass Deutschland hinterherhinkt. Das liegt an Selbstblockade, die als bürokratische Bräsigkeit wahrgenommen wird.

Fahrbericht Audi Q5 : Ein Q geht um die Welt

Ob in Europa, den Vereinigten Staaten oder in Asien, der Q5 ist seit Jahren Audis Erfolgsgarant. Jüngst wurde die Bedienung überarbeitet, jetzt folgen größere Akkus im Hybrid. Das alles hat allerdings seinen Preis.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.