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Evolutionstheorie : Der autistische Messias

In der Science-fiction vorweggenommen

Die Heldinnen und Helden der Science-fiction, in der sich Westfahl als Philologe auskennt, antizipieren diesen Einfall seit Jahrzehnten. In der vielbeacheten Erzählung „Savant Songs“ (2004) von Brenda Cooper etwa - ein Beispiel, das Westfahl nicht erwähnt - ist der Asperger-Modellmensch eine Physikerin, die das Geheimnis multipler Universen enträtselt, an dem die gegenwärtige Kosmologie mit großem Appetit knabbert: „Ich lernte, daß sie sich nicht viel aus Speisen machte, oder aus dem Wetter, oder auch nur aus Feiertagen. Ich begriff, daß man die Lage von Gegenständen im Labor nicht verändern durfte, und daß sie selbst, wenn sie so eine Veränderung vornahm, sie niemals vergaß. Sie war die Feenkönigin der Physik, und ich blieb bei ihr, wurde ihr Jünger, ihr Watson, ihr ständiger Begleiter.“

Die äußerste Zuspitzung dieses literarischen Motivs erreicht der Australier Greg Egan in seinem Roman „Distress“ (1995), in dem es neben anderen Erstaunlichkeiten auch „absichtliche Autisten“ gibt. Das Buch spielt in einer Zukunft, in der man die evolutionäre Genese und hirnanatomische sowie biochemische Entstehung und Funktion von Mitgefühl, Anteilnahme und ähnlichem bis in kleinste Details entschlüsselt hat. Menschen, die aus tausenderlei Gründen unter dem Zwiespalt leiden, einerseits von ihrem Hirn dazu angeleitet zu werden, Intimität zu suchen, und andererseits dieses Ziel nie zu erreichen - unglückliche Singles also - entscheiden sich bei Egan dafür, jenes evolutionäre Geschenk, das ihnen eine Last ist, operativ entfernen zu lassen, so wie sich Menschen, die keine Kinder wünschen, heute sterilisierenden Eingriffen unterziehen.

Ich schau dir nicht mehr in die Augen, Kleines

Die Pointe ist, daß diese Menschen sich danach nicht als ärmer, sondern als klüger und überlegen empfinden: „Wie viel an Mitgefühl und Intimität“, läßt Egan einen seiner mutwilligen Aspergerianer fragen, „ist echtes Verständnis, und wieviel ist nur der Wahn, etwas zu verstehen? Der Evolution ist es egal, ob wir die Wahrheit wissen, abgesehen von den allerpragmatischsten Belangen. Es kann pragmatische Illusionen geben: Wenn das Gehirn uns ein übertriebenes Gefühl unserer Fähigkeit suggerieren will, einander nah zu sein, damit die zur Reproduktion unerläßliche Paarbildung mit dem vereinzelten Bewußtsein vereinbar ist, dann wird es uns zur Not schamlos anlügen, damit diese Strategie Erfolg hat.“

Die literarischen Beispiele ließen sich vermehren; das Entscheidende aber ist, daß ihre philologische Evidenz selbst auf etwas nicht Biologisches, sondern Soziales verweist: Was wäre, wenn Menschen, die einander nicht mehr anschauen, aber immerhin noch gegenseitig um die Früchte ihrer Arbeit erleichtern können, tatsächlich die geeigneten Kooperationsmodelle für die gegebene Zivilisationsstufe wären?

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