https://www.faz.net/-gqz-9bnt2

Summer School Oxford 1948 : Die Konferenz der geläuterten Generation

  • -Aktualisiert am

Nach dem Ende der Vorlesung: Oxford in der Nachkriegszeit Bild: privat

Oxford im Jahr 1948. Eine einzige Deutsche wird zu einem Kurs über die Zukunft Europas eingeladen. Jetzt blickt sie zurück auf den Sommer ihres Lebens und eine andere, weltberühmte Teilnehmerin.

          6 Min.

          Es war eine Zeit des Aufbruchs und der Suche nach einer gemeinsamen europäischen Friedensordnung, die insbesondere Großbritannien mit Nachdruck anstrebte: Eben erst hatte der langjährige Kriegspremier Winston Churchill in seiner berühmten Zürcher Rede an die akademische Jugend gefordert, „eine Art Vereinigte Staaten von Europa zu errichten“, als die Universität Oxford diese Vorlage im Rahmen einer internationalen Summer School in den Monaten Juli und August 1948 aufgriff. Auf Einladung des Department for Continuing Education fragten 296 Studenten in einer Reihe von Vorlesungen und Seminaren nach der kulturellen, ökonomischen und politischen Ausgestaltung der „European Civilisation in the Twentieth Century“. Es ging um nichts Geringeres als die Zukunft Europas.

          Gekommen waren junge Männer und Frauen aus nahezu allen Nationen Europas diesseits des Eisernen Vorhangs – sowie mehrheitlich auch aus den Vereinigten Staaten, denn der Neuaufbau des geschundenen europäischen Kontinents konnte damals nur als transatlantisches Projekt begriffen werden. Sollte er gelingen, musste um ein tiefgreifendes amerikanisches Verständnis für die mitunter komplizierten geschichtlichen europäischen Zusammenhänge geworben werden. Ohne die wohlwollende Unterstützung der Vereinigten Staaten würde die Alte Welt nicht dauerhaft zur Ruhe kommen. Das war die Meinung der tonangebenden amerikanischen und europäischen Politiker. Geteilt wurde deren Ansicht von den besten akademischen Institutionen der Welt.

          Ein großer Vertrauensvorschuss

          Aus Deutschland fuhr in jenem Sommer nur eine einzige Teilnehmerin nach Oxford. Ihr, der damals vierundzwanzigjährigen Göttinger Geschichtsstudentin Eva-Maria Dahlkötter, wurde ein großer Vertrauensvorschuss gewährt. Immerhin waren die Wunden, die das nationalsozialistische Deutschland der Welt, Europa und auch Großbritannien zugefügt hatte, noch längst nicht verheilt.

          Die britischen Organisatoren hegten die Hoffnung, dass diese junge Deutsche – als Repräsentantin einer geläuterten Generation ihres Landes – zukünftig voller Überzeugung am Aufbau eines gemeinsam und demokratisch verwalteten Europa beteiligt sein würde. So kam es dann auch – weshalb sich die mittlerweile vierundneunzigjährige Dame mit großer Dankbarkeit an die Oxforder Summer School als „entscheidenden Wendepunkt meiner Biographie“ erinnert.

          Eva-Maria Dahlkötter sagt heute, der Sommer in Oxford 1948 habe ihr „die Augen für die Welt geöffnet“.
          Eva-Maria Dahlkötter sagt heute, der Sommer in Oxford 1948 habe ihr „die Augen für die Welt geöffnet“. : Bild: Daniel Pilar

          Im Anschluss an die 1952 in Göttingen erfolgte Promotion – ihre Dissertation über den badischen Politiker und Bismarck-Gegner Franz von Roggenbach wurde vom Neuzeithistoriker Siegfried A. Kaehler betreut – wirkte Dahlkötter als Seminarfachleiterin für Geschichte in Dortmund. Im von den Briten auf den Weg gebrachten neuen Bundesland Nordrhein-Westfalen vermittelte sie fortan etlichen Jahrgängen von Referendaren und Gymnasiallehrern, was sie als ihre Lebensaufgabe erkannt hatte: Nur eine gute Kenntnis der Geschichte würde die Grundlage für den Aufbau eines freiheitlichen, vereinten Europa abgeben. Noch Jahre nach ihrer Pensionierung im Jahr 1985 schrieb sie in Fachzeitschriften über die Notwendigkeit einer bleibenden Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und ihren Folgen. Der in Oxford empfangene Impuls trug reichlich Früchte.

          Heute mutet es die lebenserfahrene Historikerin wie ein Wunder an, dass sie im Frühjahr 1948 vom britischen University Officer in Göttingen, Geoffrey Bird, zur Teilnahme an der Summer School bestimmt wurde. Vielleicht lag es daran, dass ihr Vater als Pfarrer der Bekennenden Kirche im NS-Staat Widerstand geleistet hatte. Oder ihr kam zugute, dass ihre Mutter eine Cousine von Antonie Meinecke war, der Gattin des Nestors der deutschen Geschichtswissenschaft.

          Mr. Bird zahlte die Visa-Gebühren

          Bei Friedrich Meinecke war Dahlkötter in Göttingen oft zu Gast. Sie verfolgte mit, wie der gebrechliche Historiker, der aus Berlin nach Göttingen geflohen war, bereits 1946 eine schonungslose Betrachtung der jüngeren deutschen Geschichte anstellte: „Im kalten Schlafzimmer seiner winzigen, primitiven Zweiraumwohnung“, erinnert sie sich lebhaft, „schrieb er in einem schwarzen Kontobuch den Text seiner Studie ,Die deutsche Katastrophe‘ nieder.“

          Die junge Göttinger Studentin war also von ihrer Familie dahin erzogen worden, für ein besseres Deutschland einzutreten, im internationalen Verbund. Aus diesem Grund hatte sie sich auch schon vor Ende des Krieges dem Studium der englischen Sprache gewidmet. Dieser Lerneifer wurde nun belohnt. Dahlkötter erhielt ein Stipendium des British Council für einen sechswöchigen Aufenthalt in Oxford. Finanziert wurden An- und Abreise sowie Kost und Logis in den Colleges vor Ort. Zusätzlich gab es ein wöchentliches Taschengeld in Höhe von einem Pfund Sterling. „Und Mr. Bird“, betont Dahlkötter, „zahlte mir sogar noch die Visa-Gebühren.“ Als Personendokument diente ihr der Interzonenpass für die britische Zone, denn einen deutschen Reisepass gab es vor Gründung der Bundesrepublik und Inkrafttreten des Grundgesetzes im Mai 1949 noch nicht.

          Während ihres Aufenthaltes notierte sie für ihre Eltern die überwältigenden Eindrücke in sehr ausführlichen Briefen, die sich bis heute erhalten haben: „Eigentlich habe ich es noch nicht richtig kapiert“, schrieb sie im August 1948, „daß ich in England bin.“ Denn dieses wunderbare Land sei „immer so völlig außerhalb meines Gesichtskreises“ gewesen – „und nun lebe ich hier für 2 Monate und sehe jeden Tag etwas Neues und Schönes“. Sie fährt am Wochenende mit dem Zug nach London und blickt an einem feuchten Tag „im zerschlissenen Regenmantel“ und – im Habitus des deutschen Bildungsbürgers – „mit dem Baedeker in der Hand“ von der Lambeth Bridge „hinüber nach Westminster“ zum Parlamentsgebäude und kommt sich dabei „richtig unwirklich vor“. Touren per Anhalter und mit dem Fahrrad führen sie auch in die ländliche Umgebung von Oxford, wo sie in den verwunschenen Dörfern „hübsche Häuser und stattliche Kirchen, alte Abteien und prächtige Gutshäuser von der elisabethanischen Zeit abwärts“ bewundert.

          Allesamt selbstbewusst, nett und aufgeschlossen

          Doch die schlechthin „überwältigende Erfahrung“ war die Summer School in Oxford, der gänzlich freie und anregende Austausch mit den Studierenden aus aller Welt. Besonders beeindruckt ist sie von den jungen Amerikanerinnen, die – wie sich Dahlkötter heute erinnert – allesamt selbstbewusst, nett, aufgeschlossen und außerordentlich großzügig waren: „Das machte ihnen keiner nach.“ Eine von ihnen ist die zweiundzwanzigjährige Harper Lee aus Alabama, die 1960 mit „To kill a Mockingbird“ einen Weltbestseller verfasste. Auch Lee blickte später nostalgisch auf den „beglückenden Oxforder Sommer“ von 1948 zurück.

          Dahlkötter schloss eine Freundschaft mit einer jungen Schwedin, die in ihrer Heimat bereits als Lehrerin tätig war. Zu ihr behielt sie einen engen, lebenslangen Kontakt. Immer gab es zwischen den im Programm vorgesehenen Lehrveranstaltungen genügend Raum für ungezwungene Gespräche unter dem Sommerhimmel. Beherbergt wurde die internationale Summer School in den altehrwürdigen Räumen von Lady Margaret Hall, St Hilda’s College und Worcester College, wo die Jungakademiker nach Geschlechtern getrennt wohnten und gemeinsam speisten.

          Zwischen dem 2. Juli und dem 13. August 1948 trafen sich die Teilnehmer der Summer School in den Seminarräumen der Colleges in wechselnden Kleingruppen, hörten Vorträge und arbeiteten Referate aus. Im Mittelpunkt standen Literatur, Politik, Ökonomie und Philosophie. Dahlkötter musste einen Beitrag zu Details der „irischen Frage“ im neunzehnten Jahrhundert liefern. Zur Vorbereitung standen ihr Bibliotheken der Universität und der einzelnen Colleges offen, darunter die Bodleian Library sowie die Codrington Library.

          In Deutschland war alles verkrampft

          Auch britische Politiker verschiedener Parteien traten in Oxford auf. Mit viel Humor und Understatement erläuterten sie den jungen Zuhörern ihre teils sehr konträren Positionen. Besonders fasziniert war die deutsche Studentin aber von der Art und Weise, wie die Dozenten und Professoren – unter anderem die Literaturwissenschaftlerin Helen Gardner oder der Philosoph Isaiah Berlin – ihre Vorträge hielten: ironisch, selbstkritisch, locker. Es ging darum, einen analytisch versierten und zugleich unterhaltsamen Diskurs zu führen. „Das kannten wir in Deutschland so nicht“, gibt Dahlkötter zu bedenken: „In Deutschland war alles verkrampft, schwierig, verklemmt. Viele Lehrende hatten dort Karrierebrüche erlebt und nach dem Ende des Dritten Reichs meist etwas zu verschweigen.“

          „Mir sind in Oxford die Augen für die Welt geöffnet worden“, fasst die alte Dame die prägenden Erfahrungen des Sommers 1948 zusammen, „das hat für mein weiteres Leben unendlich viel bedeutet.“ Mit einigem Stolz blickt sie daher auf ihr eigenes engagiertes Wirken in der Lehrerbildung zurück, das sie als spürbaren Beitrag zur Schaffung eines demokratisch-europäischen Bewusstseins in der Bundesrepublik Deutschland versteht.

          Die unschöne politische Entwicklung der letzten Jahre, die den hoffnungsvollen Aufbruch Europas nach 1945 in mancherlei Hinsicht wieder in Frage zu stellen scheint, bekümmert sie: „Ich habe den Anfang der europäischen Öffnung erlebt, das allmähliche und stetige Zusammenwachsen in den Jahrzehnten nach den Katastrophen, nach dem Zerfall der parlamentarischen Ordnung. Hoffentlich gehen wir nicht wieder in diese Richtung. Die EU ist eine Friedensordnung von großer Bedeutung, sie sollte nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.“

          Zum Brexit und zur Abkehr der Briten von der Europäischen Union äußert sie sich nachdenklich. „Wahnsinnig traurig“ habe sie das Ergebnis des britischen Referendums zunächst gemacht, dann habe sich der Ärger breitgemacht. „Rechnet ihr nur in Milliarden oder nicht etwa im Hinblick auf das europäische Gesamtgefühl?“, hätte sie den Brexiteers gerne entgegengehalten. Jetzt stellt sich für sie die Frage: „Werden die Briten den Brexit wirklich durchziehen, und wenn, wie wird der Vertrag ausfallen?“

          Jürgen Overhoff ist Professor für Historische Bildungsforschung an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in Düsseldorf (September 2020)

          Sucharit Bhakdi : Der bittere Mediziner

          Sucharit Bhakdi war einmal ein angesehener Professor. Heute befeuert er die Querdenker und behauptet, dass die Deutschen in einer Diktatur lebten. Ein Besuch in Kiel.
          Steuervorteile fürs Aufladen gibt es für Elektroautos, aber auch für Fahrräder und Roller.

          Der Steuertipp : Strom fürs Auto bleibt steuerfrei

          Nicht nur Elektroautos, sondern auch E-Bikes und E-Tretroller werden gefördert. Verbilligtes Aufladen beim Arbeitgeber muss als Vorteil nicht versteuert werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.