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Eurovision Song Contest : Singt die Ukraine ein Lied für Europa?

Goldglitter unter Tränen: Jamala gewinnt mit „1944“ den Eurovision Song Contest für die Ukraine. Kann sich die Ukraine diesen Sieg leisten? Bild: dpa

Der Chef des Kiewer Rundfunks hat seinen Job gekündigt. Er soll den „Eurovision Song Contest“ ausrichten, hat dafür aber kein Geld. Die Entscheidung, wie es weitergeht, fällt an diesem Donnerstag. Ein Ortsbesuch.

          Vor einem Jahr, da hatte Surab Alasania viel Hoffnung. Er residierte hoch oben in einem Turm, der sich in Kiew, einem Burgfried gleich, über den Gebäuden des Staatsfernsehens erhebt. Am Eingang zwei Uniformierte in einem mit Sandsäcken gesicherten Unterstand. Der Krieg in der Ostukraine ist fern, aber immer gegenwärtig. Fernsehen ist Macht. Wann immer in Osteuropa russische Panzer rollten, selbst während des Moskauer Putsches 1991, war eines ihrer ersten Ziele der örtliche Fernsehturm.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Vor einem Jahr, da war der 51 Jahre alte Alasania, so kann man es sehen, auf dem Gipfel seiner Karriere. Ein steiniger Gipfel: Er sollte in der vom Krieg mit Russland ausgelaugten Ukraine das Staatsfernsehen reformieren, es in eine Art öffentlich-rechtliches Fernsehen umwandeln. In „eine Kette wie die deutsche ARD“, wie er sagt. Eine Herkulesaufgabe. Alasania hat, wie so viele kreative Menschen im Osten Europas, eine wilde Patchwork-Biographie: Er ist gebürtiger Georgier, studierte zu Sowjetzeiten in der Ukraine, arbeitete bei der U-Bahn in Charkiw, war Kunstmaler, ging nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Griechenland, wollte in Frankreich bei der Fremdenlegion anheuern. Dann besann er sich eines Besseren. Er schrieb über die Fremdenlegion, kehrte in die freie Ukraine zurück und wurde Journalist.

          „Der finanzielle Druck ist schlimmer als jeder politische Druck“

          Nach dem ersten Schritt der Ukraine Richtung Europa, der „Orangen Revolution“ von 2004, leitete Alasania fünf Jahre lang in Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes, die Redaktion des Staatsfernsehens. Nach der „Revolution der Würde“ oder dem „Euro-Majdan“ von 2013/14, wurde er zum Generaldirektor des Senders berufen, der sich in „Perschyj“ (Das Erste) umbenannt hatte. Chef über 8.300 Mitarbeiter, davon 1.500 in der Zentrale. Alasania konnte über seine Aufgabe bisweilen sehr undiplomatisch reden: „Das Gesetz verbietet es, mehr als dreißig Prozent der Belegschaft auf einmal zu entlassen. Wenn ich alle feuern würde, die nicht arbeiten, hätten wir hier im Fernsehgebäude den nächsten Majdan.“

          Dazu ist es nicht gekommen. Anfang November hat Alasania selbst seinen Rücktritt eingereicht. Er hatte sich aufgerieben, einen Herzinfarkt und eine Operation hinter sich. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war ausgerechnet der Eurovisions-Wettbewerb. Nachdem in diesem Jahr eine Tatarin von der Krim für die Ukraine gewonnen hatte, darf das Land im nächsten Mai Gastgeber sein. Das aber hat bewirkt, dass der Rundfunkchef Alasania seinen Hut nimmt. Die „skandalöse“ Budgetpolitik der Regierung sei der Grund, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung: „Das Erste müsste im Haushalt 2017 regulär 1,2 Milliarden Hrywnia (etwa 46 Millionen Euro) bekommen. Das Finanzministerium tat so, als könne man von diesem Geld noch nebenbei die Eurovision ausrichten.“ Nach seinem Rücktritt habe die Regierung schnell einen eigenen Haushaltsposten „Eurovision“ verabschiedet: sechzehn Millionen Euro. „Der finanzielle Druck“, sagt Alasania, „ist schlimmer als jeder politische Druck, den wir verspürt haben.“

          Es hängt von Persönlichkeiten ab

          Was die Politik betrifft, hat sich der Staatssender einen beträchtlichen Freiraum erkämpft. Die wichtigste investigative Sendung des Kanals recherchierte zuletzt, dass sich das Innenministerium eine aufwendige, gut gesicherte Kommandozentrale außerhalb der Stadt eingerichtet habe, die zurzeit nur einen Bewohner habe: den Innenminister selbst. Zuvor hatte die Sendung über Offshore-Konten des Staatspräsidenten Petro Poroschenko berichtet.

          „Der finanzielle Druck ist schlimmer als jeder politische Druck, den wir verspürt haben“, sagt Surab Alasania.

          „Sicherlich hat auch Alasania Anrufe von den Mächtigen bekommen, so läuft das doch in unserem Land“, sagt Diana Duzyk, Geschäftsführerin der Nichtregierungsorganisation „Detektor media“ in Kiew. „Aber Alasania hat ihnen Paroli geboten. Bei uns hängt eben vieles von den Persönlichkeiten ab. ,Das Erste‘ ist niemandem zu Diensten, das merkt man auch an den Nachrichtensendungen.“

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