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Zukunft Europas : Wem totale Einmauerung nutzt

  • -Aktualisiert am

„Solidarität“ gibt es in kapitalistischen Ökonomien nicht. Wie steht es dann um den europäischen Humanismus? Bild: dpa

Moral ist eine Sache, Ökonomie aber die entscheidende: Europa muss sich überlegen, welchen Werten es angesichts der Flüchtlinge die Treue halten will. Ein Gastbeitrag.

          Nachdem die ersten, vor allem syrischen Flüchtlinge deutsches Territorium betreten haben, kam es beinahe erwartungsgemäß zu rassistischen Protesten gegen ihre Anwesenheit. Die durchaus hohe Zahl der Ankommenden verursacht Angst und Ressentiment. Der Rassismus erscheint wieder mit seinem genuinen Verbündeten, dem Sozialneid, der stets wachen Furcht, im Kampf um den Platz an der Sonne noch weiter in den Schatten gedrängt zu werden. Nicht, dass der Kapitalismus der Ursprung des Rassismus wäre. Doch indem er die sozialen Unterschiede produziert, befördert er, was der Ungeist ohnehin verfolgt.

          Das Flaggschiff der Eurozone, Deutschland, hat Verantwortung übernommen. Es hat mit einer durchaus bemerkenswerten Bereitschaft seine Tore geöffnet. Dabei berühren die Diskussionen stets dieselben Themen: Die Rufe nach „Solidarität“ fordern den Reichtum einer Gesellschaft ein, die von der Eurozone enorm profitierte und profitiert. Doch die Forderung ist problematisch. Auch die deutsche Gesellschaft hat mit sozialen Unterschieden zu kämpfen. „Solidarität“, die jetzt den Flüchtlingen gelten soll, gibt es in kapitalistischen Ökonomien nicht. Was es gibt, ist eine ökonomische Mindestversorgung, die soziale Unruhen verhindern soll. So wird der Aufruf zu Recht als unglaubwürdig empfunden.

          Wie sieht der zukünftige Europäer aus?

          Neben dem Appell, am Schicksal der Flüchtlinge Anteil zu nehmen, werden auch die Rufe nach einem stärkeren Eingreifen der Europäischen Union lauter. Abgesehen davon, dass die Lasten der Unterbringung und Verpflegung der Flüchtlinge gerechter verteilt werden sollen, müsse sich Europa auch daran erinnern, wer es ursprünglich und eigentlich sei. „Europa“ scheint eine Formel zu sein, die unmittelbar eine humanistische und daher humane Gesinnung beschwört. Warum eigentlich?

          Ende der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts beschrieb Friedrich Nietzsche den „Gesamt-Anblick des zukünftigen Europäers“ so: „Derselbe als das intelligenteste Sklaventier, sehr arbeitsam, im Grunde sehr bescheiden, bis zum Exzess neugierig, vielfach, verzärtelt, willensschwach – ein kosmopolitisches Affekt- und Intelligenzen-Chaos.“ Die Tatsache, dass in der Eurozone nicht selten das Arbeitsethos und die unterschiedliche Produktivität ihrer Mitglieder diskutiert werden (wie war das noch mit den Griechen?), kann bezeugen, dass Nietzsche die Zukunft Europas richtig interpretierte. Europa ist nicht (mehr?) der Repräsentant eines vielleicht weltoffenen Humanismus, sondern der Bereich eines auf Hochtouren laufenden Kapitalismus, in dem der am meisten profitiert, der am intelligentesten agiert.

          Inzwischen sekundär: Die Idee von Europa

          Freilich liegt genau hier das Problem. Was wir mit der großen Geschichte Europas verbinden – die Ideen von Athen, Jerusalem, Rom und Paris –, hat eine universale Emanzipation hervorgebracht, die sich im Universalismus von Technik und Kapital eine entsprechende Welt zu bauen verstand. Konnte der Philosoph Edmund Husserl im letzten Jahrhundert von der „Europäisierung der Menschheit“ sprechen und damit vor allem an ihre humane Rationalisierung denken, so blieb davon spätestens am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts kaum etwas anderes übrig als eine entzauberte Welt, die „kosmopolitisch“ dem Menschen offenstand; aber nur, soweit er bereit und fähig war, in den ökonomischen Prozessen dieser Welt irgendeine Rolle zu spielen.

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