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Zukunft Europas : Wem totale Einmauerung nutzt

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„Wir Europäer von übermorgen“: Friedrich Nietzsche
„Wir Europäer von übermorgen“: Friedrich Nietzsche : Bild: picture-alliance / dpa

Wenn Achill Mbembe, der Star des postkolonialen Diskurses, vor kurzem bemerkte, dass „Europa nicht mehr das Gravitationszentrum der Welt“ sei, dann dachte er ohne Zweifel daran, dass Europa selbst seine Geistesgeschichte in Wirklichkeit nur noch als sekundär betrachtet. Wie alle anderen politischen Gebilde versucht es „bescheiden“, sich ohne ein Pochen auf den kulturellen Überbau, so erfolgreich wie möglich, in den universalen Kanälen des Kapitals zu bewähren. Europa bietet den Flüchtlingen keine Einführungskurse in Platon an, sondern die Aussicht auf einen Genuss, der sich mit ihrer Produktivität verbindet. Und das ist gut so.

Die Grenzenlosigkeit des Kapitals

Europa ist wie die Welt als solche eine „Maschine des Kapitals“ (Schumpeter) geworden. Es war vor allem der Universalismus ökonomischer Prozesse, der die innereuropäischen Grenzen verschwinden ließ. Die Globalisierung hat eine einzigartige Durchlässigkeit der Welt hervorgebracht. Gewiss, nicht jeder kann diese Durchlässigkeit auf dieselbe Weise nutzen. Doch selbst die Ärmsten scheinen sie noch so sehr zu genießen, dass niemand auf revolutionäre Gedanken kommt. Die Ungerechtigkeit, die es gibt, bleibt politisch wirkungslos.

Genau hier ergibt sich nun ein dialektischer Effekt. Die von ebendieser Maschine produzierte Grenzenlosigkeit des Kapitals führt dazu, dass die Verfolgten, die Flüchtlinge dieser Welt, den Raum der Eurozone auch für sich beanspruchen können. Die Verheißung des Kapitals hat im 21.Jahrhundert längst keine territoriale Signatur mehr. Der Staat, der sich als Nation behauptet, ist ein Anachronismus. Wenn Europa beginnt, sich an seinen Rändern abzuschotten, wenn die Bewohner der EU anfangen, nationale oder selbst kulturelle Identitäten aufmarschieren zu lassen, verletzen sie das universalistische Prinzip ihrer eigenen Welt.

Abschottung wäre Selbstaufgabe

Gewiss, der dialektische Rückschlag der universalistischen Öffnung schert sich nicht darum, dass er ebendiese Offenheit negiert. Der Aufmarsch der hohl gewordenen und vor allem rassistischen Identitäten schminkt sich stattdessen mit der Tünche des Antikapitalismus. Wer schon nicht an der Beschleunigung des globalen Lebens teilhaben kann, verbarrikadiert sich in seiner Unbeweglichkeit. In dieser Hinsicht bleibt das „Sklaventier“ den Beweis seiner „Intelligenz“ schuldig. Indem sich die Eurozone abschottet, stärkt sie also die Rassisten – eine totale Einmauerung wäre ihr Triumph.

Europas Abschottung stützte aber nicht nur die marschierenden Gestalten der Vergangenheit, sie wäre in politischer Hinsicht eine Selbstaufgabe. Das muss vermieden werden. Eine Konsequenz der universalen Dimension des Kapitals ist eine entideologisierte und areligiöse, will sagen: pragmatische Politik. Eine solche Politik sollte Europa nicht nur in seinem Inneren praktizieren. Wenn das Problem der Flüchtlinge, das Problem der Flucht, nachhaltig gelöst werden soll, dann sollte Europa anfangen, die politischen und ökonomischen Probleme dort zu bearbeiten, wo sie entstehen. Die Aufnahme und Verpflegung der Flüchtlinge entspricht der universalistischen Logik unserer Lebensweise. Doch sie schiebt die Lösung des Problems nur auf.

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